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Zeitfragen | Beitrag vom 22.01.2020

Gedenkstätte RavensbrückErinnerungskultur trifft auf Hip-Hop

Von Clarisse Cossais

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Untersicht einer Plastik in Form eines tragenden Arms auf einem weiten Kiesgelände, in dessen Hintergrund alte Baracken zu sehen sind. (imago/Jürgen Ritter)
Die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück. (imago/Jürgen Ritter)

Beim jährlichen Generationenforum der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück treffen Jugendliche und Schoah-Überlebende aufeinander. Seit kurzem sind auch Performances und Rap Bestandteil dieser Treffen. Die Überlebenden sind von dem Projekt überzeugt.

An einem Samstagmorgen Ende August 2019 nehmen in einem großen Raum im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück, etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin, etwa hundert Leute Platz. In der malerisch schönen Landschaft, in Sichtweite vom idyllischen Städtchen Fürstenberg an der Havel, liegt der Ort, an dem zwischen 1939 und 1945 täglich gefoltert und gemordet wurde, an dem etwa 120.000 Frauen von den Nationalsozialisten gepeinigt wurden.

Unter der künstlerischen Leitung von Dan Wolf haben vierzig Jugendliche und junge Erwachsene aus der ganzen Welt zusammen mit der Choreografin Katarina Rampackova, der Rapperin Lena Stoerfaktor und dem Sound-Künstler Christian Find eine Woche lang eine Performance erarbeitet. Parallel zu den Workshops fanden Begegnungen mit drei Überlebenden vom Konzentrationslager statt: Emmi Arbel, Batsheva Dagan und Selma van der Perre.

Treffen der Generationen

Seit 2005 findet jährlich im ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück ein Generationenforum statt, bei dem Jugendliche die Möglichkeit haben, Überlebende kennenzulernen und ihre Geschichte aus erster Hand zu erfahren. Seit 2018 ist das Kunstprojekt "Sound in the Silence" dazu gekommen. Der Leiter vom pädagogischen Dienst der Gedenkstätte Ravensbrück, Matthias Heyl:

"Wir haben uns schwer getan, einen Ersatz für das Generationenforum zu finden mit der Überlegung, dass wir es den Überlebenden bald nicht mehr zumuten können hierher zu kommen. Und so haben wir letztes Jahr die Überlebenden zu dem Experiment eingeladen, mit ihnen zusammen und den Künstlern um Dan Wolf herum etwas Neues zu machen. Das war diese Idee 'Generationforum meets Sound in the Silence'."

Historiker lehnten die Idee zunächst ab...

Die Idee zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust und Zweiter Weltkrieg hatte der Hamburger Filmemacher Jens Huckeriede, der das Projekt "Sound in the silence" initiierte, zusammen mit dem amerikanischen Rapper Dan Wolf. Griet Gäthke vom Kulturzentrum Die Motte, das das Projekt mitträgt:

"Ein Hip-Hop-Event an einer Gedenkstätte – wir haben die Erfahrung gemacht, dass dafür keine Offenheit da war. Es gab Leute, die sofort verstanden haben, was wir wollen, und dass es wichtig ist, neue Formen zu finden für die jungen Leute, um sie anzusprechen, zu interessieren, aber gerade Historiker oder die klassischen Verbände waren erstmal ablehnend. Die haben gesagt, das können wir nicht machen, mit Kunst und dann noch mit Hip Hop an die schwierigen Teile der Geschichte ranzugehen und dann noch an Gedenkstätten. Das war nicht vorstellbar."

... die Überlebenden hingegen waren überzeugt

Funktionierte aber sehr gut, so gut, dass die Überlebenden 2019 sofort dabei waren, als es hieß, es wird eine weitere Ausgabe des Projekts geben.

"Ich saß vorhin und habe zugeschaut, wie die Gruppe tanzte", sagt die 82-jährige Überlebende Emmi Arbel, "und ich habe mich gefragt, was mögen sie wohl denken, wenn sie tanzen. Und später kam ein Mädchen auf mich zu und sagte mir, es sei ihre Therapie hier. Es war, nachdem ich von meiner Geschichte erzählt hatte. Sie war sehr beeindruckt und sie sagte, dass es für sie sehr stark ist, wenn sie tanzt. Es hat mich gefreut, das zu hören."

Emmi Arbel kam schon als Kind mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern aus den Niederlanden nach Ravensbrück. Als sie sechs Jahre alt war, war sie mit ihren Verwandten nach Bergen-Belsen deportiert worden, wo ihre Mutter kurz nach der Befreiung an Schwäche verstarb. Lange Zeit konnte sie nicht über ihre Erfahrungen im Lager sprechen, sie tut es heute mit großer Vorsicht und Bestimmtheit.

"Wie kann man das überleben?"

Die 93-jährige Batscheva Dagan hat sich mit ihrer Vergangenheit in vielen Büchern und Gedichten beschäftigt, sie war 17, als sie aus Polen erst nach Auschwitz und dann nach Ravensbrück deportiert wurde:

"Die Jugend fragt mich immer, wie kann man das überleben. Und was ist meine Antwort: Wer leiden kann und leben will, kann alles ertragen. Wir müssen überleben, um der Welt zu erzählen und die Welt zu warnen, dass so was kann sich nicht wiederholen. Und wenn ich heute über Neonazis höre in Deutschland, wird mir schlecht."

Batscheva Dagan hat Kinderbücher geschrieben, geht in Schulen, besucht Universitäten. Beim "Generationenforum" der Gedenkstätte Ravensbrück wurde sie im August 2019 von ihrem Enkel Yaniv begleitet:

"Stundenlang einer Geschichte zuzuhören kann ermüdend sein, aber wenn Du die Möglichkeit hast, Deine Gefühle auszudrücken und Dich zwischendurch auszuruhen, ist es viel besser. Wenn Du Deine Emotion und Deine Wahrnehmung künstlerisch ausdrücken kannst, ist es sicherlich für einige Leute die beste Gelegenheit, um die Geschichte besser zu verstehen.

Jugendliche als Akteure der Erinnerungskultur

Die jungen Leute werden der Erinnerungskultur nicht ausgesetzt, sondern sind selbst Akteure. "Hier erleben sie eben auch, dass sie Handlungen vornehmen, die Spuren hinterlassen", erzählt Matthias Heyl. "Das ist das Tolle, wenn sie erfahren, dass die Überlebenden etwas entdecken, in dem was sie machen, worin sie Respekt sehen und etwas wieder erkennen von dem, was sie selber erzählt haben."

Hannah, eine junge Teilnehmerin, glaubt, dass es daran liege, dass sie einen Song über die Geschichte einer Überlebenden geschrieben hat, dass sie ihre Gefühle zeigen könne. "Und irgendwie empfinde ich das als ziemlich großes Geschenk."

Die Verbrechen der Nazi-Zeit - "nie wieder!"

An diesem August-Morgen führen die Teilnehmer des Workshops das Publikum zum Lagertor, das durch eine Kette angedeutet ist. Da die Baracken abgerissen sind, symbolisieren im Boden Wellen aus Schlacke deren Standorte. Einen geradezu zärtlichen Tanz führen die Jugendlichen hier auf, adressieren Texte an die Überlebenden und danken ihnen.

Nachdem der Applaus verklungen ist, wendet sich die 97jährige Überlebende Selma van de Perre an die Anwesenden. Die jungen Leute möchten diese Erinnerungen an ihre Kinder und Enkel überall auf der Welt weitergeben, damit nie wieder passiert, was sich hier in diesem Lager zugetragen hat, wünscht sich Selma van de Perre.

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