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Im Gespräch | Beitrag vom 15.01.2021

Geigerin Lisa Batiashvili "Meine Geige ist wie ein zusätzliches Kind"

Moderation: Marco Schreyl

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Eine schwarz-weiß Aufnahme von Lisa Batiashvili mit Geige und ihrer Spiegelung.  (Chris Singer)
Das Geigespielen ist komplex, sagt Lisa Batiashvili: An der Perfektion muss man immer feilen und die eigenen Fertigkeiten stets weiterentwickeln. (Chris Singer)

Mit vier Jahren erhielt Lisa Batiashvili von ihrem Vater den ersten Geigenunterricht. Heute gilt die Wahl-Münchnerin als eine der besten Violinistinnen der Welt. Auf ihrem jüngsten Album kann man die gebürtige Georgierin zum ersten Mal jenseits der Klassik hören.

Ihre Geige hat Lisa Batiashvili stets im Blick, auch wenn sie derzeit mehr zu Hause als unterwegs ist. Kein Wunder, das Instrument stammt von einem italienischen Geigenbauer und ist fast 300 Jahre alt.

"Leider gehört sie mir nicht. Sie gehört wunderbaren Menschen hier in Deutschland", erzählt Lisa Batiashvili. Aber es ist nicht nur der materielle Wert, der für die Musikerin eine Rolle spielt. "Für mich ist sie wie ein zusätzliches Kind, weil ich auch Gefühle für dieses Instrument entwickele. Es ist eine große Freude, so ein tolles Instrument zu haben, auf dem man sich als Künstler noch weiterentwickeln kann."

Mit 16 um die ganze Welt

Nach all den Konzert- und Tourneeabsagen der letzten Zeit hat Lisa Batiashvili nun wieder ein konkretes Ziel vor Augen. Sie wird mit den Münchner Philharmonikern das Violinkonzert von Beethoven aufführen, "leider wieder ohne Publikum".

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Im Alter von 16 erhält Lisa Batiashvili ihre ersten Engagements als Solistin. Schon als Teenagerin spielt sie weltweit über 30 Konzerte im Jahr. 1995 wird sie als jüngste Teilnehmerin am Sibelius-Wettbewerbs in Helsinki ausgezeichnet, viele Preise folgen.

Lisa Batiashvili arbeitet mit Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy, Simon Rattle oder Christoph Eschenbach zusammen. Sie spielt mit den New Yorker Philharmonikern, dem Concertgebouw-Orchester in Amsterdam und dem Prinzregententheater in München.

"Wir waren alle in einer Maschine"

Keine Frage, die persönliche Entwicklung habe sie sehr genossen. Lisa Batiashvili ist sichtlich stolz auf das, was sie bis heute erreicht hat. Und doch blickt die Geigerin auch mit Skepsis auf das bisherige Tempo im Musikgeschäft. Die Vollbremsung durch Corona ließ ihr viel Zeit um darüber nachzudenken.

"Ich habe auch ein bisschen das Gefühl, dass wir alle in so einer Maschine waren, die einfach zu schnell vorangetrieben worden ist. Das ist vielleicht etwas, was sich drastisch und wirklich ganz dramatisch ändern wird. Es hat alles immer seine Vor- und Nachteile."

Hommagen an die Städte, die ihr viel bedeuten

2020 veröffentlichte die Geigerin gemeinsam mit Musikern wie Katie Melua und Till Brönner ihr Album "City Lights". Elf Stücke sind darauf zu hören, mit Titeln wie "Buenos Aires", "Rom" oder "Tbilissi". Es handelt sich um die Städte, die in Batiashvilis Leben eine besondere Bedeutung haben. Dazu hat sie Musik aus den Filmen von Charlie Chaplin oder auch von Ennio Morricone verarbeitet.

"Ich fühle mich in vielen Städten sehr wohl, weil wir als Musiker natürlich schon von Anfang an viel reisen und viele Freunde über die Welt verstreut haben. Und dann entwickelt man so eine besondere Beziehung zu den verschiedenen Orten. Und ich dachte, Musik von Charlie Chaplin oder Ennio Morricone, das wäre eigentlich gut, wenn man das alles zusammen tut, wenn die jeweiligen Werke den jeweiligen Orten gewidmet sind und auch einen Bezug dazu haben."

Die Geige als zusätzliche Sprache

Geboren wird Lisa Batiashvili 1979 im georgischen Tiflis. Zusammen mit den Eltern, beide ebenfalls Musiker, verlässt sie Anfang der 1990er Jahre die ehemalige Sowjetrepublik in Richtung Deutschland. Es waren "unruhige und schreckliche Zeiten" mit "Bürgerkrieg und schrecklicher Armut", erinnert sich Batiashvili.

Mit vier Jahren bekommt sie vom Vater die erste richtige Geige geschenkt. Schon in diesem Alter, so die Musikerin, wollte sie unbedingt dieses Instrument spielen. "Es war wie eine zusätzliche Sprache für mich." Aber was das später von einem abverlangt, das habe sie als Kind noch nicht gewusst.

"Geige spielen ist etwas, was immer schwerer wird. Das heißt, man muss wahnsinnig fit sein, man muss sich technisch weiterentwickeln, man muss der Perfektion näherkommen. Aber man muss auch als Künstler sich weiterentwickeln. Und das ist etwas, was sehr komplex ist."

Mit Musik gegen Putin

Heute ist Lisa Batiashvili mit ihrem Ehemann, dem französischen Oboisten François Leleux und den Kindern in München zu Hause. Mit ihrem Geburtsland fühlt sie sich noch immer ganz besonders verbunden. Bei Zugaben spielt sie georgische Musik, "das ist meine Art, mein Land vorzustellen".

Kritisch blicke sie deshalb auch auf den russischen Präsidenten und dessen Politik. 2014 spielt Lisa Batiashvili als Zugabe ganz bewusst das "Requiem für die Ukraine", komponiert von einem georgischen Musiker. Das Pikante dabei: Das Konzert wird dirigiert von Valery Gergijew, der als Putin-Befürworter gilt.

"Heute sind immer noch 20 Prozent des georgischen Territoriums von den russischen Truppen besetzt. Für uns ist das eine ganz, ganz schmerzhafte Geschichte. Weil über eine Million Menschen fliehen mussten, ihre Häuser verlassen mussten. Und Georgien ist ein sehr kleines Land, es ist jetzt noch kleiner geworden."

Und weil Lisa Batiashvili als junge Geigerin so viel Unterstützung erhalten habe, wolle sie ein Stück weit davon zurückgeben. Für junge georgische Musikerinnen und Musiker plane die 42-Jährige eine Stiftung. Denn gerade in diesen Coronazeiten "müssen wir trotzdem aktiv bleiben und für die Kultur kämpfen, durch eine Stiftung oder andere Aktionen".

(ful)

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