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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.12.2017

Gefunden im MuseumsshopFaust-Handschuhe aus Weimar

Von Henry Bernhard

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Faust I und Faust II - Kochhandschuhe aus dem Museumsshop in Weimar (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
Faust I und Faust II - Kochhandschuhe aus dem Museumsshop in Weimar (Deutschlandradio / Henry Bernhard)

"Faust I" und "Faust II" als Handarbeit aus Thüringen – die gibt es im Museumsladen in Weimar. Für den Küchenbedarf werden dort zwei übergroße rote Faust-Handschuhe verkauft. Das Souvenir ersetzt daheim den Topflappen.

Im Grunde genommen treiben Alexander von Keyserlingk die gleichen Fragen um wie den Theaterdirektor in Goethes "Faust" -

"Wie machen wir's, dass alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht."


Oder mit anderen Worten: Was muss ich anbieten, um möglichst vielen zu gefallen, und vor allem, um möglichst vielen das Geld aus der Tasche zu ziehen? Diese Frage stellt sich Alexander von Keyserlingk täglich. Er ist Geschäftsführer der Museumsläden der Klassik Stiftung Weimar.

"Ja natürlich, auch hier werden Kompromisse gemacht! Wir machen ja das Geschäft für unsere Kunden und nicht aus eigener ideologischer Überzeugung."

Doch der Museumsladen bildet ein Dreieck mit Goethe- und Schillerhaus, liegt nur ein paar Hunderte Schritte von dem Theater entfernt, in dem Goethes Faust 1829 uraufgeführt wurde. Da hat Keyserlingk natürlich auch bildungsbürgerliche Skrupel:

"Also, wir haben schon einen gewissen Qualitätsanspruch, dass wir keine allgemeingültige Handelsware in Containern aus China importieren, sondern dass die Dinge natürlich  einen ganz klaren Bezug haben zu den Themen, die wir in Weimar in den Museen spielen. Da legen wir einen hohen Wert auf Qualität."

Ein Problem, das auch Goethe schon kannte

Im quasi geweihten Andenkenladen vor dem Tempel der Deutschen Klassik schauen Goethe und Schiller nicht nur gefühlt als kritische Geister auf Verkäufer und deren Kunden, sie blicken sie auch als Büsten an. Aber wie das halt so ist mit Büsten: Sie wirken doch reichlich verzopft und sind schnell auch verstaubt. Und man kann schrecklich wenig mit ihnen anfangen. Ein Problem, das auch Goethe schon kannte:

"Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen."


Wie aber kann man sozusagen nützlich im Jetzt und Heute der großen Weimarer Geister gedenken?

"Auf einmal seh' ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!"


FAUST, also Goethe bringt die Lösung: Aber nur mit Hilfe seines Freundes Schiller.

"Der Handschuh!"

Ein Handschuh, ein zarter …

"Ein Handschuh von schöner Hand…"

… der in der gleichnamigen Ballade Fräulein Kunigund entglitt und zwischen Löwe, Tiger und Leoparden fiel. Faust aber, also auch Goethe, braucht zur Tat keinen zarten Schiller’schen Spitzen-Handschuh zum ritterlichen Liebesbeweis, sondern einen handfesten, robusten. Und siehe, da liegt er! Im Museumsladen in Weimar: Der Faust-Handschuh.

"Und die sind wirklich hochwertig..."

Alexander von Keyserlingk: "Also, wir haben diese Kochhandschuhe. Und die sind wirklich hochwertig genäht, gefüttert, wattiert, dass sie eben auch zweckmäßig für Backen und Kochen einsetzbar sind, die sogenannten 'Fäustlinge'. So ist also auf der Hand 'Faust I' und auf der anderen Hand "Faust II" eingedruckt, eingestickt vielmehr! Und alles in Handarbeit in Thüringen hergestellt!"

Kein Schnickschnack, sondern ein vollwertiger Küchenfäustling, für heiße Backbleche und Bräter. Im knalligen Rot, mit schwarzer Füllung fast mephistophelisch gestaltet. Auf dem rechten steht in Goethes Handschrift mit pechschwarzem Faden gestickt "Faust I", auf dem linken "Faust II". Da kann nichts mehr anbrennen in Weimars Museumsshop, findet auch Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar.

Hellmut Seemann: "Das ist natürlich ein Kalauer! Aber ein Kalauer mit einem Produkt, das sehr nützlich ist. Wer sich schon mal am Backofen verbrannt hat, weiß, wie gut es ist, wenn man geräumige Handschuhe hat für diesen Umgang mit diesem heißen Backofen. Und das als Faust I und Faust II zu verkaufen, das macht den Leuten einfach Spaß, und deswegen kaufen sie’s. Und dann hängen die da in der Küche und erinnern immer daran, dass man mal in Weimar war. Denn: Nur hier kann man die kaufen!"

Sie sind das Ende eines jeden Museumsbesuches und oft eine wahre Wunderkammer: Museumsshops. Manche Besucher beginnen hier sogar aus Neugier den Rundgang durchs Haus. Am Ende verlässt man die Ausstellungshäuser beschwert durch hübsche, aber meist unnütze Staubfänger. Doch gibt es neben Bildbänden, Radiergummis, Stiften, Postkarten, T-Shirts und Umhängetaschen auch Gegenstände, die den Geist eines Museums aufs Schönste interpretieren und verkörpern? Wir haben für die "Fazit"-Winterserie wieder unsere Autoren in ihre Lieblingsmuseen geschickt – auf der Suche nach dem ultimativen Objekt.

24.12. Ultimatives Objekt #1
Kassel: "Pechkekse" als Eintrittskarte zur Hölle (Von Ludger Fittkau)

25.12. Ultimatives Objekt #2
Buenos Aires: Evita als Metall-Relief (Von Victoria Eglau)

26.12. Ultimatives Objekt #3
Paris: Die Postkartendame von 1760 (Von Jürgen König)

27.12. Ultimatives Objekt #4
London: Ai Weiwei-Gliederpuppe aus Holz (Von Friedbert Meurer)

28.12. Ultimatives Objekt #5
Weimar: "Faust I" und "Faust II" als Handschuhe (Von Henry Bernhard)

29.12. Ultimatives Objekt #6
Wismar: Die Wasserrakete zum Selbstbasteln (Von Silke Hasselmann)

Mehr zum Thema

Ausstellung in Weimar - Was Goethe und Schiller gern aßen
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 29.08.2016)

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