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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2009

Gemalte Dualität

Maria-Lassnig-Ausstellung in Wien

Von Hartmut Krug

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Farbtuben (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)
Farbtuben (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)

Im September feiert Maria Lassnig ihren 90. Geburtstag, und noch immer ist ihre malerische Produktivität ungebrochen. Die Wiener Ausstellung "Das neunte Jahrzehnt" versucht deshalb auch keine Retrospektive, sondern sucht mit rund 60 großformatigen Gemälden aus den letzten zehn Jahren nach einem Altersstil.

Die erste Überraschung: die Künstlerin, die mit ihren nicht realistisch zu nennenden body awareness paintings berühmt wurde, bei denen sie nicht den "Gegenstand" Körper, sondern ihre Empfindungen vom Körper malte, die also ins Innere schaute, um das Äußere wahrzunehmen und darzustellen, hat in den letzten Jahren vor allem gegenständlich gemalt.

"Sie macht nicht jede Woche etwas anderes, aber sie wechselt schon sehr stark nach Befindlichkeit. Sie ist nicht immer gleich gut, auch körperlich, in der Form, und je schwächer sie ist, desto realistischer wird sie. Ich weiß nicht, ich hab es noch nicht nachgeprüft, wie weit das richtig ist, aber sie meint jedenfalls, dass sie, wenn sie sich körperlich schwächer fühlt, eher zu einem Realismus neigt, und eher die abstrakteren Bilder, wenn sie sehr stark ist."

Schwach aber sind die neuen, realistischen Bilder keineswegs. Ganz im Gegenteil, sie strahlen eine enorme, vor allem auch farbliche Kraft aus, die der Künstlerin auf ihren aktuellen Selbstporträts kräftige, ja kantige Konturen gibt. Kurator Wolfgang Drechsler führt dies auf Maria Lassnigs Abkehr von einer Ton-in-Ton-Malerei schon in ihren Akademiezeiten zurück:

"Es ist jedenfalls die Betonung sehr stark, die man bei ihr hat, weil sie praktisch Farben nebeneinander setzt und wenn man genau schaut, zum Teil wirklich mit Konträrfarben arbeitet. Sie setzt ein Rot unmittelbar neben ein grün, und es wirkt im Auge des Betrachters gar nicht so, sondern wird fast zur Fleischfarbe. Aber das macht das Kantige aus, das ich eben sehr starke Striche setze und dadurch Konturen habe."

Sprachlos, fast unbeholfen, wirken die Figuren Maria Lassnigs, die stets ohne Hintergrund, nur vor klarer, kräftiger Farbe, wie mit dem Pinsel gezeichnet wirken. Neben einer kleinen Serie von "Adam und Eva"-Bildern gibt es in der Ausstellung auch eine Reihe dunkler, in Kellergewölben entstandener, entfernt an Kippenberger erinnernder Werke, auf denen Paare mit Plastikplanen hantieren. Von der Licht- und Beleuchtungswirkung und der körperlichen Plastizität her sind es malerisch recht extreme Bilder. Inszeniert wie alle Bilder von Maria Lassnig, entstanden sie aus malerischen Überlegungen, auch wenn sie sich beim Betrachter durchaus mit sexueller Mehrdeutigkeit aufladen. Die richtig bösen Bilder Maria Lassnigs, auf denen ein dicker Mann mit einem kleinen Mädchen hantiert wie bei "Der Kinderschänder" beunruhigen in ihrer zweideutigen Eindeutigkeit, ohne künstlerisch zu überzeugen. Während "Der Weltzertrümmerer", auf dem der gleiche dicke Mann einen Ball zerdrückt, aus dem Luft gelassen wurde, gestisch-farblich und mit seinem bösen Witz überzeugt.

Ein Glanzstück der Ausstellung aber ist "Du oder Ich". Das nackte Selbstbildnis mit zwei Pistolen hatte bereits im letzten Sommer in der Londoner Serpentine Gallery großes Aufsehen erregt. Auch in Wien, wo man durch eine Art Gang direkt auf das Bild zugehen muss, wird man von dem zwischen Kraft und Opferschwäche, zwischen Außen- und Innensicht changierenden Ausdruck des Bildes, auf dem die Beine des haarlos nackten Körpers der alten Frau provokativ gespreizt sind, zugleich fasziniert wie verunsichert. Kurator Wolfgang Drechsler:

"Es ist sicherlich ein sehr starkes, direktes Bild. Sie schaut einen auch unheimlich an, also die Augen verfolgen einen, wenn man davor steht. Sie hat zwei Pistolen in der Hand, eine hält sie sich auf die Schläfe, und die andere auf den Betrachter gerichtet und heißt noch 'Ich oder Du.' In Wirklichkeit ist das aber auch ein Kennzeichen überhaupt für ihr Schaffen: zwei Arten zu sein. Sie hat immer die Außen- und die Innensicht, und dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, zu sein. Also auch hier, 'Ich oder du", ist auch eine Entscheidung für innen oder außen. Sie hat auch ein Bild, das heißt 'Orient und Okzident', oder auch 'die Gläubigen und die Gutgläubigen'. Also auch da immer diese Dualität, dass es immer mehr Seiten gibt als eine. Und ich glaube, das ist auch ihr Kennzeichen, dass es immer entweder/oder geben kann in ihrer Malerei."

Das Bild ist sehr gelb gehalten, in einem Van-Gogh-Gelb. Maria Lassnig hat es als Darstellung einer einfachen Verzweiflung bezeichnet, bei der sie sich wie eine gelbe Zitrone gemalt habe, - das Thema sei der Tod. Um das Jahr 2002 herum hat die Künstlerin mehrere, hier erstmals gezeigte Bilder gemalt, in denen sie sich mit dem Tod auseinander setzt. Neben "Die Sanduhr", einem Selbstporträt mit Stundenglas, berührt vor allem ihr Gemälde "Berührung mit dem Jenseits", das zwei nackte Figuren dicht aneinander, aber auf zwei Seiten einer Wand zeigt: auf der einen die Künstlerin, auf der anderen ein eben verstorbener Freund, dessen großäugig verzweifelter Kopf auf einem abgemagerten Körper sitzt.

Maria Lassnig kann aber durchaus auch witzig oder sehr böse sein. Ein ganzer Raum zeigt Selbstporträts mit Tieren, mit kleinen Tieren, nicht mit großen, wie die New Yorker Selbstbildnisse, die sie 25 Jahre zuvor mit einem Schäferhund oder einem Tiger zeigten und die eher brutal wirkten. Jetzt aber sind es witzige Bilder, auf denen eine Taube, ein Meerschweinchen, ein kleiner Affe oder, durchaus erotisch aufgeladen, ein Frosch auf dem Körper der Malerin Schutz suchen.

"Ich glaube nicht, dass man die Erotik bei Maria Lassnig wegstreichen kann. Ich glaube, sie spielt immer eine Rolle, weil das auch etwas ist, sie sagt das auch immer, das hat sie nicht, sie hat sich für die Malerei entschieden und eigentlich gegen die Männer. Aber im Grunde genommen fehlt ihr dann doch wieder etwas, und das sagt sie auch manches mal. Sie bereut eigentlich jeden Kuss, den sie nicht gegeben hat. Jetzt im Alter sieht sie das anders. Oder sie hat an einer anderen Stelle gesagt, sie war als Mädchen eigentlich nie eitel. Eitel ist sie jetzt im Alter, und was nützt ihr das jetzt. Also das ist schon ein Kokettieren auch mit Erotik, es sind ja oft gestellte Liebespaare, die sich streiten oder umarmen, 'Adam und Eva'-Serie als Möglichkeit, also das spielt sicher eine Rolle."

Es ist eine starke Ausstellung geworden, auch mit überzeugenden Gefühls-Erinnerungsbildern wie dem mehrdeutigen "Die Lebensqualität", auf dem eine nackt im See über der Untiefe mit dem Rotweinglas in der Hand schwimmtende Frau von einem großen Fisch ins Bein gebissen wird. Doch einen einheitlichen oder eindeutigen Altersstil findet man bei Maria Lassnig nicht. Kein Wunder, sah sie doch Stil immer nur als Mittel zum Zweck und versuchte sich erfolgreich an vielen Stilen Ihr Motto war: "Verwerft den Stil, ändert ihn jede Woche."

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