Gefrorene Tränen

Moderation: Jürgen Otten · 27.01.2008
Keine Menschenseele - nur Krähen, kläffende Hunde, im Sturm rauschendes Baumgezweig: Franz Schuberts "Winterreise"-Zyklus, entstanden in seinen letzten Lebensjahren 1827/28, beschreibt und besingt 24 Lieder lang absolute Einsamkeit. Ob der Leiermann, der im allerletzten Lied erscheint, nur eine Allegorie des endgültigen Endes ist oder vielleicht doch die Utopie eines zwar völlig illusionsfreien, aber eben doch möglichen Neuanfangs, gehört zu jenen entscheidenden Diskussionspunkten, bei denen die Auseinandersetzung mit der Liedfolge über das rein Musikalische hinaus eine philosophische Dimension gewinnt.
Es sind solche Fragen und die Vielzahl der darauf möglichen Antworten, die zu immer wieder neuen Ansätzen seitens der interpretierenden Sänger (und in den letzten Jahrzehnten gelegentlich auch Sängerinnen) geführt haben. Unter historischen Aspekten kann der Zyklus als persönliches Psychogramm des Komponisten und ebenso als Zeitgeist-Analyse der Metternichschen Restaurationsepoche gelesen werden; gleichzeitig hat er aber eine zeitlose Aktualität für all jene, die sich – aus welchen Gründen auch immer - in ihrer Umwelt fremd und unverstanden fühlen. Er betrifft jene Seiten von uns, über die wir vielleicht nicht so gern reden.

Auch Jürgen Otten öffnet als Autor der Sendung seine ganz persönliche Sicht auf die 24 Lieder und setzt sie in den Diskurs mit einem Praktiker: dem Bariton Matthias Görne, der die "Winterreise" bereits zweimal aufgenommen hat und aktuell vor der dritten Einspielung steht. Der Sänger spricht nicht nur über seine eigene Annäherung an das erschütternde Werk, sondern auch über die – hier vielleicht noch mehr als sonst für die Ausstrahlung mitentscheidende – Zusammenarbeit mit den jeweiligen Pianisten. Die Aufnahmen, die beide gemeinsam hörten und nun vorstellen, entstanden zwischen 1945 und 2003.