Geiger Yehudi Menuhin

    Mentale Kraft für eine Karriere

    28:38 Minuten
    Der berühmte amerikanische Geiger Yehudi Menuhin, 1960, blickt etwas herausfordernd in die Kamera, während er seine Violine vor sich hält.
    Yehudi Menuhin war davon überzeugt, dass die Musik ein kraftspendendes Verbindungsmedium zwischen Irdischem und Göttlichem sei. © imago / United Archives / Arthur Grimm
    Von Sabine Fringes · 20.08.2021
    In kurzen Hosen spielte Yehudi Menuhin seine ersten Konzerte. Die Weltkarriere als Geiger schien bruchlos, doch auch er hatte Selbstzweifel. Die überwand er mit einer Art eigenen Religion, die mit seiner jüdischen Herkunft nichts zu tun hatte.
    Yehudi Menuhin, aus einer jüdischen Familie stammend, wurde einer der wichtigsten Geiger des 20. Jahrhunderts. Angeblich soll er eine Blech-Geige, die ihm geschenkt wurde, wütend zur Seite geschmissen haben. Seine Mutter erbat danach bei Verwandten Geld, um ihm ein echtes Instrument zu besorgen.
    Mit einer gründlichen Ausbildung, die Familie zog seinem Lehrer sogar nach New York hinterher, entwickelte sich Menuhin zum berühmtesten Wunderkind.
    Yehudi Menuhin sitzt mit aufgestützem Kopf an einem Tisch, auf dem Notenblätter und seine Geige liegt.
    Yehudi Menuhin als 10-Jähriger mit seiner 7/8-Violine, mit der er ein Jahr zuvor erste große Konzerte gab.© imago / United Archives International
    Ende der 1960er-Jahre wurde Yehudi Menuhin in einem Interview befragt, was er selbst für den Grund seines großen Erfolgs halte. Und er antwortete: "Ich würde sagen: erstens ein sehr tiefes Empfinden von allem, was Freude und Leid ist." Und Zweitens: "Ich wollte eine Aufrichtigkeit im Gefühl und im Denken. Als Kind war das absolut spontan. Ich war unglücklich, als ich entdeckt habe: man kann nicht immer alles sagen, was man denkt."

    Ende der Leichtigkeit

    Mit dem Erwachsenenalter geriet Menuhin ab Ende der 1930er-Jahre nicht nur in eine menschliche, sondern auch geigerische Krise. Nichts schien mehr selbstverständlich. Nun begann er, von Grund auf sein Instrument neu zu studieren.
    Fotographie Yehudi Menuhins beim Geigenspiel.
    Yehudi Menuhin im März 1939, im Jahr seiner ersten Konzertreise nach Südamerika.© imago / United Archives International
    Sein langjähriger Schüler Daniel Hope darüber: "Ich glaube, jeder Mensch bekommt irgendeine Art Krise im Leben. Und oft ist es so, dass Geiger sehr früh anfangen, das Instrument zu spielen. Und das ist irgendwie gang und gäbe, vielleicht, weil auch diese Motorik zu der Zeit irgendwie schneller geht, allein geht, ohne dass man darüber nachdenkt. Und bei mir war es ebenfalls so, als ich ungefähr 16 war, dass ich die Frage stellte: 'Was mache ich hier? Wie komme ich dazu?'"
    Für viele Menschen könne diese Krise zum Ende einer Karriere führen. "Weil man nicht an dieses frühere, leichte Musizieren zurückkommen kann, sondern es wird schwieriger, es wird viel durchdachter und man verliert etwas davon."

    Reinheit und Hingabe

    Daniel Hope erinnert sich an Menuhins Motto: straight to the heart. Die Musik sollte direkt ins Herz treffen. Seine Mozartaufnahmen seien ein Zeugnis davon.
    Die sind, so Hope, herrlich, "weil sie eine Reinheit haben und eine Hingabe zu Mozart. Die ist sensationell. Und obwohl er zum Beispiel die Bewegung der historischen Aufführungspraxis nicht unbedingt mitgemacht hat, waren seine Interpretationen, gerade von Mozart, doch sehr zurückhaltend, weil er das auch über alles liebte."

    Meisterkurs im Kopfstand

    Der Geiger Geoffrey Wharton war über viele Jahre Konzertmeister im Gürzenich-Orchester und lernte als junger Stipendiat Yehudi Menuhin Anfang der 1970er-Jahre an der "Guildhall School" in London kennen, wo Menuhin zweimal im Jahr regelmäßig Meisterkurse gab.
    Yehudi Menuhin spielt Geige, während andere im Hintergrund um ihn stehen und zuhören.
    1971 spielt Yehudi Menuhin eine Stradivari-Geige, die genau vor 250 Jahren gebaut wurde.© imago / ZUMA / Keystone
    Er erinnert sich an einen kleinen Mann mit feinen Manieren und sehr leiser Stimme. Über Grundsätzliches wie Bogentechnik oder Fingersätze habe er nie gesprochen, er sei eher an der Beziehung Mensch-Musik interessiert gewesen. Und so berichtete er viel über seine Beziehung zur Musik, und dass sie praktisch eine Verbindung zum Himmel oder zum Außerirdischen sei.
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