Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.11.2014

GeldAbschaffen! - Bargeld hemmt das Wachstum

Kolumne über die Sinnhaftigkeit von Bargeld

Von Brigitte Scholtes

Podcast abonnieren
Eine Hand hält die sechs verschiedenen Banknoten zu 5, 10, 20, 50, 100 und 500 Euro. (dpa / Daniel Reinhardt)
Nutzloses Papier? Eine Hand hält Euro-Banknoten (dpa / Daniel Reinhardt)

Bye, bye, Bargeld? Aber wie soll man ohne Barmittel das Bier in der Kneipe oder die Zeitschrift am Kiosk bezahlen? Abgesehen davon würde die Abschaffung des Bargeldes allerdings die Wirtschaft ankurbeln. Das jedenfalls meint Brigitte Scholtes.

Ok, Bargeld ganz abschaffen, das ist schwer vorstellbar. Die Brötchen beim Bäcker oder den Schokoriegel am Kiosk möchte auch ich lieber noch mit Münzen oder kleinen Scheinen bezahlen. Aber davon abgesehen, bringt eine Welt ohne Bargeld viele Vorteile.

Zunächst einmal kostet Bargeld Geld: Angefangen von den Herstellungskosten muss es von Geldtransportdiensten verteilt werden auf Banken und Handel, dann wieder eingesammelt und bei der Notenbank kontrolliert werden. Das ist teuer. Bei digitalen Bezahlsystemen spart man dieses Geld – und zusätzlich auch noch, indem man auf Papierrechnungen eher verzichten kann und diese stattdessen elektronisch versendet.

Davon einmal abgesehen: Wo wird denn Bargeld heute verwendet? Der brave Bürger zückt sein Portemonnaie, um kleine Ausgaben zu bezahlen, wie eine Zeitschrift, das Bier in der Kneipe oder die Briefmarken bei der Post. Schon im Supermarkt greifen viele zur elektronischen Karte. Weltweit sind aber im Moment Euro-Banknoten im Wert von 934 Milliarden Euro im Umlauf – und ein knappes Drittel davon sind 500-Euro-Scheine. Die nehmen kleinere Geschäfte, Tankstellen oder Zeitungskioske sicher nicht an. Und das zeigt: Bargeld im großen Stil benötigen vor allem die, die es vor dem Zugriff des Staats verstecken wollen: Drogenhändler, Waffenschmuggler, Lösegelderpresser lieben es, eigentlich Kriminelle aller Art, denn die Geldbündel müssen sie nirgendwo deklarieren und können sie im Safe horten. Nicht ganz in diese Kategorie passen natürlich die Handwerker, die schnell mal einen Job schwarz ausführen, die Wohnung neu streichen, kleinere Bau- oder Gartenarbeiten erledigen. Cash ist aber auch bei ihnen sehr beliebt – der Handwerker verdient Geld an der Steuer vorbei, auch der Auftraggeber spart, weil der Preis deshalb auch für ihn etwas günstiger wird. Die Schattenwirtschaft in Deutschland aber hat ein Volumen von 340 Milliarden Euro im Jahr – das ist ein Achtel des Bruttoinlandsprodukts. Wenn man bedenkt, dass von Einkünften im Schnitt etwa ein Fünftel an Steuern und Sozialabgaben abgeführt werden müssen, gehen so schon 70 Milliarden Euro am Fiskus und an den Sozialversicherungen vorbei.

Bargeld wird außerdem im Ausland gehortet, vor allem in den Ländern mit schwachen Währungen. So schützen sich die Bürger dort vor Inflation – und lassen die Maßnahmen der Notenbanken ins Leere laufen. Wenn so viel Bargeld in Umlauf ist, können sie mit ihren Maßnahmen nicht so durchdringen wie nötig. Denn sie erreichen damit nur einen Teil der Wirtschaft. Natürlich könnten sie so auch unliebsame Schritte eher durchsetzen, wie die Zinsen in den negativen Bereich drücken. Dann würden die Bürger gezwungen, ihr Geld lukrativer zu investieren als es nur auf dem Sparkonto liegen zu lassen. Konsum und Investitionen würden die Wirtschaft ankurbeln. Und das schneller als zurzeit. Das würde auch dem einzelnen Verbraucher zugutekommen: die Zinsen würden also schneller wieder steigen. Kurzzeitiger Verzicht also zugunsten des großen Ganzen.

Mehr zum Thema:

Capgemini-Studie - Reichtum wächst schneller als Weltwirtschaft
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 18.06.2014)

Bezahlen 2.0
(Deutschlandradio Kultur, Netscout, 28.09.2013)

"Man sollte seine Bestände streuen"
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 13.08.2013)

Zeitfragen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur