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Interview | Beitrag vom 21.05.2019

Gedichte zum MauerfallDen großen und kleinen Wenden nachspüren

Anton G. Leitner im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Mann mit Hammer und Meisel im Wendejahr 19989/90 an der Berliner Mauer. Oben auf der Mauer steht ein DDR-Grenzposten. (imago/Camera4)
Ein "Mauerspecht" sichert sich ein Stück der Berliner Mauer im Wendejahr 1989/90. Ein aktueller Lyrikband beschäftigt sich im 30. Jahr des Mauerfalls mit der politischen Wende - und privaten Wendepunkten. (imago/Camera4)

Mit welchem Blick schauen deutsche Lyriker auf den Fall der Mauer vor 30 Jahren? Die Jahresschrift des Anton-G.-Leitner-Verlags präsentiert einen Sammelband, in dem Politisches und Privates gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Wer sich für Gedichte begeistert, braucht "DAS GEDICHT". So heißt die Jahresschrift des Anton G. Leitner Verlags, die dieses Jahr zum 26. Mal erscheint. Der aktuelle Band steht unter dem Thema: "Wendepunkte / Der poetische Dreh". Ein Schwerpunkt der Gedichte liegt dabei auf dem Mauerfall und der Zeit danach. Es finden sich Erinnerungen an die Zeit der Wende aus DDR-Sicht, ebenso wie Perspektiven von Autoren aus dem Westen.

Auch andere Wenden und Mauern haben ihren Platz in dem Band: solche, die unsere heutige Gesellschaft zu verantworten hat, von Obergrenzen für Flüchtlinge bis hin zum Klimawandel. "Wir haben das Jubiläum "30 Jahre Mauerfall" als Anlass genommen, den großen und kleinen Wenden im Leben nachzuspüren. Aber natürlich steht die Wende von 1989 besonders im Fokus", so Anton G. Leitner.

Die Ausgabe ist als "Wendebuch" konzipiert – also als Buch, das sich aus zwei Richtungen lesen lässt. Auf der einen Seite finden sich Gedichte zur politischen Wende, auf der anderen Gedichte zu privaten Wendepunkten, wie etwa in der Liebe, bei Trennung oder dem Tod. Dabei steht das Private gleichberechtigt neben dem Politischen: Beide Sektionen sind mit 88 Seiten gleich groß und verfügen jeweils über ein eigenes Editorial und Inhaltsverzeichnis. Außerdem enthalten beide auch einen Abschnitt mit Lyrik für Kinder.

Berliner reichten eher private Gedichte ein

Ob die Wende ihre Auswirkungen eher im Privaten oder im Politischen zeigt, hat offensichtlich auch etwas mit der Herkunft der Autoren zu tun. Während Berliner Autoren eher Gedichte zu privaten Wendepunkten eingereicht hätten, kamen die politischen Texte eher von den Nicht-Berlinern, so Leitner – und das, obwohl unter den Berliner Dichtern einige dabei seien, die in der DDR als Dissidenten galten und teilweise sogar im Gefängnis saßen. Insgesamt wurden etwa 2000 Gedichte eingereicht, von denen am Ende knapp 120 in die Jahresschrift aufgenommen wurden.

Aber ist das Thema "Mauerfall" nicht schon auserzählt? Was kann Lyrik den vielen Filmen, Geschichtsbüchern und Romanen noch hinzufügen? "Für mich ist die Lyrik ein Mittel der Differenzialdiagnostik", sagt Anton Leitner. Es gelänge ihr, die kompliziertesten Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Sie nähert sich der Essenz einer Sache, mal mit Humor, mal ernst, mal in komplizierter, mal in einfacher Sprache. Lyrik sei ein überraschendes Medium, und gerade deshalb geeignet, sich einem so großen Thema wie lebensveränderten Wenden zu widmen.

(rod)

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