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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.11.2013

Gedenken mit Zukunft

Eine Zwischenbilanz des Themenjahres in Berlin

Von Wolf-Sören Treusch

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Solche Stolpersteine sind bereits zu zehntausenden in Europa verlegt. (AP)
Solche Stolpersteine sind bereits zu zehntausenden in Europa verlegt. (AP)

Erinnerung und Gedenken an das Dritte Reich müssen in die jungen Generationen getragen werden - das ist nicht leicht, aber umso wichtiger, je weniger Überlebende des Holocausts noch am Leben sind. Das Berliner Themenjahr will Kindern und Jugendlichen Denkanstöße geben.

Die Emser Straße in Berlin-Wilmersdorf: Wo einmal das Haus mit der Nummer 37 stand, ist jetzt eine Lücke. Hier wohnte Cora Berliner, von 1930 bis 1933 Professorin für Wirtschaftswissenschaften in Berlin, dann aus dem Staatsdienst entlassen und Leiterin der Auswanderungsabteilung in der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

Ein junger Lehrling setzt einen Stolperstein mit ihrem Namen ins Pflaster. Die Stolpersteine erinnern an das Schicksal derjenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben oder ermordet wurden: Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Männer und Frauen des Widerstands. In Berlin wurden schon mehr als 5.000 Stolpersteine verlegt, in Europa insgesamt 40.000.

Zehn Minuten dauert die Prozedur. Am Ende nimmt der Lehrling ein feuchtes Tuch und wischt die Messingoberfläche des kleinen Stolpersteins sauber.

25 Schülerinnen und Schüler des Max-Planck-Gymnasiums in Berlin-Mitte haben das Geschehen beobachtet. Jetzt ergreifen einige von ihnen das Wort. Es ist ihre Initiative gewesen, mit Hilfe des Stolpersteins an Cora Berliner zu erinnern.

Ilias: "Uns fasziniert einfach, was sie als Frau in der damaligen Zeit geschafft hat. Cora Berliner war eine der ersten Frauen, die studiert hat, und dazu noch Mathematik und Volkswirtschaft, wir bewundern ihren Ehrgeiz, ihre Klugheit und ihre Zielstrebigkeit."

Dilroba: "Heutzutage ist es ja normal, dass Frauen studieren oder Mädchen studieren, aber früher war das ja nicht normal, das war ja schwer. Als ich das gehört habe, dass das früher schwer war, war ich eher geschockt, weil ich dachte: Jeder konnte früher studieren, auch Frauen oder Mädchen."

Weiße Rosen neben den Stolpersteinen

Kassem: "1939 unternahm sie eine letzte Reise nach Schweden. Um 400 Juden in Schweden unterzubringen. Cora Berliner selbst konnte sich nicht mehr retten. Zusammen mit den anderen leitenden Mitarbeitern der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland wurde sie vermutlich am 24. Juni 1942 deportiert."

Isabelle: "Die meisten würden sich ja um sich kümmern, vielleicht noch um die Verwandten, aber Cora Berliner hat jedem geholfen, die Probleme hatten. Besonders jüdischen Frauen oder Mädchen. Also Leuten, die nicht so viele Chancen hatten."

Ezgikilic: "Mit der Verlegung dieses Stolpersteins wollen wir an eine große Frau erinnern, die für uns heute noch ein großes Vorbild ist. Wir gedenken ihrer an dem heutigen Tag, legen Rosen nieder, um unsere Verbundenheit mit ihr zu zeigen."

Ein paar Jugendliche legen weiße Rosen neben den Stolperstein, ihr Lehrer Christoph Hummel hält sich dezent im Hintergrund. Seit 12 Jahren schafft er es immer wieder, seine Schüler für das Stolperstein-Projekt zu begeistern. Das sei der beste Zugang, Erinnerungsarbeit zu leisten, sagt er.

"Für unsere Schüler liegt das so weit weg diese Zeit, es ist wirklich eine große Distanz da, man muss aufpassen, dass man es auch nicht zu sehr überfrachtet, überstrapaziert, dieses Thema, auf der anderen Seite ist mir unheimlich wichtig, dass es nicht vergessen wird. Und über diese Biografien, über das Erarbeiten, habe ich, glaube ich, relativ viel erreicht bei Schülern, dass sie sich wirklich der Problematik annehmen, und sie lernen eben auch den Hintergrund kennen: Was heißt Unterdrückung, was heißt Repression?"

Die Schüler bestätigen das: wenn man sich mit den Opferbiografien beschäftige, könne man sich auch viel leichter mit ihrem Schicksal identifizieren.

Isabelle: "Ich finde selber: wenn man da etwas mitmacht, dann ist das noch so ein Push für mich selbst so: ich habe da was gemacht."

Ida: "Es ist auch ein schöner Ausgleich zu dem faden Unterrichtsstoff, den man eigentlich hat, man wird der Sache sehr nahe, man wird sehr herangebracht, und man fühlt da auch viel mehr mit, und na ja, so weit weg ist es nun auch wieder nicht, es gibt halt immer noch den Faschismus, und man möchte halt nicht, dass es noch mal passiert."

Ilias: "Das darf halt nicht in Vergessenheit geraten. Es ist gut, dass wir das machen. Unsere Pflicht sozusagen."

Nur die Hälfte aller Schüler wissen, dass der NS-Staat eine Diktatur war

Wenn diese Pflicht jedoch zum ewig gleichen Gedenkritual wird, ist möglicherweise wenig erreicht. Bei einer Umfrage von TNS Infratest vor drei Jahren gaben 43 Prozent der Schüler in Deutschland an, es werde von ihnen erwartet, dass sie auf jeden Fall Betroffenheit zeigten über die Opferschicksale. Einer jüngeren Untersuchung der Freien Universität Berlin zufolge wissen nur knapp die Hälfte aller Schüler, dass der NS-Staat eine Diktatur war.

"Es muss uns neben der Vermittlung historischen Wissens gelingen, sie, die neuen Zeugen, die nächste Generation mit diesem Wissen auch zu immunisieren für Ausgrenzung, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit im Hier und Heute. Nur wenn wir das schaffen, hat unsere ganze Erinnerungskultur einen tieferen Sinn, kann sie nachhaltig wirken."

... sagt Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Die Hauptstadt erinnert in diesem Jahr an die einstige, vom NS-Regime brutal zerstörte Vielfalt Berlins. Zwei Daten bilden den historischen Rahmen dafür: der 80. Jahrestag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und der 75. Jahrestag der Reichspogrome im November 1938. "Zerstörte Vielfalt" ist der Titel des Themenjahres, das in diesen Wochen zu Ende geht.

Tast-Kasper: "Die Gedenkkultur in dieser Stadt ist ja großartig. Also das ist ja wirklich so vielfältig, dass man nur staunen kann."

Stolpersteine Minsk (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Auch in der weißrussischen Stadt Minsk sind Stolpersteine verlegt. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Beate Tast-Kasper von "Kulturprojekte Berlin" gehört zu denen, die das reichhaltige Veranstaltungsprogramm koordinieren. Fast überall in der Stadt kann man sich auf Spurensuche begeben. Besonders auffällig die zahlreichen Säulen, auf denen großformatige Porträts die Biografien von mehr als 200 Menschen erzählen. Menschen, die in den 30er Jahren die Vielfalt Berlins mitprägten und die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Auf der Website von "Kulturprojekte Berlin" erklärt eine der letzten Überlebenden des Holocaust, Margot Friedländer, warum sie nach Jahrzehnten des Exils 2003 nach Berlin zurückgekehrt ist.

"Ich sage Ihnen, dass ich Ihnen keine Schuld gebe, dass ich Ihnen die Hand reiche. Weil sie ja die dritte oder vierte Generation sind. Sie haben nichts damit zu tun, aber ich hoffe, dass Sie mich verstehen, was ich damit versuche, Ihnen zu sagen. Dass Sie die Zeitzeugen sein sollen, müssen, damit so etwas nie wieder geschieht. Denn wir sind ja nicht mehr sehr lange auf dieser Welt. Und wenn Sie weiter so leben wollen wie Sie jetzt leben: demokratisch, angezogen sein können wie Sie wollen, sagen können, was Sie wollen, leben können wie Sie wollen, dann müssen Sie dafür sorgen, dass das so bleibt."

www.unserevielfalt.de heißt die Website

Auch Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz hatte gemahnt, der Staffelstab der Erinnerung müsse symbolisch an die nächste Generation weitergereicht werden. Die jungen Menschen von heute müssten sich selbst darum kümmern, dass die Vielfalt in ihrem Leben erhalten bliebe. "Kulturprojekte Berlin" bietet dafür seit einem halben Jahr die zeitgemäße Plattform: eine Website.

Tast-Kasper: "Die einfach ein ganz anderes Design hat, so ein bisschen ein pinterest-style, wo eben eher die Bilder überzeugen als die Texte. Im ersten Moment. Es ist natürlich mit Hintergrund-Material und Inhalten versehen, das ist auch ganz wichtig, aber man bleibt erst mal sozusagen an den Bildern hängen. Zudem haben wir eben eine Facebook-Seite, und das ist doch letztendlich die gewesen, über die die meisten Jugendlichen überhaupt auf unsere Seite kamen. Die sind also erst mal auf Facebook gegangen, und wir haben über 10.000 Facebook-Fans, das ist total viel, ja, das ist wirklich wichtig."

www.unserevielfalt.de heißt die Website. "Stell dir vor, plötzlich wird verboten, was dir wichtig ist": Mit Gedankenspielen dieser Art werden und wurden die Jugendlichen animiert, kurze Video-Clips und Statements ins Netz zu stellen.

Tast-Kasper: "Was wäre zum Beispiel, wenn man Dir verbieten würde, zur Schule zu gehen? Da haben ganz viele erst mal geschrieben: 'Juhu, haben wir auch keine Lust’, aber wenn sie dann erfahren, dass es 1942 Jüdinnen und Juden verboten war, öffentliche Schulen zu besuchen, da war dann tatsächlich eben ein Erstaunen und ein Innehalten. Und so haben wir versucht, eben diese Brücken mit verschiedenen provokanten Aussagen zu schlagen wie ‚Du darfst deine Musik nicht mehr hören', ‚Du darfst dein Haustier nicht mehr haben', ‚Du darfst nicht mehr Fußball spielen’ usw. und letztendlich sind daraus diese Filme entstanden."

3.000 sind es geworden, vom einfachen Statement bis zum künstlerisch ambitionierten Musikvideo. Beate Tast-Kasper sagt: Es funktioniert. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit der Vergangenheit. Wenn sie in die Gegenwart hineinragt.

"Wir hatten auch die tatsächlichen Begegnungen zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen, und die waren immer sehr berührend, also eine Ursula Mamlok zum Beispiel, die sich mit zwei afghanischen Mädchen getroffen haben und die dieselben Fluchtgeschichten erlebt haben, damals, heute, und sich darüber ausgetauscht haben, eine Margot Friedländer, die sagt: ‚Ihr müsst sozusagen das weiter führen’, ja, ich glaube, das funktioniert, aber man muss die richtige Ansprache finden."

Weimann: "Eng wird es für uns jetzt, auch die Gedenkstätten kommen jetzt in Schwierigkeiten, ohne Überlebende. Und das ist nach meiner Erfahrung wirklich der Königsweg. So sehr man auch problematisch über oral history denken kann, denken muss auch, aber sie ist, was die Herzensbegegnung anlangt, wirklich der Königsweg."

Berührung, aber auch Gleichgültigkeit

Karin Weimann unterrichtete 35 Jahre lang an der Ruth-Cohn-Schule in Berlin. Ihr war es immer wichtig, den 27. Januar, den offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, auch in ihrer Schule feierlich zu begehen. Sie motivierte das Kollegium, stellte Kontakt zu Überlebenden her und organisierte im Laufe der Jahre immer mehr schulische Arbeitsgruppen. 30 bis 35 sind es mittlerweile, sie alle beschäftigen sich an diesem einen Tag, dem 27. Januar, mit den Schicksalen der Opfergruppen. Die Haltung der Jugendlichen dazu sei ambivalent, sagt Karin Weimann.

"Es gibt viel Berührung, es gibt Gleichgültigkeit, es gibt Äußerungen des Überdrusses, es gibt auch manchmal ärgerliche Kommentare über den Gast, ich habe eine Situation in Erinnerung, betrifft Peter Gardosch, ungarischer Überlebender, ein sehr eindrucksvoller Herr, er wollte über die Vergangenheit nicht sprechen, das heißt er hat keine Details zum Beispiel über Auschwitz oder andere Lager berichtet, in die er verschleppt worden war, und das ist etwas, was mich sehr skeptisch sein lässt: Die Jugendlichen, und nicht nur die Jugendlichen, wollen dann richtig Schlimmes auch irgendwie hören."

Karin Weimann hat über ihre Erfahrungen mit der Erinnerungsarbeit ein Buch geschrieben: "Sisyphos’ Erbe. Von der Möglichkeit schulischen Gedenkens". Bei aller Kritik, die sie hat, wehrt sie sich gegen die so genannte "Schlussstrich-Mentalität". Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, müsse weiter ein Tag der aktiven Erinnerung sein. Überall. Nicht nur an ihrer ehemaligen Schule.

"Das ist ein Ritual, keine Frage. Aber es gibt so ne und solche Rituale. Und was ganz wichtig ist zu betonen: das geschieht nicht nur aus einer Haltung politischer Korrektheit heraus, das wäre mir viel zu vordergründig, wieder ein großes Wort: Es dient der Menschwerdung der jungen Leute, die haben einen ungeheuren Gewinn, wenn sie es denn annehmen können. Und entscheidend sind natürlich die engagierten Lehrerinnen und Lehrer. Da bedarf es gar nicht eines ganzen Kollegiums, die nun alle brennen müssen dafür, aber zwei, drei müssen schon brennen."

Mitten im schick sanierten Berliner Viertel rund um den Hackeschen Markt gibt es einen besonderen Erinnerungsort: das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt. Hier betrieb Otto Weidt während des Zweiten Weltkriegs eine Besen- und Bürstenbinderei. Der Kleinfabrikant beschäftigte überwiegend blinde und gehörlose Juden, viele von ihnen beschützte er vor den Deportationen durch die Nazis.

Deutschkron: "Darf ich darum bitten, dass ihr sehr laut sprecht."

Die Überlebende antwortet geduldig

Von 1941 bis 1943 arbeitete auch Inge Deutschkron für Otto Weidt. Sie und ihre Mutter überlebten den Holocaust, weil Freunde sie versteckten. Später schrieb sie ihre Lebensgeschichte nieder in dem Buch "Ich trug den gelben Stern". Am 30. Januar 2013 hielt sie anlässlich des 80. Jahrestages der Machteroberung Hitlers im Deutschen Bundestag eine Rede.

Deutschkron: "Ich bin 91 Jahre alt. Und da darf man solche Beschwerden haben. Also: so schreien wie auf dem Schulhof. Das ist am Allerbesten."

Inge Deutschkron gehört zu den wenigen Überlebenden, die immer noch regelmäßig über die Erlebnisse von damals berichten. Heute stellt sie sich den Fragen von Fünft- und Sechstklässlern der Paula-Fürst-Schule aus Berlin-Charlottenburg.

- "Mussten Sie sich oft verstecken?"
- "Natürlich, also ‚mussten’? Wir wollten uns verstecken. Denn wir wollten nicht deportiert werden."

- "Wie haben Sie es überlebt, dass die Nazis sie nicht gefunden haben?"
- "Ja, das ist richtig, die Nazis haben uns nicht gefunden. Unsere Freunde haben gute Verstecke für uns gehabt. Natürlich: Diese Verstecke waren keine besonders schönen Häuser, Luxuswohnungen oder so etwas ähnliches, zum Beispiel das letzte Versteck, das wir hatten und das ich sehr liebte, war in Potsdam ein ehemaliger Ziegenstall."

- "Gab es auch schöne Tage im Krieg?"
- "Nein. Es gab keine schönen Tage im Krieg. Sieh mal, wenn du ständig, stell dir das mal bitte vor, die Angst haben musst, dass du abgeholt wirst, und wirst in irgendeinen schrecklichen Zug hinein getan, oder in einen Viehwaggon, mit anderen Leuten zusammen, und du weißt gar nicht, wohin dieser Zug fährt. Und du weißt auch gar nicht, was da passiert, wo man ankommt. Und wir wussten nicht, wo man ankommt. Da war keine schönen …, da war nur Angst: ‚Hoffentlich bin ich heute nicht dran’, ‚hoffentlich wird jemand anderes für mich ins Lager kommen’, nicht wahr. Und man hörte nie wieder was von diesen Menschen. Nie wieder. Ich habe eine ganze Familie verloren: 18 Personen. Sind alle in Auschwitz und Treblinka, wo immer ermordet worden. Alle. Aber da bin ich nicht allein. Das ist sehr vielen jüdischen Menschen passiert, die gefangen wurden."

Die 10- und 11-jährigen Kinder fragen der 91-jährigen alten Dame Löcher in den Bauch. Über eine Stunde lang. Und Inge Deutschkron antwortet. Geduldig. Sie erzählt von den aberwitzigen Gesetzen und Vorschriften, nach denen die Juden leben mussten, und von ihrem Vater, der rechtzeitig nach London floh, sie aber nicht mitnehmen konnte, weil er dafür in England eine Bankbürgschaft hätte hinterlegen müssen.

"Alles verstehen die Kinder nicht. Aber dass sie eine Stunde lang ruhig sitzen und sich dabei unentwegt melden, zeigt, dass sie ein Gespür für das Besondere der Situation haben."

Linus: "Es war aufregend, weil: man trifft ja nicht jeden Tag eine Frau, die das selbst miterlebt hat. Die ganzen Qualen. Und so was."

Nuria: "Ich habe gedacht: Ich habe mit einer berühmten Frau gesprochen, das ist ja toll, und ich kann es jetzt vielen erzählen. Was sie gesagt hat und so. Weil: ich habe sie ja getroffen, und nicht nur so aus dem Radio gehört, sondern auch getroffen."

- "Hatten Sie auch ein Tagebuch geschrieben?"
- "Nein, das war viel zu gefährlich. Stell dir mal vor, die Nazis finden mich. Und finden da ein Tagebuch, wo ich schildere, bei wem ich alles war und wer unsere Freunde sind, weißt du? Das war zu gefährlich, verstehst du das?"

Nuria: "Ich fand: man konnte ja ruhig ein Tagebuch schreiben. Aber dann: die Erklärung, die fand ich ziemlich gut eigentlich."

Die Frage aller Fragen: Warum?

Am Ende ist es dann aber doch die Lehrerin, die die Fragen aller Fragen stellt.

- "Wie konnte es dazu kommen? Hitler hat gesagt: ‚Die Juden sind schlechte Menschen, wir hassen die Juden’, und die ganzen Menschen haben daran geglaubt. Haben Sie darauf eine Antwort?"
- "Nein. Ich habe keine Antwort. Ich begreife es auch nicht. Begreife es nicht, dass solch verbrecherische Ideen ein ganzes Volk ergreifen können. Und wie. Wenn Sie gesehen hätten, wie die Leute am Straßenrand standen und dem Hitler zujubelten, wie die Wahnsinnigen, vor allem Frauen übrigens.""

- "Gibt es die Konzentrationslager noch?"
- "Ob es die Konzentrationslager noch gibt – also gibt es zum Angucken, natürlich. Damit man sieht, was das gewesen ist, Auschwitz und hier in der Nähe Sachsenhausen, Bergen-Belsen, ich weiß nicht, so viele. Damit die neue Generation sieht, was diese verdammten Verbrecher angerichtet haben. Dass es nie wieder passiert. Und das muss ja auch euer Ziel sein. So etwas darf nicht wieder passieren. Dass ein Mensch, einfach weil er eine andere Hautfarbe hat, weil er eine andere politische Meinung hat, als nicht lebensfähig, oder ohne Lebensrecht bezeichnet wird. Das darf nicht wieder passieren. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben."

"Zerstörte Vielfalt" – das Berliner Themenjahr hat ein paar bemerkenswerte Denkanstöße dazu gegeben. Auch für junge Menschen. "Unsere Vielfalt nimmt uns keiner mehr" - unter diesem Motto war die neunte Jahrgangsstufe des Max-Planck-Gymnasiums besonders aktiv. Sie hat nicht nur den Stolperstein für Cora Berliner gesetzt, in einem Workshop hat sie auch ein Musikvideo erarbeitet, das nun auf www.unserevielfalt.de angeschaut werden kann.

Zum Wachsam sein gehört Erinnerung

Ricarda: "So etwas kriegt man ja nicht so oft als Chance. Deswegen fanden wir das ganz schön cool, dass wir da mitmachen durften und unsere eigenen Erfahrungen und unsere eigenen Gefühle dazu steuern. Und wie das uns inspiriert."

Isabelle: "Ich wurde selbst schon oft angepöbelt, weil ich Vietnamesin bin und die halt nicht damit klar kommen wollten, ja: Es ist halt für mich sehr wichtig, dass man Leute auch akzeptiert oder mit den Leuten auch umgehen kann, die aus einem anderen Land kommen."

Am kommenden Sonntag findet am Brandenburger Tor eine Art Public Viewing statt. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die 3.000 Statements, Kurzfilme und Handy-Clips, die im Rahmen des Projekts entstanden sind, öffentlich präsentiert. Die Botschaft ist eindeutig: "Mit uns nie wieder". 75 Jahre nach den Judenpogromen heißt es: Wachsam sein gegenüber Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt. Gerade für die vielen jungen Menschen, die Berlins wieder gewonnene Vielfalt heute als selbstverständlichen Teil ihres Lebensgefühls begreifen.

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