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Fazit | Beitrag vom 08.01.2021

Gendergerechte Sprache im DudenAusdruck eines veränderten Rollenverständnisses

Gabriele Diewald im Gespräch mit Marietta Schwarz

Die Fachzeitschrift journalist dekliniert auf dem Titelblatt das Wort in allen Varianten durch. (imago images / Arnulf Hettrich)
Sprache zeige gesellschaftliche Veränderung, sagt Gabriele Diewald. (imago images / Arnulf Hettrich)

Der Duden listet in seiner Onlineausgabe gleichberechtigt männliche und weibliche Formen von Substantiven auf. Die Linguistin Gabriele Diewald befürwortet das, denn neue Schreibregeln seien Ausdruck einer veränderten Gesellschaft.

Der Duden wendet sich vom generischen Maskulin ab. ln der Online-Ausgabe gibt es nicht mehr nur die die männliche Form von Nomen – bei denen sich Mädchen und Frauen einfach mitgemeint fühlen sollen – sondern es wird differenzierter: Gleichberechtigt stehen dort jetzt etwa "Ärztin" und "Arzt".  

Beschreibung der Bedeutung ist gleichberechtigt

Und das sei notwendig, sagt die Linguistin Gabriele Diewald von der Universität Hannover. Es gebe beide Einträge zwar schon seit 20 Jahren im Online-Duden. Doch die Einträge für die weiblichen Berufsbezeichnungen – als Rollenfunktionen und Personenbezeichnungen – hätten bislang immer auf die männlichen Pendants verwiesen, um zur Bedeutungsbeschreibung zu kommen.

"Das wurde jetzt getrennt, das heißt: Jeder Eintrag hat auf einen Klick gleich seine Bedeutungsbeschreibung beigegeben. Das ist das eigentlich Neue. Also es ist nicht so, dass jetzt plötzlich neue Personenbezeichnungen erfunden und eingeführt würden." Zudem sei dies für ein Online-Lexikon sehr praktisch, um mit weniger Klicks zur Bedeutung von Worten zu kommen.

Worte zeigen Statusrollen

Bei Personenbezeichnungen sei die deutsche Sprache eindeutig, beispielsweise bei der Verwandtschaft: "Angefangen von Mutter, Vater über Schwester, Bruder, über Tochter, Sohn, Tante, Onkel." Berufs- und Funktionsbezeichnungen würden dagegen häufig von der männlichen Form abgeleitet, wie etwa aus "Lehrer" "Lehrerin" würde, so Diewald.

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Umgekehrte Wortbildungen seien selten zu finden: "Maskulinformen abzuleiten, mit er-Endung zum Beispiel – aus Hexe wird Hexer, aus Witwe wird Witwer – gibt es nicht so viele, weil Frauen normalerweise keine gesellschaftlichen Statusrollen hatten, die extra benannt wurden. Also das ist das Historische."

Ausdruck einer veränderten Gesellschaft

Die neue, gleichgewichte Benennung dieser beiden Funktionsrollen im Lexikon lege genau diese Parallelität offen: "Das ist ein Reflex der Tatsache, dass unsere Gesellschaft sich einfach verändert hat. Es wird nicht mehr davon ausgegangen, dass die männliche Bezeichnung für alle stehen kann, weil eben zum Beispiel Frauenzonen so nicht relevant sind, nicht vorkommen, diesen Beruf ohnehin nicht haben."

Die Veränderungen im Sprachgebrauch einer komplexen Gesellschaft sei immer auch eine soziale und auch politische Sache. Dass sich Bezeichnungen veränderten, zeige, dass sich auch gesellschaftlich etwas ändere: "Oder es hat sich schon etwas geändert, und die Sprache zieht endlich nach."

Kritik daran gebe es auch darum, weil manche befürchteten, dass Dinge verändert würden, die sie nicht verändert haben wollten: "Da gibt es vielerlei Motive, wieso einem so was auffällt und wieso man für oder gegen diese Veränderungen sein kann."

Diskussion aus den 70er-Jahren

Das Thema der Gleichberechtigung in der Sprache sei seit 50 Jahren aktuell, so Diewald: "Das wurde immer etwas zurückgedrängt. Das wird immer so ein bisschen vergessen, dass die ersten harten Diskussionen in den späten Siebzigern waren und die ersten Leitfäden auch zu der Zeit – auch internationale Leitfäden."

Diewald verweist auch auf die Broschüren der Berufsfelder der Agentur für Arbeit: "Da sind immer Berufsbezeichnungen –Lehrer und Metallbauerinnen und alles Mögliche – drin. Und das hat ja schon seinen Grund, dass diese Formen inzwischen immer systematisch als Beid-Nennungen auftreten. Das ist eigentlich Praxis."

(mle)

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