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Profil / Archiv | Beitrag vom 11.12.2008

Gefragter Jungstar aus Russland

Autorin Alina Bronsky schreibt gern über Menschen in ungewöhnlichen Situationen

Von Georg Gruber

Im ORF-Theater in Klagenfurt liest Alina Bronsky  anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann- Preises. (AP)
Im ORF-Theater in Klagenfurt liest Alina Bronsky anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann- Preises. (AP)

"Scherbenpark", so heißt der Debüt-Roman von Alina Bronsky, ein Roman, der für viel Aufsehen sorgt. Es ist der erste literarische Text von Alina Bronsky, eine kleine Aschenputtelgeschichte - aus dem Nichts zum gefragten Jungstar - eine Geschichte, die auch ein wenig zu Bronsky selbst passt.

Die 17-jährige Sascha, Hauptheldin in Alina Bronskys Roman "Scherbenpark" lebt in einem tristen Hochhaus-Komplex, in dem vor allem Russlanddeutsche zu Hause sind.

"Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei und für keinen brauche ich mich zu schämen."

Sascha gibt sich selbstbewusst und überlegen, doch hinter der trotzigen Fassade kommt ein Mädchen zum Vorschein, das in seinen Grundfesten erschüttert ist, durch eine grausame Tat:

"Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Ich habe auch schon einen Titel: 'Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte'."

Vadim ist Saschas Stiefvater, er hat die Mutter ermordet. Alina Bronskys packendes Debüt wurde schon vor dem Erscheinen kontrovers diskutiert - als sie beim Bachmannpreis-Wettberwerb im Juni 2008 zum ersten Mal Auszüge daraus vorlas.

"Meine größte Sorge oder zwei, war, nicht mein Glas Wasser umzukippen und zweitens selber nicht in Ohnmacht zu fallen, weil ich große Angst vor diesem Auftritt hatte, und als ich ihn hinter mir hatte, war mir der Rest schon egal."

"Der Rest" - das ist die gefürchtete Runde der Kritiker: deren Meinung reichte von "gelungener Rollenprosa" bis zu "überflüssig scheinkindlich" und "pseudonaiv". Als das Buch im Herbstprogramm von Kiepenheuer und Witsch erschien, überwogen die positiven Rezensionen. So schrieb die FAZ, die Geschichte erzeuge einen Sog, dem man schon bald nicht mehr entkomme.

"Scherbenpark" ist auf alle Fälle ein besonderes Buch: Alina Bronsky erzählt unsentimental, geradlinig und direkt, sie zieht den Leser hinein in eine Parallelwelt, in das russlanddeutsche Aussiedler-Milieu, das bisher nur in Wladimir Kaminers Schwänken auftauchte.

Und vielleicht war die Kritik auch deswegen teilweise so ungnädig, weil der Verlag diesen Erstling so stark als Sensation herausstellte. Eingesandt von einer bis dahin unbekannten Autorin, per E-Mail. Wer ist dieses schreibende Aschenputtel, das da zum Jungstar erklärt wird, wer ist Alina Bronsky?

"Der Name ist mir buchstäblich im Traum eingefallen, ich hatte vorher sehr lange gesucht, mit Wörtern gespielt und kombiniert und hatte sehr bedeutungsvolle Sachen und als der Name zu mir gekommen ist, hab ich gleich gedacht, das ist er, man kann hinterher sehr viel hinein interpretieren, da ist der Vorname meiner Mutter drin und durch das Bronski Beat oder die Bronx, da darf jeder rumspielen wie er möchte."

Jung sieht sie aus, schmales Gesicht, im Interview auf der Buchmesse - ihr Terminkalender ist voll - gibt sie meist nur kurze Antworten, viel mehr als die Daten, die auf dem Klappentext des Buches stehen, will die 29-Jährige eigentlich nicht von sich preisgeben. Geboren ist sie 1978 in Jekaterinburg in Russland, der Vater Physiker. Als sie 12 Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland.

"Das war natürlich eine sehr komische Situation, ich bin in die Schule gekommen, als ich kein Deutsch konnte, das war wahrscheinlich anstrengend, ich kann mich nur noch erinnern, dass ich meine Hausaufgaben mit einem Wörterbuch gelöst habe, oder auch nicht."

In einer Hochhaussiedlung wie im "Scherbenpark" lebt sie nur für kurze Zeit, ihre Jugend verbrachte sie in Marburg und Darmstadt. Heute soll sie in Frankfurt leben.

"Sascha, so wie ich sie beschrieben habe, gibt es im realen Leben nicht, zumindest kenne ich sie nicht, sie hat aber durchaus Charakterzüge von lebenden Menschen, sowohl von mir, als auch von anderen, in verzerrter Form. Die extreme Gereiztheit, die Sascha hat, die alterstypisch ist, die hatte ich auch, wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch."

Schreiben wollte Alina schon als Teenager, doch nach dem Abitur beginnt sie Medizin zu studieren, bricht das Studium ab, arbeitet dann in einer Werbeagentur, macht schließlich ein Volontariat bei einer Regionalzeitung.

"Scherbenpark" schrieb sie innerhalb weniger Monate, nachts, wenn die Kinder schliefen, drei hat sie, das ist schon durchgesickert durch den unsichtbaren Wall, den sie um sich aufgebaut hat.

"Als ich angefangen hab zu schreiben, dachte ich, ich hätte mir das alles ausgedacht, erst später sind mir auch die anderen Einflüsse bewusst geworden. Ich hab, als ich bei der Zeitung gearbeitet habe, auch oft Gerichtsreportagen gemacht, es ist ja eigentlich ein klassischer Fall, dass ein Ex-Mann seine ehemalige Partnerin umbringt, aus Eifersucht, und da sind mir auch einige Fälle eingefallen, die dem ähnlich sind."

Sascha verstrickt sich in "Scherbenpark" in eine Dreiecksgeschichte mit einem Journalisten und seinem Sohn, sie lässt sich weder von Nazis noch von den rumhängenden Jungs im Ghetto beeindrucken. Sie schlägt sich durch, sie wird ihren Weg gehen, auch wenn am Ende des Romans nicht klar ist, wohin der führt.

Alina Bronsky will weiter schreiben, vielleicht eine Fortsetzung, auch wenn sie das ursprünglich gar nicht wollte, weil sie sich nicht als russlanddeutsche Ghetto-Expertin versteht, sondern sich vielmehr für Menschen interessiert …

"die in schwierigen oder ungewöhnlichen Situationen sind oder in Welten, die wie in Scherbenpark, einerseits sehr nah und andererseits sehr fremd sind, und ja, irgendwie für sich ein Happy End finden, ja, lassen wir das so stehen."

Alina Bronsky: "Scherbenpark", Kiepenheuer & Witsch, 287 Seiten *

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