Gefährlicher Brief aus Auschwitz

Verschlüsselte Botschaft über einen KZ-Lagerarzt © Stock.XCHNG / valentino sirbinas
17.01.2008
Mit "Partitur des Todes" hat Jan Seghers – Pseudonym des Schriftstellers Matthias Altenburg – den dritten Fall für seinen Frankfurter Hauptkommissar Robert Marthaler geschrieben. Ein Unbekannter erschießt in einem türkischen Lokal fünf Menschen. Die Spur führt bis nach Paris zu einem als Partitur getarnten Brief eines Auschwitz-Häftlings.
Ein dritter Fall für den Frankfurter Hauptkommissar Robert Marthaler: Als Jan Seghers – ein Pseudonym des Schriftstellers Matthias Altenburg – 2004 das Genre wechselte und mit "Ein allzu schönes Mädchen" im Krimifach debütierte, schuf er eine deutlich an skandinavische Vorbilder erinnernde Ermittlerfigur.

Von einer beklemmenden Vergangenheit – seine Frau wurde von einem Bankräuber erschossen – heimgesucht und regelmäßig von leisem Weltekel befallen, versucht der Mittvierziger Marthaler das Böse zu bekämpfen, ohne den Glauben an die Gerechtigkeit zu verlieren. Diesmal schlägt ihm das Verbrechen auf besonders brutale Weise entgegen: Ein Unbekannter erschießt in einem türkischen Lokal gezielt fünf Menschen und entführt eine französische Journalistin.

Sieht es anfänglich so aus, als habe die Gewalttat mit der Entdeckung einer unbekannten, von Musikverlagen heiß begehrten Operettenpartitur Jacques Offenbachs zu tun, so erweist sich diese Spur als trügerisch. Denn die Partitur, die sich einst im Besitz des Auschwitz-Häftlings Arthur Hofmann befand, diente diesem nur als Vorwand, um seinem Sohn eine verschlüsselte Botschaft über einen KZ-Lagerarzt zukommen zu lassen. Über 60 Jahre sind seitdem verstrichen, ehe Hofmanns in Paris lebender Sohn Georges nach einem Fernsehauftritt zufällig in den Besitz des gefährlichen Briefes aus Auschwitz gelangt.

Wie schon in seinen bisherigen Kriminalromanen gelingt es Jan Seghers, Handlungsstränge geschickt miteinander zu verweben und die Leser in die Irre zu führen. Das ist gekonnt gemacht, mit kräftigem Lokalkolorit versehen und mit manchmal etwas dick aufgetragenem sozialkritischen Impetus angereichert. Ein Arsenal mehr oder minder eigenwilliger Charaktere bevölkert das Frankfurter Kommissariat und verleiht Seghers’ Ermittlern jene menschliche Note, ohne die kein Gegenwartskrimi mehr auskommen mag.

Leider tut Jan Seghers hier mitunter zu viel des Guten. Alte und neue Liebschaften unter den Kollegen, ein Polizist mit schwulem Comingout; ein Innenminister, der als machtbesessener Ignorant auftritt, urige Ökofreaks, die sich im hintersten Hessen tummeln, und ein Geiselshowdown im Supermarkt, der sich liest, als sei er direkt einem "Tatort"-Drehbuch entsprungen – das sind die eher etwas bemüht originell wirkenden Versatzstücke, die die Handlung auflockern sollen.

Auch sprachlich spreizt sich der Roman bisweilen unnötig – so wenn es nicht bei den Sätzen "Auf dem Alleenring schaltete sie das Signalhorn ein. Nach nicht einmal fünf Minuten hatten sie die Autobahn erreicht" bleibt und ohne Not die Satzhülsen "Die vor ihnen fahrenden Autos wichen an die Ränder der Fahrbahn aus und ließen ihnen in der Mitte genug Platz, um ungehindert überholen zu können" eingebaut werden. Das mindert die Lesefreude an diesem gut konstruierten, vor allem in der zweiten Hälfte spannenden Krimi – leider.

Rezensiert von Rainer Moritz

Jan Seghers: Partitur des Todes
Wunderlich Verlag, Reinbek 2008.
474 Seiten, 19,90 Euro