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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2012

Gefährliche Operation

Benjamin Stein: "Replay", C.H. Beck Verlag, München 2012, 171 Seiten

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Das Implantat ermöglicht ein brillantes Gedächtnis - das einem zum Verhängnis wird. (Stock.XCHNG / N. S. Junior)
Das Implantat ermöglicht ein brillantes Gedächtnis - das einem zum Verhängnis wird. (Stock.XCHNG / N. S. Junior)

Der Autor Benjamin Stein entwirft in seinem neuen Roman eine düstere Zukunftsvision: Dem jungen Zahlengenie Ed Rosen wird ein Chip implantiert, der ihm ein omnipotentes Gedächtnis verleiht. Er wird damit zum perfekten Menschen - der aber nur noch von Kälte und Gier getrieben ist.

Der 1970 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller Benjamin Stein ist der Autor
verwirrender Bücher. Der Kampf des Menschen mit der Religion interessierte ihn in seinem 2010 erschienen Roman "Die Leinwand". In seinem neuen kurzen Roman "Replay" entwirft Stein, der im Hauptberuf Unternehmensberater für Informationstechnologie ist, ein Bild unserer Zukunft. In dieser Zukunft steuert nicht unser mehr oder weniger gut funktionstüchtiges Gehirn unser Handeln. Stattdessen wird ein implantierter Chip zur Schaltzentrale und koordiniert alles, was das Netzwerk unserer Nervenzellen zu erledigen hat. Der Chip steuert, registriert und memoriert Denken, Fühlen und Handeln.

Der junge Ed Rosen, ein Zahlengenie mit Hang zum Mystischen, hat eine eklatante Sehschwäche. Professor Matana, Chef einer im kalifornischen Silicon Valley angesiedelten Softwarefirma, stellt Ed Rosen in seiner Firma ein. Allerdings muss er sich erst durch hartes Training in Form bringen und sich gepflegt und tipptopp gekleidet präsentieren. Matana, selbst mit einem verunstalteten Körper ausgestattet, wird für Ed Rosen zu einer Art Über-Ich.

Matana wiederum hat mit Ed Rosen das ideale Versuchsobjekt gefunden. Ihm soll die Weltneuheit, das "Unicom", implantiert werden. Ein "Unicom" ist ein künstliches Auge, das seinem Träger ein omnipotentes Gedächtnis verleiht, immer online, immer up to date. Der Chip vergisst nichts, er speichert alles.

Benjamin Steins Zukunftsvision ist direkt den Laboren der Neurowissenschaftler entnommen. "Replay" ist keine Neuauflage von Aldous Huxleys "Brave New World". Was in "Replay" verhandelt wird, ist keineswegs Futurologie. Eigentlich ist das, was hier geschildert wird, bereits in unserer Gegenwart angekommen.

Ed Rosen wird in Matanas Firma kometenhaft aufsteigen und in einem gläsernen Bungalow auf einem Felsen, umspült vom Meer, zu Hause sein. Er ist kein sympathischer Typ, schon deshalb nicht, weil er eines Morgens anstelle seines einen Fußes einen Huf erblickt.

Ed Rosen wird von Benjamin Stein modellhaft gezeichnet: ein Mensch ohne Emotionen, einer, dem alles zu gelingen scheint. Alles an ihm ist perfekt: sein Hirn, seine Garderobe und die Fitnesstrainerinnen, mit denen er perfekten Sex hat. Stein zeigt die Faszination am technisch Möglichen und den Preis dafür. Der Preis ist die Kälte, die Gier, die alles, auch den Sex, beherrscht. Und was fehlt, wenn der innere Schalter auf "Replay" umgeschaltet wird, wenn das Vergangene wieder hervorgeholt werden kann? Ja, räsoniert der Autor Stein, es sind die Gefühle, sie fehlen eben doch.

Geschrieben wie ein Krimi ist der Roman sowohl Science Fiktion als auch ein Silicon Valley-Tatsachenbericht, hart an unserer Zeit, wird aber durch den Pan-Huf Rosens und die körperliche Missbildung Matanas in die Sphäre des Irrealen gerückt. Der transparente, von einer Zentrale überwachte Mensch leidet an seiner eigenen Geheimnislosigkeit. Schöne neue Welt, hier ist ein Versuch, wie es werden könnte. Der Autor ist fasziniert und berauscht von seiner Fantasie, und es graust ihm davor.

Besprochen von Verena Auffermann

Benjamin Stein: Replay
C.H. Beck Verlag, München 2012
171 Seiten, 17,95 Euro

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