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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.09.2012

Gegen Einsamkeit hilft keine Psychotherapie

Iris Hanika: "Tanzen auf Beton - Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse", Droschl Verlag, Graz und Wien 2012, 167 Seiten

Gruppentherapie in einem Krankenhaus (picture alliance / dpa/Patrick Pleul)
Gruppentherapie in einem Krankenhaus (picture alliance / dpa/Patrick Pleul)

Das Buch liest sich wie ein schludrig geschriebenes Feuilleton, manchmal wie ein Tagebuch. Tatsächlich handelt es sich um die Aufzeichnungen einer Frau, die einsam alt wird. Sie hat keinen Mann hat, nur ab und zu Sex, der sie noch niedergeschlagener macht.

Was ist denn das für ein Buch? Ein Roman, wie es klein in der untersten Ecke des Schutzumschlags steht? Oder ein "Bericht", wie es im Untertitel des neuen Buches von Iris Hanika heißt, der einen "Weiteren Bericht aus der unendlichen Analyse" verspricht (oder womöglich androht)? Manchmal möchte man Autoren vor ihren Verlagen in Schutz nehmen, die aus Gründen des Marketings oder rechtlicher Absicherung auch solche Bücher Romane nennen, die alles andere sind als dies.

Nähme man die Gattungsbezeichnung ernst, würde man das neue Buch der 1962 geborenen Autorin, deren Roman "Treffen sich zwei" 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, rasch beiseite legen. Als Roman wäre es missglückt. Es hat keine Form, keinen Plot, keine Figuren und keine Imagination. Wer sich jedoch auf seine ungeschützte Offenheit einlässt, erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle: von Kopfschütteln, Abwehr und Verdruss, über eine allmählich wachsende Anteilnahme, bis hin zu Respekt und schließlich sogar Verzauberung.

Zunächst sieht "Tanzen auf Beton" wie ein schludrig geschriebenes Feuilleton aus, manchmal wie ein Tagebuch, dann wächst es sich zu einer Orgie des Bekennens aus. Wir werden Zeuge eines über Jahre dauernden Verhältnisses eines ziemlich beschädigten Ichs mit einem verheirateten Mann. Sie können nicht miteinander reden. Sie teilen keinen Alltag. Spätestens nach zwei Stunden gehen sie sich auf die Nerven. Und auch der Sex ist ausgesprochen unersprießlich, zumindest für die Frau. Trotz aller Stimulation kann sie ihre Orgasmen an einer Hand abzählen.

Warum bleibt sie also bei ihm? Warum fängt sie das Verhältnis, so oft sie es abbricht, immer wieder von neuem an? Weil es ein Makel ist, wenn eine Frau keinen Mann hat, und sei es im Hintergrund? Weil ihr vom Elternhaus die Botschaft eingetrichtert wurde, Frauen seien nichts wert? Weil sie als Dreizehnjährige eine Fast-Vergewaltigung erlitten hat? Hundert Mal werden diese Überlegungen hin und her gewälzt - vom schreibenden Ich und seiner Analytikerin, die dringend eine weitere Analyse empfiehlt. Doch sie selbst meint irgendwann, nun sei es genug. Zum Glück.

Nun wird das eigentliche Thema des Buches sichtbar. Es geht um Einsamkeit, um die Nacktheit eines Gefühls, das sich keiner eingestehen will und das auszusprechen schambesetzter ist als jede noch so skandalöse Sexgeschichte. Wie man sich als Frau in mittleren Jahren fühlt, wenn keine Zugehörigkeit und keine verlässliche Liebe das Altern abfedern, davon erzählt "Tanzen auf Beton" (nur junge Gelenke überstehen das ohne Schaden).

Das ist auf schmerzliche Weise eindrucksvoll. Schön aber ist der Wandel des Stils. Sobald die Erzählerin nicht mehr nur sich selbst und die verlorene Liebe, sondern die Außenwelt wahrnimmt, geht es auch mit ihrer Sprache bergauf. Eine Reise mit dem Schiff über Sankt Petersburg nach Moskau löst eine neue Liebe aus, zu Russland nämlich. Und schon verschwindet der ausgeleierte therapeutische Diskurs. Die Sprache wird anschaulich, klar und beseelt. Ein glückliches Ende für ein trauriges Buch.

Besprochen von Meike Feßmann

Iris Hanika: Tanzen auf Beton - Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse
Droschl Verlag, Graz und Wien 2012
167 Seiten, 19 Euro

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