Geisterbahn unserer Gegenwart

Der amerikanische Künstler Edward Kienholz 1970 © dpa / picture alliance / Pressensbild
Von Volkhard App · 21.10.2011
Edward Kienholz montierte morbides Alltagsmaterial, das sich zu realistischen Gesamt-Tableaus fügte: Er kritisierte gesellschaftliche Missstände und herrschende Politik. Eine große Rückschau in der Frankfurter Schirn zeigt sein Werk.
"Home, sweet home!", könnte man meinen – aber von draußen, von den Schlachtfeldern her kommt das Grauen. 1968 hat Edward Kienholz ein schlichtes Wohnzimmer eingerichtet, vorne steht ein betoniertes Fernsehgerät. Die Kriegstoten und -verwundeten aus Vietnam werden auf der Mattscheibe aufgelistet, dahinter liegt ein abgerissener Puppenkopf.

Der Künstler als Moralist, der solo und später in Zusammenarbeit mit seiner Frau Nancy Reddin Kienholz die "Zeichen der Zeit" erkannte und mit Objekten und großen Installationen seinerseits Zeichen setzen wollte.

Zur schaurigen Musik haben sich auf einer langen, spiegelnden Fläche Protagonisten des blutigen Weltgeschehens versammelt: der Präsident – oder Diktator –, der vom Bauch eines sich aufbäumenden Pferdes herabhängt, in der Hand noch den Hörer des roten Telefons. Und ein ordensgeschmückter General lastet auf den Schultern einer bis auf die Knochen abgemagerten Gestalt – das soll der Steuerzahler sein. An den Rändern Spielzeugfiguren, die das Volk und speziell die Menschen der Dritten Welt verkörpern. Eine grausige zirzensische Parade, eine Art Geisterbahn unserer Zeit.

Martina Weinhart, die Kuratorin: "Es ist monumental, es ist grotesk! Ich habe es auch immer ein bisschen als ship of fools, das Narrenschiff, gesehen. Und sehe auch eine gewisse Verwandtschaft mit Filmen, die wir kennen: Der 'Große Diktator' steht immer vor dem Mikrofon und schreit 'Schtonk!'. Es hat etwas sehr Theatralisches, was überhaupt in dem Begriff Tableau, den Ed und Nancy verwendet haben, schon angelegt ist. Die Nähe zum Theater, aber auch zur Literatur ist in all diesen Werken sehr stark vorhanden."

Von Freunden und Bekannten nahm Kienholz Gipsabgüsse, um seine Großfiguren herstellen zu können. Viele seiner Objekte stammen von Flohmärkten, über die das Ehepaar Kienholz ausgiebig schlenderte – in den 20 Jahren, als man nicht nur in Idaho, sondern auch in Berlin lebte.

Dieses morbide Alltagsmaterial ist oft überraschend montiert, hat surreale Momente und fügt sich dann doch zu realistischen Gesamt-Tableaus: Sie kritisieren gesellschaftliche Missstände und die herrschende Politik und wollen womöglich die "Welt verbessern". Nancy Reddin Kienholz:

"Kritik ist das richtige Wort – aber die Welt verändern? Das hoffen für gewöhnlich die jungen Leute, doch wenn man älter geworden ist, sieht man es anders. Unser Werk spiegelt sicherlich das Unrecht in der Gesellschaft – und hat so mit dem ganzen Treiben in der Geschichte und der Gegenwart zu tun."

Auf viele dieser Arbeiten hat insbesondere das amerikanische Publikum panisch reagiert – vor allem, wenn sie von der Religion und von sexuellen Schaustellungen handelten. Heute begegnet die Öffentlichkeit der Kunst von Kienholz anders:

"Die Betrachter sind nicht mehr geschockt, auch wenn die Reaktionen von Land zu Land unterschiedlich sind. Bei unseren Werken braucht man keine große Erläuterung, um sie zu verstehen. Deshalb schätzen viele Menschen diese Kunst: Sie bilden sich ihr eigenes Urteil."

Etliche Installationen wirken plakativ: Maskierte Männer mit Hirschgeweihen spielen am Billardtisch die Kugeln zwischen die gespreizten Beine einer Frau. Bei einem anderen Objekt ragen die weiblichen Beine von einem Flipperautomaten aus in den Raum.

Der Besucher ist immer wieder Voyeur und bedrängter Zeitzeuge in einem, fühlt sich angezogen und abgestoßen, reagiert beunruhigt auf die Kunst des Paares Kienholz.

Martina Weinhart: "Also, Beunruhigung finde ich erstmal gut. Ich denke, der Betrachter ist beunruhigt, vielleicht fasziniert, vielleicht verärgert. In jedem Fall ist er emotional beteiligt."

Auch die Rassendiskriminierung ist Thema dieser Kunst: Mit einem Schwarzen als Figur in der Nische und einem weiß Geschminkten, der als gesellschaftlich akzeptierter Business Man auftritt.

Zum ersten Mal ausgeliehen wurde die Installation "State Hospital" mit der muffigen Kammer einer Nervenklinik. In einem Etagenbett liegen zwei ausgemergelte Patientenkörper, es riecht stark nach Desinfektionsmitteln. Edward Kienholz hatte selber als Krankenpfleger gearbeitet und sich von den menschenunwürdigen Zuständen überzeugen können.

Doch nicht immer trat er als bissiger Kritiker auf: So hat er als Archäologe des Alltags auch eine Hausecke mit einem kleinen Schaufenster voller Devotionalien liebevoll konserviert und als großes objet trouvé in die Kunsthallen überführt, es ist die sogenannte "Jesus Corner".

Von frühen dadaesken Objekten über Konzept-Tafeln mit allerlei Projekten bis zur letzten realisierten Wandarbeit reicht das Spektrum in der Schirn: 1993 schuf er mit seiner Gattin eine Folge bizarrer Kruzifixe, montiert aus gefundenen Teilen.

In dieser berührenden Ausstellung findet sich vieles, was man hierzulande noch nicht sehen konnte. Manches andere, das schon häufiger gezeigt wurde, fehlt dagegen. Zum Beispiel das heruntergekommene Soldaten-Bordell oder die Bar, in der die Zeit stehen geblieben ist. Eine Retrospektive, wie sie 1997 mit einer "verschwenderischen" Folge von Großinstallationen in Berlin gastierte, ist heute ohnehin kaum mehr realisierbar.

Informationen der Schirn Kunsthalle Frankfurt