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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.09.2006

Gegen das Vergessen

Die Geschichte des Lagers Föhrenwald als Hörstück

Rezensiert von Ralf Bei der Kellen

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Hinter Stacheldraht  (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Hinter Stacheldraht (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Das Lager Föhrenwald im oberbayerischen Wolfratshausen existierte von 1937 bis 1956. Zunächst waren hier Zwangsarbeitskräfte und Angehörige des Reichsarbeitsdienstes, nach dem Krieg Überlebende der Vernichtungslager und heimatlose Flüchtlinge untergebracht. Michaela Melián lässt in ihrem Hörstück "Föhrenwald" die Geschichte des Lagers wiederauferstehen.

"Memeler Straße, New York-Straße, Rupertstraße. Lothringer Straße, Indiana Straße, Dekan Weis-Straße. Adolf Hitler-Platz, Roosevelt Square, Seminarplatz."

Drei Straßennamen aus drei Epochen. Es sind die Namen, die die Straßen im oberbayrischen Lager Föhrenwald trugen. In der Nazizeit benannte man sie nach neugewonnenen Gebieten oder NS-Größen, nach Kriegsende bekamen sie amerikanische Namen, die schließlich neutralen, fast nichtssagenden Bezeichnungen wichen. Allein ihre Aufzählung spricht schon vom institutionalisierten Vergessen, vom Verdrängen unliebsamer Geschichte. So stehen denn auch die Namen gleich am Anfang von Michaela Meliáns Hörspiel "Föhrenwald", in dem die Autorin die wechselhafte Geschichte des Lagers erzählt.

"Wir haben in der New Jersey-Str. 54 gewohnt, das war 1952. In der Ortsschule, der Berufsschule, sind verschiedene Kurse angeboten worden: Schneiderei, Kosmetik. Die Männer Elektrokurse, Tischlerei und verschiedene andere handwerkliche Kurse. Wir haben auch riesige Hochzeiten dort gefeiert, da ist das halbe Lager gekommen, ein paar hundert Leute. Wir haben einen eigenen Rabbiner gehabt und einen eigenen Beschneider. Das Lager Föhrenwald war ein richtiges jüdisches Schtetl."

Michaela Melián wurde 1956 in München geboren, studierte Musik und Malerei und ist seit den 80er Jahren als bildende Künstlerin tätig. Heute lebt sie selbst in Wolfratshausen, unweit des ehemaligen Lagers. Als Basis für ihr Hörbild führte sie zwei Jahre lang mit Menschen, die in den 40er und 50er Jahren im Lager wohnten, Interviews, die sie mit Aufzeichnungen aus den örtlichen Archiven kombinierte. Dabei hat sie absichtlich auf Originaltöne verzichtet, alle Interviewsequenzen wurden von professionellen Sprechern nachgesprochen. Die Zitate aus Akten und offiziellen Erklärungen ließ die Autorin ganz bewusst von Kindern sprechen.

"30.1.1946. Stimmungsbericht des Bürgermeisters von Wolfratshausen an den Landrat: Ärgernis gebend ist das Verhalten der Juden. In den Geschäften sind sie sehr aufdringlich und fordernd, um Waren und Lebensmittel ohne Marken zu bekommen. Bieten horrende Summen, weil sie Geld genug besitzen. Hamstern Mangelware wie Salz und Zündhölzer, um sie anderwärts wieder zu verschachern. Die Abneigung gegen die Juden war früher in der Bevölkerung nicht so, als nur einige, einwandfreie Geschäftsleute von diesen ansässig waren, als jetzt, wo sie in Massen in ihrem Wesen sich zeigen."

Durch den Klang der Kinderstimmen entsteht ein beabsichtigt harter Kontrast zum Inhalt des Gesagten. Sprechen die Kinder, dann schweigt die Musik, die sonst dem ganzen Hörstück unterliegt. Sie wurde von Melián aus Fragmenten alter, verrauschter und zerkratzter Schallplatten gefiltert, die in den 30er Jahren bei "Lukraphon" erschienen, einer Firma, die nach den Rassegesetzen 1935 ausschließlich Aufnahmen jüdischer Musiker und Komponisten veröffentlichte.

Die in ihrer Intensität das ganze Hörspiel über gleichbleibende Musik wird zum impliziten Kommentar alles Gesagten. Zusammen mit den lakonischen Stimmen drückt sie die Gleichgültigkeit aus, mit der die Geschichte über die Schicksale der Berichtenden hinwegzugehen scheint. Nach 1956 versucht man in Wolfratshausen, jedwede Spur des ungeliebten Lagers zu verwischen und sich rasch und rigide seiner Bewohner zu entledigen.

""Die ganze Gegend wollte das Lager weghaben. Als das Lager geschlossen wurde, ist grundsätzlich gesagt worden: Juden dürfen da keine Reihenhäuser und Objekte kaufen. Ich weiß nicht, ob welche da waren, die sich das hätten leisten können. Und so sind mehrere Familien eben ausgesiedelt worden, mit Gewalt. Sie sind nicht gefragt worden, es ist einfach über sie bestimmt worden. Ich kenne Leute, die gesagt haben: Ich gehe nicht weg, ich bleibe. Sie konnten aber nicht dableiben, man wollte sie verstreuen, das ganze restliche Judentum zerstreuen, nach München, Frankfurt, Düsseldorf."

Für "Föhrenwald" ist Michaela Melián zu recht mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Parallel zum Hörspiel hat sich die Autorin mit einer multimedialen Installation gleichen Namens und Themas um konkrete Geschichtsaufarbeitung verdient gemacht. "Föhrenwald" gehört zweifellos zu den gelungenen Versuchen, die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts dem Vergessen zu entreißen und sie für das heutige Publikum auszuleuchten.

Leider – und das ist auch der einzige Kritikpunkt – hat die Plattenfirma Intermedium wie schon bei anderen Hörspielveröffentlichungen auf eine Unterteilung des Stückes verzichtet. Wer sich also diese keineswegs leichte, sondern substantielle wie seriöse Hörspielkost im Auto oder bei der Hausarbeit zu Gemüte führen will und versehentlich auf den Stop- statt auf den Pause-Knopf drückt, muss jeweils ganz von vorne wieder anfang

Michaela Melián: Föhrenwald!
Intermedium Records 2006
1 CD, 59 Minuten, 17.90 Euro

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