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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2015

Geheimnisvolle pH-WerteMagensaft ist so sauer wie Limetten - und genauso ungefährlich

Von Udo Pollmer

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Das Anatomische Modell eines Menschen, aufgenommen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) (picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)
Der menschliche Körper ist nicht einfach sauer oder basisch: Jedes Organ, jede Zelle, hat einen anderen, präzise eingestellten pH-Wert. (picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)

Wer Käse im Magen hat, bekommt davon keine Käsefüße. Und Wurstsalat macht keine Wurstfinger. Warum sollte also ein saurer Magen den Körper angreifen? – fragt Udo Pollmer. Er hält eine Ernährung, die "Übersäuerung" vorbeugen soll, für groben Unfug.

Die "Übersäuerung" gilt als ein Grundübel unserer Zeit. Jede bessere Diät verspricht heute nicht nur einen schlanken Po, sondern entsäuert zugleich das Bindegewebe. "So kommen Körper und Seele ins Reine", raunen die Journale für Beauty und Lifestyle. Sie schämen sich nicht, die neue Diätmarotte unter dem Slogan "Diäten waren gestern" zu vermarkten. Wem seine Detox-Diät mit "basischer Brühe" sauer aufstößt, der kann es ja mal mit einem Basenpulver probieren, um seinen nervösen Magen wieder zu beruhigen.

Um eine Kundschaft, die gewöhnlich von Biochemie weniger Ahnung hat als ein Hamster vom Tiefseetauchen, von der Säure-Idee zu überzeugen, darf sie jeden Morgen auf ein pH-Indikatorpapier pinkeln. So forscht sogar die ältere Jugend und macht chemische Experimente im Badezimmer. Ein saurer Urin gilt ihnen als Zeichen drohender Krankheiten, ein basischer als "gesund". Dummerweise erlaubt der pH-Wert allein noch keinerlei Schlüsse auf die Gesundheit. Urin wird nicht nur durch Gemüse basisch, sondern auch durch Entzündungen der Harnwege, oder bei Leberschäden oder Lungenödem oder, oder, oder.

Der gesunde Körper tendiert zum Sauren

Unser Körper ist nicht einfach sauer oder basisch, sondern jedes Organ, jede Zelle, hat einen anderen, präzise eingestellten pH-Wert. Der Magensaft ist mit pH 2 am sauersten, gefolgt von der Haut mit einem pH von 3 bis 5 – daher der schützende Säuremantel. Am anderen Ende der Skala steht der Saft der Bauchspeicheldrüse, der mit pH 8 schon etwas basisch ist. Magensaft ist damit so sauer wie Limetten, der Säuremantel der Haut liegt mit Pfirsichen gleich auf. Und die Bauchspeicheldrüse entspricht etwa dem pH von Hühnereiweiß. Insgesamt tendiert der gesunde Körper eher zum Sauren.

Lediglich im Magen gibt es manchmal tatsächlich zu viel Säure und dagegen hilft (basisches) Natron – aber das hat mit der postulierten "Übersäuerung" des Körpers nichts zu tun. Alle anderen Organe werden vom Mageninhalt logischerweise nicht tangiert. Wer Käse im Magen hat, bekommt davon auch keine Käsefüße und vom Wurstsalat keine Wurstfinger.

Enzyme arbeiten nur bei bestimmten pH-Werten optimal

Wozu macht der Körper sich diese Mühe und stellt überall einen anderen pH ein? Die körpereigenen Enzyme arbeiten nur bei bestimmten pH-Werten optimal. Geraten sie in einen anderen Zellbereich, können sie dort großen Schaden anrichten. Wenn dort aber ein ganz anderer pH vorherrscht, geht ihre Wirkung verloren.

Das Prinzip einer politisch korrekten Säure-Basen-Kost ist einfach: "Alles was generell als ungesund zu bezeichnen ist", lässt ein Heilpraktiker wissen, also - Zucker, Fleisch, Weißmehl etc. - "wird eher sauer verstoffwechselt. Gemüse, Obst und Neutralflüssigkeiten (Wasser) eher basisch". Natürlich wandeln sich die Auffassungen, was "gesund" und was "ungesund" ist, ständig, deshalb steht in jeder Liste etwas anderes – und oft genug das Gegenteil, je nach Zeitgeist.

Zivilisationskrankheiten, die angeblich von Übersäuerung herrühren

Würden die wilden Theorien zur Übersäuerung stimmen, dann wäre sogar Sport des Teufels. Wer ausgiebig rumrennt oder körperlich arbeitet, bildet im Muskel Milchsäure und das erhöht bekanntlich das Lactat im Blut. Auch davor wird bereits gewarnt und Basenpülverchen empfohlen. Gar nicht auszudenken, wie übersäuert erst die Massai in Afrika oder die Polarvölker gewesen sein müssen, die sich fast ausschließlich von Fleisch, Fett und Milch ernährten, und dafür auch noch schwer arbeiten mussten. All die hübschen Zivilisationskrankheiten, die angeblich von der Übersäuerung durch zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse herrühren sollen, waren ihnen fremd.

Da Pflanzenfresser etwas anderes fressen als Raubtiere, verdauen sie auch anders. Der Urin einer Antilope ist basisch, der eines gesunden Löwen, der eine Antilope gerissen hat, ist sauer. Wegen seiner "säurebildenden" Kost ist der Fuchs aber nicht kränker als das "basische" Karnickel, das er sich gerade munden lässt.

Wer also allein aus dem pH seines Nachttopfs Rückschlüsse auf die Befindlichkeit ziehen möchte, sollte lieber im Kaffeesatz lesen. Sonst kommen nur Latrinenparolen heraus. Mahlzeit!

Literatur:

- McCann A: Kultursiechtum und Säuretod. Verlag für angewandte Lebenspflege, Dresden 1927
- Glatzel H: Wege und Irrwege moderner Ernährung. Hippokrates, Stuttgart 1982
- Gräber R: Übersäuerung des Körpers? Was ist davon zu halten? Und: Ist das wichtig? www.gesund-heilfasten.de
- DuBose TD: Acid-base balance disorders. Encyclopedia of Life Sciences. Nature Publishing Group, London 2002; 1: 17-33
- Fock A: Sauer aufgestoßen: die latente Azidose. EU.L.E.N-Spiegel 2006; (3-4): 3-7
- Nagy T: Alkalose und Azidose: Was wirklich krank macht. EU.L.E.N-Spiegel 2006; (3-4): 16-18

Mehr zum Thema:

Die Geschichte der Basenkost
(Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit, 28.10.2006)

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