Geheucheltes Mitgefühl

    Warum eine Floskel keine Anteilnahme ist

    04:16 Minuten
    Zwei Personen sitzen mit Tassen am Tisch.
    Auch wenn es anders klingen mag: "Lass dich nicht stressen" ist ein absurder Rat, kritisiert Ursula Ott. © Unsplash / Priscilla Du Preez
    Ein Standpunkt von Ursula Ott · 04.08.2021
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    "Lass dich nicht stressen!" Das hören wir alle mal, wenn wir von Problemen im Job oder im Privaten erzählen. Obwohl sich die Redewendung nach netter Anteilnahme anhört, ist sie in Wahrheit nur eine dumme Floskel, findet die Journalistin Ursula Ott.
    "Kein Stress", sagt die Freundin auf die bange Frage, ob man denn zu Fuß wirklich rechtzeitig ins Kino käme. "Mama, entspann dich", gähnt der pubertierende Sohn, wenn er wieder mal zu spät zur ersten Stunde Homeschooling aufwacht. "Setzen Sie dem zunehmenden Tempo unseres Lebens innere Stärke entgegen", wirbt ein Coaching für seinen Resilienzworkshop.
    Dreimal - nein! Die Freundin soll fünf Minuten früher losgehen, dann sehen wir im Kino sogar noch die Werbung. Und es gibt – "Ohhmm" – gar keinen Anlass für Stress. Der Sohn soll entweder den Wecker stellen oder, wenn nicht, dann soll er ruhig damit leben, dass die Mutter unentspannt und sauer ist. Und die Arbeitgeber sollen ihre Leute nicht ins Resilienztraining schicken, sondern bitte das Tempo rechtzeitig zügeln, bevor es die Mitarbeiterinnen krank macht.

    Stress lässt sich nicht auf Kommando abstellen

    Was ist das für ein blöder Satz: "Lass dich nicht stressen." Erstens ist er absurd, denn Stress lässt sich eben nicht auf Kommando abstellen. Zweitens erhöht er den Stress. Aha, ich bin jetzt nicht nur sauer, ausgebrannt, gestresst, sondern auch noch selber schuld.
    Danke, auf diese geheuchelte Anteilnahme kann man gerne verzichten. Und drittens verlagert er in Zeiten, in denen es objektiven Stress und Druck gibt, die Verantwortung komplett auf den einzelnen Menschen.
    "Optimierungswahnsinn", sagt der Hamburger Literaturhauschef Rainer Moritz dazu. Er muss es wissen, er überblickt den Ratgebermarkt wie kaum ein anderer, über 3000 Bücher gibt es zum Thema "Resilienz". Erst kamen die Ratgeber über Bachblüten, dann über Achtsamkeit, jetzt sei Resilienz das neue Modewort, sagt der Experte.
    Es reiche nicht mehr, 10.000 Schritte am Tag zu machen und auf der richtigen Seite zu schlafen, jetzt müsse auch noch jeder seine psychische Widerstandsfähigkeit trainieren.

    Tausende Ratgeber befassen sich mit Resilienz

    Moritz hat herausgefunden, dass es in der großen Duden-Ausgabe in den 90er-Jahren das Wort "Resilienz" noch gar nicht gab – in der Umgangssprache. Klar, in der Materialkunde war es auch damals schon zu Hause.
    Aber erst in den letzten Jahren kam eine Generation Psychologen und Buchautorinnen auf die Idee, wir könnten lernen, uns – wie zum Beispiel Gummi oder Schaumstoff – nach einer Belastung wieder in die ursprüngliche Form zurück zu trainieren.
    Ganz vorne dabei waren übrigens junge Mütter. Nein, nicht nur der Babybauch sollte wie Gummi schnell wieder seine alte Form finden. Sondern trotz durchwachter Nächte und Angst um den Arbeitsplatz sollten Mütter ganz entspannt ins Selfie lächeln, fand die Kölner Psychologin Ines Imdahl schon vor einiger Zeit heraus. Sie nannte es "vordergründiges Gelassenheitscredo".

    Widerstand leisten, statt Widerstandskraft trainieren

    Geheuchelte Gelassenheit – das ist das Letzte, was wir gerade brauchen. Wir sollten im Büro lieber Mütter und Väter aushalten, die in der Morgenkonferenz ehrlich zugeben, dass sie völlig übernächtigt sind. Und wir brauchen uns nach über einem Jahr Pandemie, nach Bildern von Überflutungen und Naturkatastrophen, überhaupt nicht schämen, wenn wir dünnhäutig geworden sind.
    Wir brauchen keine Trainings für mehr Widerstandskraft. Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die sich stressen lassen, die verwundbar bleiben. Damit sie statt innerer Widerstandskraft lieber echten Widerstand leisten. Gegen Arbeitszeiten, die krank machen. Gegen ein Klima, das den Planeten zerstört. Gegen alles, das uns wirklich stresst. Und für eine Zukunft, die für alle lebenswert ist. Und nicht nur für einzelne, die sich genug Hornhaut auf der Seele zugelegt haben.

    Ursula Ott, Jahrgang 1963, ist Chefredakteurin von "Chrismon". Sie studierte Politik und Journalistik in München und Paris, besuchte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete bei der "Frankfurter Rundschau", "Emma", "Die Woche" und "Brigitte". Sie hat zwei erwachsene Söhne.

    Porträt der von Ursula Ott
    © Lena Uphoff
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