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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.01.2015

GedenkenWie kann man heute den Holocaust vermitteln?

Von Irene Binal

Eine Frau mit buntem Hut steht am 09.12.2013 in Berlin im Nieselregen zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin.  (picture alliance / dpa / Teresa Fischer )
Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin. (picture alliance / dpa / Teresa Fischer )

Im Berliner Stadtteil Schöneberg werden in einer Ausstellung Biografien jüdischer Zeitzeugen präsentiert. Die Einzelschicksale von Juden aus Schöneberg sollen verdeutlichen, wie es den ehemaligen Nachbarn ergangen ist - ein Besuch bei einer Gedenkveranstaltung.

Cara Homberg: "Es ist schwer, sich vorzustellen, in so einer Situation zu sein; wir hören davon die ganze Zeit im Geschichtsunterricht, man muss sich damit beschäftigen, das ist total wichtig ..."

...meint die Schülerin Cara Homberg. Peter Kersten hat bis vor kurzem am Rückert-Gymnasium im Berliner Stadtteil Schöneberg Geschichte unterrichtet.

Peter Kersten: "Also es bringt meiner Erfahrung nach nichts, wenn man zum Beispiel Bilder von Leichenbergen in Auschwitz zeigt, weil da bekommt man ganz komische Reaktionen, wie zum Beispiel irgendwie Lachen oder irgendwas, das sind ja alles Abwehrreaktionen; also besser ist es, man hat ein Einzelschicksal, da kann man sich viel besser mit identifizieren und sich viel besser in die Situation dieses Individuums hineinversetzen."

Einzelschicksale. "Wir waren Nachbarn": Unter diesem Titel präsentiert eine Ausstellung im Schöneberger Rathaus Menschen, die in Deutschland gelebt haben, bis sie unter dem Regime der Nationalsozialisten vom Staat verfolgt wurden. Kuratorin ist Katharina Kaiser.

Katharina Kaiser: "Die Schüler gehen an den Tischen entlang und sehen Gesichter, die sie anschauen, oder sie sehen Straßen, die sie kennen: 'ach, die kenne ich, die Straße!' und sie sehen Schulen, in denen diese Menschen waren und wir haben immer die Menschen oben, auch wie sie damals aussahen. Also es sind dann auch eben Jugendliche oder Kinder drauf, die genauso alt sind wie sie, und das spricht die Jugendlichen sehr an ..."

Augenzeugenberichte sind glaubhaft

Die heute 77-jährige Rahel Mann hat überlebt. Als junges Mädchen und Jüdin wurde sie jahrelang bei verschiedenen Familien versteckt, lebte zeitweise im Keller, durfte mit fast niemandem sprechen.

Rahel Mann: "Ich hatte acht Jahre nicht, mehr oder weniger nicht reden dürfen, und wenn bei Erwachsenen nur, wenn ich gefragt wurde. Strikt. Und wenn ich allein war, durfte ich schon gar nicht. Nicht reden, nicht heulen, nicht jammern, nicht pupsen, ich durfte überhaupt keine Töne von mir geben."

Heute erzählt Rahel Mann von ihren damaligen Erlebnissen, bei Veranstaltungen und in Schulen.

Rahel Mann: "In den Klassen hatte ich oft den Eindruck, ob ich von Cäsar rede, von Napoleon, oder von Hitler, ist alles da hinten. Es ändert sich in dem Moment, wo ich sehr persönlich werde. Dann kriegen die ein Gefühl dafür, was da alles passieren konnte."

Knapp 92 Jahre alt ist Marion House. Sie hatte die Schöneberger Rückert-Schule noch bis 1936 besucht. Heute lebt sie in New York, kommt aber regelmäßig nach Berlin und erzählt Schülern von ihrer eigenen Schulzeit - wie etwa ihre beste Freundin damals plötzlich nicht mehr mit ihr sprach.

Marion House: "Sie mied mich und wollte einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich war fürchterlich gekränkt, und dann habe ich das zu Hause erzählt und meine Mutter meinte, vielleicht hat irgendeiner von den Nachbarn gesagt, sieh mal zu, dass deine Tochter mit diesem jüdischen Mädchen nicht mehr spielt, und da haben sie vielleicht Angst bekommen."

Eine Geschichte, die Jugendliche leicht nachvollziehen können.

Cara Homberg: "Mich berührt das immer sehr und ich kann mich auch sehr gut dann mit dieser Person identifizieren."

Adam: "Das ist ja was anderes, wenn eine Augenzeugin dabei ist, weil - dann weiß man auch, wie sie sich gefühlt hat, wenn sie das sagt."

Fanny Zimpel: "Also ich finde gerade diese Zeitzeugenberichte sehr wichtig und sehr spannend, weil man so direkt das Leben von einem einzelnen Menschen vermittelt kriegt und sozusagen einen persönlichen Bezug bekommt."

Zeitzeugen sind nicht ersetzbar

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gibt es nur noch sehr wenige, die persönlich erzählen können, was es hieß, damals gelebt zu haben – verfolgt, vertrieben oder versteckt.

Rahel Mann: "Also ich glaube, wenn wir nicht mehr da sind, macht es am besten ein Film. Sowohl der Film über Anne Frank als auch 'Der Junge im gestreiften Pyjama', den kennen sehr viele Schüler, ich denke, das ist etwas ganz Wichtiges, zu zeigen, wie Kinder und Jugendliche das erlebt haben."

Cara Homberg: "Ja, also es gibt halt immer wieder Dokumentationen auch über unsere Geschichte eben und teilweise finde ich das auch ein sehr gutes Mittel, um Jugendlichen dieses Thema näher zu bringen ..."

Fanny Zimpel: "Ich finde es wichtig, dass es gerade so eine Vielfalt auch an Ausstellungen gibt, aus verschiedenen Blickwinkeln halt, also möglichst viel einfach, verschieden."

Ausstellungen, Film- und Tondokumente – ja, aber ersetzbar seien Zeitzeugen nicht, sagt der pensionierte Lehrer Peter Kersten.

Peter Kersten: "Man kann sicherlich sehr viel aufzeichnen, es gibt ja auch im Fernsehen sehr viele Sendungen, wo Zeitzeugen nochmal zu Wort kommen, aber es ist eben nicht möglich, direkt Fragen zu stellen. Die Dimension wird unwiederbringlich weg sein."

 

Mehr zum Thema:

Auschwitz-Gedenken - "Man muss emotionale Brücken schlagen"
(Deutschlandfunk, Interview, 27.01.2015)

Holocaust - Gedenken unter der Abrissbirne
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 14.11.2014)

NS-Aufarbeitung - Münchner Gymnasiasten gedenken deportierter Schüler
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 07.11.2014)

Holocaust - Nicht vergessen reicht nicht
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 15.10.2014)

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