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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2015

Gemeinschaftssiedlungen in DänemarkZusammen schöner wohnen

Von Erhard Bultze

Bewohner der "Freien Stadt" Christiania in Kopenhagen 2011 (dpa / picture alliance / SCANPIX DENMARK / Jens Noergaard Larsen)
Bewohner der "Freien Stadt" Christiania in Kopenhagen (dpa / picture alliance / SCANPIX DENMARK / Jens Noergaard Larsen)

Dänemark gilt als Pionierland für gemeinschaftsorientierte Wohnformen. Anfang der 70er Jahre riefen junge Menschen in Kopenhagen die "Freie Stadt Christiania" aus. Wenig später entstanden erste kleine Siedlungen mit Gemeinschaftshäusern.

In Albertslund, vom Kopenhagener Stadtkern 25 Minuten S-Bahnfahrt entfernt, fand sich geeignetes Bauland. Die Initiatoren gründeten eine Eigentümergemeinschaft, trafen sich zu Planungsworkshops – und zum ersten Picknick auf der noch unbebauten "langen Wiese", dänisch: LANGE ENG. Ein anregendes Gemeinschaftsleben mit vertrauten Nachbarn sollte es werden. Diese Idee stand am Anfang.

"Ein bisschen wie in einem Dorf, das war unser Plan: Dass man einander besser kennt, als sich die Leute im Mietshaus in der Großstadt kennen - oder die Nachbarn in einer Reihenhaussiedlung, wie die hier bei uns gleich nebenan."

Das Wohnprojekt liegt zwischen dieser Reihenhaussiedlung, einem Gewerbegebiet und einem Gefängnisgelände.

Ein geschlossenes Karree aus dreistöckigen Gebäuderiegeln mit vielen Terrassen und Hauseingängen. 54 Wohneinheiten, wie Reihenhäuser unter einem Dach. In der Mitte der gemeinsame Gartenhof. Die kleinsten Wohnungen haben 71 Quadratmeter, die größten 128. Viele sind zweigeschossig.

Vom Wohnzimmer - mit doppelter Raumhöhe - führt eine Treppe auf eine Empore. Jeppe Rønnov wohnt hier mit seiner Frau und zwei Kindern auf 95 Quadratmetern: "Unten ist der große Wohnbereich mit Küche und kleinem Arbeitszimmer. Oben das große Schlafzimmer - und ein weiteres, kleines. Nach hinten raus liegt die Terrasse, als Übergang zum gemeinsamen Innenhof. Vor der Haustür liegt noch ein privates Vorgärtchen, da pflanzen wir Sonnenblumen und Erbsen an."

Der gemeinsame Hof wirkt wie ein kleiner Park, mit Obstbäumen, Sträuchern und Spielgerät. Keine Hecken oder Zäune.

Dänemark gilt als Pionierland für gemeinschaftsorientierte Wohnformen. Anfang der 1970er-Jahre entstanden große Landkommunen. In Kopenhagen besetzten junge Leute ein früheres Kasernengelände und riefen die sogenannte "Freie Stadt" Christiania aus. Wenig später bewiesen erste kleine Siedlungen mit Gemeinschaftshaus, dass Berufsalltag und bürgerliches Familienleben durchaus mit einer gemeinschaftlichen Wohnform vereinbar waren. Frage an Laura: Wie viel "Christiania" steckt in LANGE ENG?

Drei Prozent, antwortet sie und lacht. LANGE ENG sei ja keine Großkommune mit Basisdemokratie.

"Wir haben hier ja Wohneigentum erworben, aus eigener Tasche bezahlt und zahlen ganz normal Steuern - ich glaube, wir sind halt mehr oder weniger ordentliche, langweilige Bürgersleut'!"

Laura Juvik schaut aufs Smartphone: Im gemeinsamen Intranet machen alle aktuellen Probleme und Fragen der Bewohner die Runde:

"Ob jemand einen verloren gegangenen Schlüssel gefunden hat. Oder wenn ein Kind Spielkameraden sucht. Heute steht hier, dass sich einer einen Computervirus eingefangen hat und Hilfe braucht.

Eine andere Familie fragt nach einem Gästezimmer. Sie bekommt Besuch aus dem Ausland. Einer der Nachbar bittet, das Fahrrad seiner kranken Tochter von der Fahrradwerkstatt abzuholen. Das habe ich gemacht und habe dort 670 Kronen ausgelegt."

In Dänemark wird auf gute Nachbarschaft viel Wert gelegt. Auch im sozialen Wohnungsbau wurde seit Mitte der 70er-Jahre zunehmend in Form kleiner Siedlungen gebaut, jede mit eigener Mietervertretung und Gemeinschaftsräumen.

Das Gemeinschaftshaus von LANGE ENG ist 600 Quadratmeter groß, über zwei Etagen verteilt, mit Küche, Speisesaal und weiteren Räumen.

"Küchendienst ist Pflicht"

Während in der Spielecke zwei Dreijährige auf eine große bunte Lokomotive klettern, werden am anderen Ende vom Speisesaal acht lange Tische gedeckt. Henriette sieht auf dem Smartphone nach, ob sich die Zahl der Essensgäste geändert hat.

"Heute sind wir rund 70 hier im Gemeinschaftshaus. 100 Portionen werden zusätzlich abgeholt und zu Hause gegessen. Im Speisesaal haben wir ohnehin nur für 100 Leute Platz. Außerdem wollen einige Familien auch mal unter sich sein. Denn manche Kinder können hier nicht in Ruhe essen, sondern wollen lieber mit den anderen weiter spielen."

An sechs Wochentagen gibt es hier warmes Essen - serviert von Nachbarn, die gerade Küchendienst haben. Für Henriette, von Beruf Ärztin, ist das ein echtes Plus an Lebensqualität:

"Weniger Stress nach Feierabend: Man muss nicht schnell noch einkaufen und kochen - und hat Zeit für die Familie. Darum beneiden mich meine Arbeitskollegen schon mal, die stehen viel mehr unter Zeitdruck."

Henriette, heute fürs Tischdecken zuständig, setzt sich sonst einfach an den gedeckten Tisch – wenn sie will, jeden Abend. Außer samstags und in der Zeit, in der sie selbst Küchendienst hat: Kochen, Abwasch und Küchenputz. Das Ganze an drei Tagen in Folge. Küchenchef in LANGE ENG ist allerdings nur, wer möchte.

"Küchendienst ist Pflicht, alle sechs Wochen, mit neun, zehn Nachbarn in einem Team. Obligatorisch ist auch die Mitarbeit in wenigstens einer weiteren Gruppe, zum Beispiel beim Großreinemachen im Gemeinschaftshaus oder bei der Gartenpflege, in der Internetgruppe oder im Hausmeisterteam, das sich um Reparaturen kümmert."

Henriette gehört zu der Gruppe, die Feste organisiert - und Veranstaltungen, die sich auch an andere Einwohner der Stadtrandgemeinde richten. Früher hatten sie und ihr Mann eine schöne Altstadt-Wohnung: "Ich hab' gern in der Stadt gewohnt, wo immer was los ist, aber mein Mann wollte ein Haus im Grünen. Hier haben wir nun von beidem ein bisschen: die lebendige Nachbarschaft - und einen riesigen Garten, um den ich mich noch nicht ´mal selbst kümmern muss, das ist doch wunderbar!"

Hinten in der großen Küche stellt der diensthabende Koch gerade Gebratenes in den großen Ofen. In dem werden schon etliche Pfannenladungen warmgehalten.

Das wird ein kambodschanisches Reisgericht mit mariniertem Rindfleisch, Tomaten und Salat, erklärt Jesper - und wirkt so entspannt, als arbeite er seit Jahren in der Gastronomie. "Nein! Ich bin beim Finanzamt in der EDV. Aber ab und zu mal für die Nachbarn zu kochen - für 150 Leute statt nur für zwei Erwachsene und ein Kind, das macht mir wirklich Spaß!"

Lebensmittel und Zutaten werden übers Internet bestellt und angeliefert, aber 170 Portionen Salat anrichten, das dauert. Kirsten hat Zwiebeln und Tomaten geschnitten, die Salatschalen gefüllt und Dressing auf die Tische gestellt. Nach dem Essen kümmert sie sich dann noch mit ein paar anderen um den Abwasch.

Sie muss dabei an eine dänische Heimvolkshochschule denken, sagt sie: Da lebe man auch mit hundert anderen eine Zeit lang zusammen. Eine Erfahrung, die Kirsten mit vielen Dänen teilt. Solche Heimvolkshochschulen für Erwachsene - rund 70 gibt es im ganzen Land - sind eine dänische Erfindung. Jugendliche in Dänemark verbringen zudem auch gern das neunte oder zehnte Schuljahr an einer Internatsschule.

Im Speisesaal begrüßt Chefkoch Jesper seine Nachbarn und erklärt die Zutaten des Menüs. Rund 70 Erwachsene und Kinder sitzen an den langen Tischen. Eine Mahlzeit kostet um die vier Euro, die Kinderportion kostet zwei, die Kleinsten essen kostenlos. Thorben Heikel Vinther arbeitet als Web-Berater und hat das Buchungssystem fürs Gemeinschaftsessen eingerichtet:

"Anfangs war geplant, dass man am Eingang bezahlt. Wir haben dann aber die elektronische Lösung gewählt. Bezahlt wird per Bankeinzug. Übers Intranet meldet man sich jeweils für einen Monat zum Essen an oder gleich fürs ganze restliche Jahr. Oder aber man entscheidet von Tag zu Tag, ob man mag, was serviert wird – oder man kocht sich lieber selbst was."

Buntes Früchte-Graffiti in Christiania, der alternativen Siedlung von Kopenhagen (imago / Sergienko)Buntes Früchte-Graffiti in Christiania, der alternativen Siedlung von Kopenhagen (imago / Sergienko)Und wer verhindert ist und die bestellte Portion nicht essen kann, der bietet sie im Intranet an. Meist findet sich ein Abnehmer, etwa wenn jemand Besuch hat. Küchendienst schwänzen ist nicht erlaubt, notfalls wird getauscht. Das gemeinsame Essen ist Kern des Gemeinschaftslebens - und eigentlich immer lecker:

Man komme ja als Chefkoch nicht oft dran, sagt Linea, da würde jeder gerne was Besonderes zubereiten. Sie steht auf Fischgerichte, also gibt es Fisch, wenn sie in der Küche das Sagen hat. Linea arbeitet in einem Jobcenter und hat zwei kleine Kinder. Am Leben im Wohnprojekt schätzt sie vor allem den vertrauten Umgang mit anderen Erwachsenen. "Man wohnt ja Tür an Tür und trifft sich ohne viel Aufwand zum Literaturkreis oder zum Stricken, und einige gehen zusammen schwimmen oder joggen. Gemeinsames ergibt sich hier leicht."

Abends im Speisesaal lassen sich Aktivitäten schnell besprechen. Die Kinder machen es vor. Für ihre Eltern aber wird das Gemeinschaftsessen schon mal zum Problem: "Da wollen die eigenen Kinder lieber bei anderen Kindern am Tisch essen, und wir als Eltern müssen sehen, dass unser Familienleben nicht zu kurz kommt. Und darum ziehen auch wir uns öfters mal in die eigenen vier Wände zurück."

Gleich nach dem Essen stürmen ein paar Jungs ins Obergeschoss und zeigen den großen Spielraum. Und gleich nebenan: Das eigene Kino! - mit großer Leinwand und 20 Kinosesseln. Im Nebenraum außerdem ein Café, mit Sofaecke und Bar-Tresen. Im Kinosaal treffen sich auch die Erwachsenen zum Fernsehen:

Der Traum hat sich erfüllt

"Den ESC haben wir zusammengeguckt. Und wenn Fußball kommt, schreibt man ins Intranet: ich geh' Fußball gucken, dann treffen sich hier die Väter. Und immer am Freitagabend trinken wir Erwachsenen im Caféraum in Ruhe unser Gläschen Rotwein, während die Kinder im Kino Trickfilme sehen und Süßigkeiten essen."

Martin Dohn und seine Frau - beide arbeiten in Ministerien - haben zwei Kinder und sind in LANGE ENG zu Hause, seit es das Wohnprojekt gibt: "Unser Traum war eine praktische Gemeinschaft, ein guter Rahmen für den Alltag einer vielbeschäftigten Familie."

Und dieser Traum habe sich erfüllt, sagt der 40-Jährige. Auch wenn ausgiebige gemeinsame Erlebnisse mit Nachbarn seltener sind als erwartet. "Die Leute sind beruflich eingespannt und jede Familie hat viel um die Ohren, da bleibt oft wenig Zeit für Nachbarn und Gemeinschaft. Zum Glück sind wir hier aber - mit rund 100 Erwachsenen - so viele, dass sich trotzdem für gemeinsame Aktivitäten genügend zusammenfinden."

2008 ist die Gründergeneration eingezogen; die meisten sind geblieben. Weil es in LANGE ENG auch kleinere Wohnungen gibt, können Paare, wenn der Nachwuchs ausgezogen ist, innerhalb der Anlage umziehen, falls etwas frei wird. Beim Einzug waren alle Kinder im Vorschulalter; heute wären Familien mit kleinen Kindern wieder sehr willkommen. Und auch Vertreter einer anderen Gruppe, meint Thorben: "Wär' nett, wenn hier mehr Handwerker wohnten! Ich selbst bin da nicht so begabt, und das ergäbe auch eine buntere Mischung." Die Älteste unter den Heranwachsenden hat mittlerweile ihr Abi gemacht. Nun ist Sina ausgezogen. Sie zieht folgendes Resümee und wünscht sich, "dass alle hier im Umgang miteinander ein bisschen aufgeschlossener wären! Auch wenn das blöd klingt. Man glaubt vielleicht, in einer großen Wohngemeinschaft wäre das Leben freier und irgendwie hippiemäßig, aber dafür sind hier nicht genug echte Hippie-Typen!"

Mehr zum Thema:

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