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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.02.2012

Gegen die Vorherrschaft des Geldes

Wilfried Minks inszeniert Arthur Miller im St. Pauli Theater

Von Ulrich Fischer

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Margarita Broich und Burghart Klaußner spielen beide ausdrucksstark. (Matthias Horn)
Margarita Broich und Burghart Klaußner spielen beide ausdrucksstark. (Matthias Horn)

Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" handelt von den letzten Tage im Leben von Willy Loman. Wilfried Minks hat das Stück nun in Hamburg am St. Pauli Theater inszeniert - mit Burghart Klaußner in der Titelrolle. Minks hat 2010 den Faust-Theaterpreis für sein Lebenswerk bekommen.

Wilfried Minks gehört zu den wichtigsten und prägendsten Bühnenbildnern der Bundesrepublik - erst spät fand Minks auch zum Inszenieren. Inzwischen gehört er zu den großen alten Regisseuren unserer Tage - er hat es sich nicht nehmen lassen, auch das Bühnenbild für seine Inszenierung vom "Tod eines Handlungsreisenden" im St. Pauli Theater zu entwerfen. Dabei schlägt er, noch bevor die Aufführung beginnt, das Leitmotiv seiner Deutung an.

Als Vorhang empfängt das Publikum eine riesig vergrößerte Ein-Dollar-Note - verfremdet. Washington fasst sich an den Kopf - ein ebenso kritischer wie komischer Kommentar zu unserer Zeit. Als der Dollarschein hochgeht, wird die Bühne nach hinten von der Rückseite der Banknote abgeschlossen. Ein unübersehbare Hinweis, wie stark das Schicksal des Handlungsreisenden Willy Loman und seiner Familie vom Geld bestimmt wird.

Burghart Klaußner stellt den inneren Widerspruch Willys in den Mittelpunkt seiner schauspielerischen Interpretation. Einerseits fordert Willy von sich und seinen beiden Söhnen demonstratives Selbstbewusstsein. Man sollte, man muss fordern und auftreten/-trumpfen, damit der Gegenüber den eigenen Wert erkennt. Andererseits entspricht diesem Selbstbewusstsein keine Substanz - Willys Selbstbewusstsein ist hohl.

Das wird in einer Schlüsselszene besonders deutlich. Willy ist jetzt über sechzig, erschöpft und will vom Außen- in den Innendienst versetzt werden. Er meint Anspruch darauf zu haben, schließlich hat er sein Leben lang seiner Firma gedient - aber der junge Chef will keine Lasten, er will leistungsfähige junge Leute und wirft Willy raus. Die bittere Pille wird mit freundlichen Worten versüßt - aber Willy verliert in dem Moment seine Arbeit, in dem er jeden Dollar braucht. Sein Selbstbewusstsein bricht zusammen - Burghart Klaußner zeigt das körpersprachlich: erst die straffe Haltung des Fordernden, dann das gebeugte Rückgrat.

Auch Klaußners Mimik ist ausdrucksstark: Willys Mund ein Strich, die Lippen von langem Zusammenpressen nach der Hinnahme allzu vieler Demütigungen fast verschwunden. Das Kinn, nicht sehr ausgeprägt, wird hervorgereckt, um Willenskraft vorzutäuschen. So versucht Willy seinen Söhnen vorzumachen, wie sie auftreten sollten - dabei wissen Biff und Happy, dass ihr Vater längst alle Autorität verloren hat. Auch hier ist der Wechsel von Anspruch und Zusammenbruch Klaußners bevorzugtes Mittel - er ist stets präsent und übertreibt nie - das unterscheidet ihn vom übrigen Ensemble. Zwar kann Margarita Broich als Willys Frau Linda in der Differenzierungskunst noch in etwa mithalten, doch die anderen Schauspieler vergröbern ihre Rollen.

Klaußner transportiert die Botschaft seines Regisseurs und des Dramatikers: die Maxime "Jeder ist seines Glückes Schmied" kann verderblich sein. Wer seine Kräfte überschätzt, geht im Wettbewerb unter - er täte besser daran, sich mit Anderen zusammenzutun.

Das St.-Pauli-Theater kooperiert für den "Tod des Handlungsreisenden" mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Ein Träger des Festivals ist der Deutsche Gewerkschaftsbund - und dieser "Tod eines Handlungsreisenden" kann als Werbung für Gewerkschaften gelesen werden: "Schließt euch zusammen, denn nur gemeinsam sind wir stark." - gegen die Vereinzelung, die bei Willy zum Selbstmord führt, plädiert Wilfried Minks, ganz in Übereinstimmung mit Arthur Miller und mit seinem Protagonisten Burghart Klaußner für mehr Solidarität gegen die Vorherrschaft des Geldes.

Das St. Pauli Theater hat eine in sich geschlossene, überzeugende Inszenierung im Repertoire, heute, in Zeiten in denen viele unter prekären Arbeitsverhältnissen leiden wie einst der unsterbliche Willy Loman, so aktuell wie bei der Uraufführung 1949.

Links bei dradio.de:

Vulkan, Glaube und Franz Josef Strauß <br> Drei Premieren am Residenztheater München (DLF)
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Viel Preis, kein Ehr' <br> Die Verleihung des Faust-Theaterpreises (DLF)

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