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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.12.2007

Gegen den Dopingwahn

Werner Franke, Udo Ludwig: "Der verratene Sport", ZS Verlag Zabert Sandmann, München 2007

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Etappe 10 der 93. Tour de France (AP)
Etappe 10 der 93. Tour de France (AP)

Der Heidelberger Zellforscher Werner Franke und Spiegel-Redakteur Udo Ludwig beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Doping. Auch wenn auf dem Einband vielleicht etwas übertrieben reißerisch das erste Doping-Aufklärungsbuch überhaupt angekündigt wird, ist die Lektüre wahrscheinlich nicht nur für Sportinsider ein Gewinn.

Die Autoren erzählen nicht nur minutiös die lange und schmutzige Geschichte des systematischen Dopings im Spitzensport. Sie berichten nicht nur über das eng verknüpfte Netzwerk aus Politik, Wirtschaft, Sportverbänden und Medien, in dem jeder einzelne Bereich von den mit verbotenen Substanzen erzielten Spitzenleistungen der vom System abhängigen Sportler profitiert.

Sie rufen nicht nur noch einmal in Erinnerung, wie bundesdeutsche Politiker das DDR-Staatsdoping einerseits anprangerten, andererseits aber im Wettlauf der politischen Systeme dieselben verbotenen Mittel einsetzten. Der damalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schäuble, als derzeitiger Bundesinnenminister auch für den Sport zuständig, forderte beispielsweise 1977 im Bundestag, Doping teilweise freizugeben. Dies sei nötig, "weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen heute ohne den Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann", sagte der CDU-Politiker damals.

"Der verratene Sport" weist nach, dass dieser Satz in diesen so argumentierenden Kreisen im Prinzip auch heute noch gültig ist.

Wenn sich an der Mentalität, Sport weiterhin bevorzugt nach Medaillenspiegel und Höchstleistungen zu fördern, nichts ändert, wird sich die Dopingproblematik nach Ansicht der Autoren kaum lösen lassen.

Was zählen Nebenwirkungen von übermorgen, wenn man morgen schon stärker ist?

Franke und Ludwig liefern aber mehr als Fakten und fundierte Analyse. Durch das ganze Buch hindurch bringen sie immer wieder Beispiele von Athleten, die sie größtenteils selbst befragt haben. Dabei beschränken sie sich nicht auf den relativ engen Kreis der Spitzensportler. Sie weisen nach, dass zum Beispiel Anabolikamissbrauch längst zum gesamtgesellschaftlichen Problem geworden ist.

Bereits vor fünf Jahren hätten ungefähr 500.000 Deutsche Medikamente geschluckt oder gespritzt, um sich durch mehr Muskelmasse einen Körper zu kreieren, der sie wie ein Kokon vor den Anfeindungen des Alltags abschotte. Gravierende gesundheitliche Folgen würden bewusst in Kauf genommen, um den immer härter werdenden Anforderungen der Leistungsgesellschaft, dem steigenden Druck standhalten zu können.

Anabolika, mit deren Handel weltweit operierende Netzwerke große Profite einfahren, dienen in vielen Fällen nur als Einstiegsdroge. Habe die Muskelmasse die ersehnte Anerkennung gebracht, kämen immer häufiger auch Kokain oder Ecstasy dazu, um den Spaß in eine scheinbar endlose Spirale des Glücks zu verlängern.

Franke und Ludwig werten in ihrem Buch die Ergebnisse des in diesem Jahr vorgelegten, von der Weltantidopingagentur - WADA - in Auftrag gegebenen Donati-Reports aus. Danach haben die Dopinghändler neue Handelsrouten erschlossen. Westeuropa wird mittlerweile nicht mehr nur aus Russland, der Ukraine oder Lettland beliefert. Inzwischen kommen immer mehr Dopingpräparate aus Asien. An der Spitze der Liste der Exporteure stehen Thailand und China, das Land, wo im kommenden Jahr die Olympischen Sommerspiele ausgetragen werden.

Ist der Sport noch zu retten?

Um den Sport, der immer noch ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaftskultur sei, zu retten, plädieren Franke und Ludwig für einen radikalen Sanierungsplan. Unter anderem müssten dopingverseuchte Sportarten wie etwa Radsport oder Leichtathletik auch "als solche gebrandmarkt werden". Den Medien, inklusive den öffentlich-rechtlichen Sendern, werfen die Autoren "totales Versagen" vor.

Der Ausstieg aus der Liveübertragung der Tour de France im vergangenen Sommer sei jedoch ein erster Schritt in die richtige Richtung gewesen. Interessant dürfte sein, wie sich die Medien im kommenden Jahr bei den Spielen in Peking verhalten werden. Gefordert wird von den Autoren außerdem eine internationale Dopingpolizei, die nach dem Vorbild der UNO ohne Visa in Länder einreisen dürfen müsse, um Kontrollen durchzuführen. Wer die Dopingfahnder behindere, solle vom internationalen Sportbetrieb ausgeschlossen werden dürfen.

Für die Nationale Dopingagentur, NADA, wird eine bessere finanzielle Ausstattung aus Bundesmitteln angemahnt. Nur so könne sich die Organisation im sechsten Jahr nach Gründung von einem "zahnlosen Papiertiger" in eine ernstzunehmende Instanz verwandeln. Mit dem bisher bewilligten Jahresetat von 1,8 Millionen Euro sei es dagegen nicht möglich, genug qualifiziertes Personal zu beschäftigen, um intelligente Kontrollen durchzuführen.

Darunter verstehen Franke und Ludwig beispielsweise unangemeldete Kontrollen in den Frühlingstrainingslagern der Leichtathleten in den USA, Australien oder Südafrika.

Der wichtigste Baustein im Rettungsplan für den verratenen Sport sei jedoch eine bessere Prävention: Wenn man Kinder im Geiste des Fairplay erzieht, ihnen die Chance gibt, selbstbewusst und informiert aufzuwachsen, sich nicht von erfolgssüchtigen Eltern, Trainern oder Funktionären erpressen zu lassen, hat der Sport wirklich eine Chance.


Rezensiert von Thomas Jaedicke


Werner Franke, Udo Ludwig: Der verratene Sport
ZS Verlag Zabert Sandmann, München 2007, 261 Seiten, 19,95 Euro

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