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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.06.2010

"Gegen so eine Bevölkerung kann man sich nicht auf ewig halten"

Journalistin Amirpour über die iranische Führung und die umstrittene Wahl vor einem Jahr

Katajun Amirpur im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Die Proteste vor einem Jahr wurden teilweise blutig niedergeschlagen. (AP)
Die Proteste vor einem Jahr wurden teilweise blutig niedergeschlagen. (AP)

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur rechnet in diesem Jahr nicht mit neuen großen Demonstrationen im Iran. "Dass wirklich eine Welle losrollen könnte, halte ich fast für ausgeschlossen", sagte die Deutsch-Iranerin, die auch als Journalistin arbeitet.

Matthias Hanselmann: Einen "grünen Tsunami" nannte die "Süddeutsche Zeitung" das, was vor ziemlich genau einem Jahr über Teheran hereingebrochen ist, die Hauptstadt des Iran. Gemeint ist die Revolte, die durch die Farbe Grün Gemeinsamkeit demonstrierte und die sich gegen das Regime des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, gegen seine Wiederwahl am 12. Juni 2009 richtete.

Die Bilder des grünen Protestes gingen um die Welt, wir haben die Ereignisse hier im "Radiofeuilleton" und in anderen Sendungen von Deutschlandradio Kultur gespannt verfolgt und mit iranischen Künstlern, Wissenschaftlern und Oppositionellen gesprochen.

Was ist geworden aus den Hoffnungen, die da im vergangenen Jahr im Iran aufkeimten? Wird es in den nächsten Tagen neue Massenaktionen geben? Morgen jährt sich der Tag der Massenproteste ja zum ersten Mal, und wir sprechen jetzt mit Katajun Amirpur. Sie ist deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin. Guten Tag, Frau Amirpur!

Katajun Amirpur: Guten Tag!

Hanselmann: Sie haben ja ständigen Kontakt zum Iran, zu dort lebenden Oppositionellen. Was haben Sie in den letzten Tagen gehört, sieht es so aus, als würde die grüne Protestwelle noch einmal losrollen oder sich anderer Protest öffentlich zeigen?

Amirpur: Nun, dass wirklich eine Welle losrollen könnte, halte ich fast für ausgeschlossen. Man hat in den letzten Tagen Gerüchte gehört, dass das Regime zwei Millionen Basidschis, das sind ihre paramilitärischen Truppen, in Teheran zusammengezogen haben soll. Es kann sein, dass das nicht mal stimmt, aber allein diese Gerüchte könnten tatsächlich zur Folge haben, dass sich niemand mehr auf die Straße traut.

Also eigentlich ist seit Monaten klar, dass jeder, der sich auf die Straße traut, um dort zu protestieren, auch um dort friedlich zu demonstrieren, wirklich sein Leben riskiert. Und deswegen haben die Oppositionsführer, Mehdi Karrubi und Mir Hussein Mussawi, die vor einem Jahr gegen Ahmadinedschad angetreten waren und angeblich haushoch unterlegen waren, die haben dazu aufgerufen, wirklich morgen nicht zu protestieren.

Man hatte eigentlich eine Demonstration beantragt, eine friedliche Demonstration beantragt, das ist abgelehnt worden. Und jetzt haben diese beiden Oppositionsführer eben gesagt, man soll doch, weil eben der Verlust von Menschenleben zu befürchten ist, besser nicht demonstrieren.

Hanselmann: Diese Basidsch, die Sie ja gerade genannt haben, was sind das für Milizen, was sind das für Truppen?

Amirpur: Die sind nicht Teil der regulären Armee, denn ich glaube, es wäre sehr schwierig, die reguläre Armee tatsächlich gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. Das sind Leute, die speziell ausgebildet worden sind, um die Revolution zu verteidigen. Das heißt, das sind wirklich hoch militarisierte und extrem gewalttätige Personen, die dem Revolutionsführer unterstehen und die wirklich bis ans Ende gehen würden, bis an die Grenze gehen würden.

Und in der Vergangenheit waren das eben die Personen, die wir auch gesehen haben ganz häufig auf den Bildern, die aus Teheran kamen, ganz in Schwarz gekleidet, auf Motorrädern, die wirklich vor nichts zurückschrecken und einfach auf die friedlich Demonstrierenden einknüppeln, die niederknüppeln und auch vor Schusswaffen nicht zurückschrecken.

Hanselmann: Frau Amirpur, wie spielt sich eigentlich Ihr Kontakt mit dem Iran zurzeit ab, können Sie zum Beispiel jemanden anrufen, den Sie erreichen wollen?

Amirpur: Nun, das kann man durchaus. Ich nehme aber mal an, dass dann morgen oder jetzt irgendwann im Laufe des Tages irgendwann mal wieder das Internet verlangsamt wird und dass man nicht mehr so leicht das Handynetz anrufen kann.

Aber Festnetz ist eigentlich immer noch möglich gewesen, auch in den letzten Monaten zu Hochzeiten des Protestes. Das geht schon. Man überlegt sich natürlich immer, wen man anruft und ob man denjenigen dann dadurch nicht in Gefahr bringt beziehungsweise ob es besonders viel bringt, die Leute anzurufen, weil auch die natürlich sich nicht unbedingt trauen, am Telefon etwas zu sagen.

Andererseits gibt es eben auch sehr, sehr viele Leute, die sogar beim persischsprachigen Dienst der BBC anrufen und von dort aus wirklich live ins Telefon ihre Beobachtungen, das, was sie sehen, das, was auf den Straßen Teherans passiert, oder einfach nur, wie die Stimmung ist, wiedergeben.

Und solche Leute setzen sich damit auch wirklich einer großen Gefahr aus, aber es gibt immer noch genug Leute, die das tun. Die sagen, die Welt muss wissen, was hier geschieht, die Welt soll das wissen, und deswegen sind wir bereit, dieses Risiko einzugehen.

Hanselmann: Sie haben gerade gesagt, Sie erwarten, dass es wahrscheinlich morgen weitestgehend ruhig bleibt wegen des großen Druckes, der aufgebaut worden ist. Welche Gefühle, welche Hoffnungen hatten Sie vor einem Jahr in die sogenannte grüne Revolte? Haben Sie gedacht, es könne sich jetzt grundlegend etwas ändern?

Amirpur: Darf ich vielleicht noch mal zu Ihrer ersten Aussage zurückkommen?

Hanselmann: Ja.

Amirpur: Es kann schon sein, dass es doch noch zu Protest kommt, das ist durchaus möglich. Ich meinte nur, dass die Leute wirklich eine wahnsinnige Angst davor haben müssten, dass sie sich sehr im Klaren darüber sein müssen, dass sie ihr Lebens aufs Spiel setzen und dass es keine offiziellen Aufrufe dazu gibt. Aber man kann das relativ schwer einschätzen, ehrlich gesagt.

Also es kann auch sein, dass die Leute sagen, jetzt erst recht, wir lassen uns hier nicht niederknüppeln, und wenn wir einfach genug sind, dann wird das schon irgendwie hinhauen. Also insofern glaube ich, sind da so ganz gesicherte Prognosen nicht möglich, nur wenn es passiert, ist es einfach unglaublich risikoreich.

Zu der zweiten Frage: Na ja, man hat schon gedacht, dass das jetzt wirklich was werden könnte. Andererseits war aber auch von Anfang an klar, dass dieses Regime sich die Macht nicht so einfach wird nehmen lassen. Also es war ganz klar, dass diese Basidsch beispielsweise eingesetzt werden, dass sie massiv eingesetzt werden. Es ist auch klar gewesen, dass das Regime so viel zu verlieren hat, dass sie bis zur letzten Sekunde kämpfen werden und auch noch sehr lange mit dem Rücken an der Wand.

Also es war klar, dass das keine einfache Auseinandersetzung werden kann und dass durchaus diejenigen, die einfach alle Macht und alle Polizeigewalt in ihren Händen haben, durchaus mehr oder weniger siegreich aus dem Ganzen hervorgehen könnten.

Siegreich allerdings nur insofern, dass im Iran mehr oder weniger Friedhofsstille herrscht im Moment, aber ich glaube, das Regime hat dermaßen seine Legitimation verloren inzwischen in der Bevölkerung, dass es einfach zu einer langsamen Machterosion kommt und kommen wird und dabei ist zu kommen.

Also ich glaube, man kann sich da nicht auf Dauer halten. Gegen so viel Protest, gegen so viel Opposition innerhalb der Bevölkerung, die dieses Regime einfach nicht mehr will und in letzten Monaten immer mehr gesehen hat, dass dieses Regime keine Legitimität mehr hat, gegen so eine Bevölkerung kann man sich nicht auf ewig halten.

Hanselmann: Morgen jährt sich die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zum ersten Mal, eine Wiederwahl, an der sich Massenproteste im Land entzündeten, die grüne Revolte genannt, sie hat Todesopfer gefordert. Mehr als 4000 Menschen sind verhaftet worden, es gab neun Todesurteile, von denen mindestens drei bereits vollstreckt worden sein sollen. Wir sprechen mit der deutsch-iranischen Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Lassen Sie uns einen Blick werfen auf die Lage der Medien und Kulturschaffenden im Iran. Wie ist denn deren Situation zurzeit?

Amirpur: Nun, extrem schlecht, es gibt keine oppositionellen Medien mehr in Iran. Alles, was es vorher an Zeitungen gab – und da gab es sowieso schon nicht so besonders viel, weil eigentlich schon seit einigen Jahren fast alles verboten wird, was Kritik übt und Opposition ist im Medienbereich. Also all das wurde geschlossen, es ist also kaum noch möglich, wirklich Kritik zu üben in den offiziellen Medien.

Aber andererseits hat man ja nun das Internet, und darüber ist dann auch einiges möglich, über Internetseiten, die eigentlich im Ausland erscheinen, und da passiert noch einiges.

Und was die Kulturschaffenden anbelangt, auch dort wurden in den letzten Monaten unglaublich viele, Dutzende, Hunderte ins Gefängnis geworfen. Es gibt einige sehr prominente Beispiele – Jafar Panahi, davon hat man, glaube ich, sehr stark gehört hier im Westen –, all diese Leute, von denen man auch nur annahm, dass sie Kritik würden üben können. All die hat man ins Gefängnis geworfen.

Und es gab da dramatische, schauerliche Szenen. Es gab Schauprozesse, die geführt worden sind gegen Oppositionelle, wo Leute, denen man ansah, dass sie nicht aus freien Stücken zu diesem Ergebnis gekommen sind, wo sie bereut haben, was sie getan haben, was sie gesagt haben, wo sie abgeschworen haben ihren früheren Idealen. Also das galt für sehr viele namhafte Köpfe dieser Reformbewegung, das galt auch für viele Kulturschaffende.

Viele sind inzwischen ins Ausland gegangen. Es gibt sehr viele, die gesagt haben, wir können dort nichts tun, weil uns sowieso der Mund verboten wird, hier können wir wenigstens versuchen, ein bisschen die Medien auf diese Vorkommnisse in Iran aufmerksam zu machen. Also die Situation ist eigentlich ausgesprochen schauerlich.

Hanselmann: Also das heißt, der Protest gegen die Verhältnisse kann im Land selbst, in Iran, künstlerisch überhaupt nicht mehr formuliert werden?

Amirpur: In ganz, ganz, tja, wie soll ich sagen, leiser, ja, auf eine leise Weise, die dann – also man bekommt das mit, dass es so was gibt, aber es ist einfach ausgesprochen und es ist unglaublich gefährlich, und trotzdem passiert es immer wieder. Also wir haben das im letzten Jahr beobachtet – an den verschiedenen Jahrestagen haben sich auch Studenten wieder gesammelt und haben protestiert.

Es gibt dann so Beispiele wie von einer jungen iranischen Dichterin, die ausgezeichnet worden ist für ein Gedicht und die dann aufs Podium getreten ist und ein sehr, sehr kritisches Gedicht vorgetragen hat. Und das ist auch nicht gestoppt worden, weil es wahrscheinlich im ersten Moment niemand mitbekam.

Dieses Gedicht ist auf YouTube verlinkt, man kann das sich anhören, und es ist einfach ein wahnsinnig gutes, schönes Beispiel, wie sich dieser Protest dann ins Internet verlagert, wie die Leute versuchen, in Nischen abzuweichen, wie man immer noch versucht, sich zu artikulieren, obwohl es so unglaublich schwer ist im Moment.

Hanselmann: Sie sagten vorhin, diese Regierung hat in der Bevölkerung keinen Rückhalt mehr. Kann denn auf politischer Ebene überhaupt noch was passieren?

Amirpur: Nun, im Prinzip nicht. Iran befindet sich in einer unglaublich großen Krisensituation seit einem Jahr. Also auch in den Reihen der Konservativen, die die eigentlich diese Regierung und dieses Regime stützen, wird immer mehr Unmut laut und heißt es immer, man müsste jetzt irgendetwas tun und tatsächlich auch zu irgendeiner Art von Einigung mit der Opposition kommen, weil das zu einem absoluten Stillstand geführt hat.

Es kann keine Politik mehr gemacht werden. Iran ist in einer wirtschaftlich politischen unglaublich schwierigen Situation, in einer wirklich krisenhaften Situation, deshalb sind viele zu Zugeständnissen auch gegenüber der Opposition bereit. Es ist nur die Frage, wer sich da durchsetzen kann.

Es gibt dann wiederum andere Radikale, die sagen, das geht auf keinen Fall, man muss die Opposition niederschlagen, und es wird auch immer wieder, werden Gerüchte laut, dass man die Oppositionsführer, also Mussawi und Karrubi und Mohammed Chatami, den ehemaligen Präsidenten, wirklich vor Gericht stellen müsse, um dem Ganzen jetzt irgendwie den Garaus zu machen.

Aber auch das scheint mir eine Milchmädchenrechnung zu sein. Also ich glaube, auch wenn man die Köpfe dieser Bewegung ins Gefängnis steckt oder ausschaltet, auch dann wird sich dieser Legitimitätsverlust nicht mehr wiedergutmachen lassen. Und der hängt nicht nur an der Wahl, die so unglaublich viele Menschen für gefälscht halten, sondern vor allem an dem, was danach passiert ist: Es sind die Schauprozesse, die Folter, die Vergewaltigungen in den Gefängnissen, dass Menschen erschossen wurden, als sie friedlich protestiert haben.

Das waren eigentlich die Dinge, die die Menschen noch weit mehr aufgebracht haben gegen diese jetzige amtierende Regierung als vielleicht die gefälschte Wahl.

Hanselmann: Die grüne Revolte im Iran und die Lage im Land ein Jahr danach. Vielen Dank, Katajun Amirpur, dankeschön!

Amirpur: Bitte!

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