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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2011

Gegen den Mythos einer einheitlichen türkischen Nation

Das Literaturfestival Dildile in der Berliner Volksbühne

Von Martin Zähringer

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Plakat von "DilDile" (Volksbühne Berlin)
Plakat von "DilDile" (Volksbühne Berlin)

Dildile bedeutet "von Sprache zu Sprache", und Übersetzung und Dialog spielten bei diesem Literaturfestival eine wesentliche Rolle. Programmatisch stand etwas anderes im Vordergrund. Sabine Zielke, die vonseiten der Volksbühne die Organisation leitete, formuliert ihre Ansprüche mit folgenden Worten:

"Ich war sehr interessiert an einer politischen Ausrichtung des Festivals, das war sozusagen meine erste Forderung. Denn wenn wir das bei uns am Hause machen, muss es sich ja unterscheiden von den Kulturgeschichten, die in Neukölln oder Kreuzberg stattfinden."

Die politische Ausrichtung war gemäßigt, zu heftigen Debatten kam es nicht. Das Spektrum bewegte sich im Rahmen literarischer Erinnerungskultur gegen den offiziellen Mythos von der einheitlichen türkischen Nation. So erzählte die Suhrkamp-Autorin Sema Kaygusuz von der Kindheit eines alevitischen Mädchens, das erst in der Schule erfahren hat, dass und wie es anders ist.

Fethiye Çetin las aus ihrem jüngst in der Türkei erschienenen Buch über ihre armenische Großmutter, die erst 60 Jahre nach dem Armenier-Genozid begann, ihrer Enkelin die furchtbaren Ereignisse zu schildern. Und auch die folgenden Veranstaltungen standen im Zeichen einer multiethnischen Türkei: Mario Levi, ebenfalls Suhrkamp Autor, brachte zusammen mit Benjamin Stein die erinnerungspolitische Dimension des Jüdischen ein - und Murat Uyurkulak, gemeinsam mit Ulrich Peltzer auf der Bühne, die Geschichte der radikalen Linken. Danach folgte, was Anna Mandalka vom Orlando Verlag so skizziert:

"Wir wollten gerne diese etwas jüngere Szene zeigen, wobei wir ganz bewusst das Programm gemischt haben. Wir haben Althergebrachtes gezeigt wie Mario Levi oder Murat Uyurkulak, aber wir haben eben auch Autoren wie Hatice Meryem, die jetzt erst seit zwei Monaten auf dem Markt ist. Wir haben auch Autoren wie Ayfer Tunç oder Hakan Günday, die noch gar nicht übersetzt sind."

Ayfer Tunç war persönlich verhindert, aber die souveräne Lesung der Schauspielerin Betty Freudenberg machte die Autorin doch sehr präsent - mit einer vielleicht etwas langen Textprobe. Die klang nach Innerlichkeitsprosa der türkischen Frauenliteratur, die eher in Richtung Unterhaltung tendiert. Explizit politisch äußerte sich der bei uns noch nicht übersetzte Hakan Günday. Er informierte über eine aktuelle Tendenz in der Türkei:

"Wie in der gesamten Welt ist es natürlich auch in der Türkei so, dass sehr rasch Änderungen vonstatten gehen. Was gestern nicht zu schreiben möglich war, kann man vielleicht heute schreiben. Die Entwicklungen gehen zum Teil unglaublich schnell vonstatten. Das letzte Buch von mir wurde auf Verlangen des Generalstabs einem Staatsanwalt überstellt, um einen Prozess zu eröffnen. Vor zehn Jahren - bin ich sicher - wäre dieser Prozess tatsächlich zustande gekommen und ich wäre aufgrund des berühmten Paragrafen 301 angeklagt worden. Aber heute ist die Situation anders und der Prozess ist nicht zustande gekommen."

Damit will Günday keineswegs behaupten, dass alles in bester Ordnung ist. Sein neuer Roman kritisiert grundlegend das Militärsystem der Türkei, das noch immer die gesamte zivile Sphäre durchdringt.

Am folgenden Abend waren besonders viele Frauen im Publikum. Sie bekamen von Hatice Meryem – ein Pseudonym - amüsante Proben ihrer Kurzprosa geboten, in der sich eine Erzählerin in die Rolle verschiedener Ehefrauen imaginiert. Gemäß dem satirischen Talent der Autorin geht es dabei mehr um die Männer. In der anschließenden Diskussion stand eine immer massiver werdende Gewalt gegen Frauen im Vordergrund. Sabine Zielke von der Volksbühne haben die meisten Texte überzeugt:

"Ich muss sagen, ich war sehr überrascht, wir haben ja etwa die Hälfte an Neuübersetzungen dabei, das heißt, wir haben Manuskripte, wir haben ja nicht mal Bücher. Ich war sehr erstaunt, wie hochwertig diese Literatur ist, wieviel Poesie und Wärme und vor allem auch richtigen Tiefgang diese Literatur hat. Also für mich und die Kollegen, die hier an diesem Festival mitgearbeitet haben, eine ganz tolle Erfahrung."

Für die jungen Schauspieler von der Volksbühne waren die literarischen Lesungen eine gute Übung und für das Programm eine Bereicherung. Professionell wirkten die Übersetzer Sabine Adatepe und Recai Hallaç auch als Bühnendolmetscher und Moderatoren.

Im Vergleich mit dem Internationalen Literaturfestival in Berlin steht Dildile für eine konzentrierte Atmosphäre. Und Türkei-Folklore gab es nicht. Obwohl Kulinarisches durchaus eine Rolle spielte: Zum Auftakt am ersten Abend gab es feine türkische Weine, Kostproben türkischer Küche und danach Musik des Komponisten Nevzat Akpınar. Abgerundet wurde Dildile am Samstag mit der Istanbuler Band "Luxus" und einer lockeren Frühlingsparty im Roten Salon.

Kulturpresseschau

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