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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.02.2009

Gedankenblitze eines genialen Aufklärers

Georg Christoph Lichtenberg: "Aus den Sudelbüchern 1765-99", Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main November 2008, ; 450 Seiten

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Füller gab es noch nicht, aber Georg Christoph Lichtenberg notierte seine Einfälle und Gedankenblitze in sogenannten Sudelbüchern. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füller gab es noch nicht, aber Georg Christoph Lichtenberg notierte seine Einfälle und Gedankenblitze in sogenannten Sudelbüchern. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Georg Christoph Lichtenberg gilt als Begründer des modernen deutschen Aphorismus. Seine blitzgescheiten Einfälle und Sprachspiele notierte er in seinen sogenannten Sudelbüchern, eine Idee, die er von englischen Kaufleuten übernahm. Hannah und Heinz Ludwig Arnold haben jetzt eine Auswahl mit den besten Aphorismen Lichtbergs zusammengestellt und bieten so einen handlichen Lichtenberg für unterwegs. Lichtenberg kann man schließlich nie genug haben.

Fast auf den Tag genau vor 210 Jahren, am 24. Februar 1799, starb Georg Christoph Lichtenberg, geboren 1742 als siebzehntes und letztes Kind aus kurhessischem, protestantisch-pietistischem Pfarrershaus. Eins der wenigen Kinder, das überlebt hat, von Geburt an mit Rachitis geschlagen und verwachsen.

Ein wahrhaft "bucklicht' Männlein", allerdings nicht - wie das aus Walter Benjamins "Berliner Kindheit" - auf "Schaden und Schabernack versessen". Dieses Kind erkennt seinen begrenzten Aktionsradius offenbar früh selbst, macht die physische Not zur Tugend und beschließt, "Federfuchser" zu werden. Selbstironie können sich bekanntlich nur wirklich große Geister leisten, und Lichtenberg ist bald einer der raren, wirklichen Geistesriesen, auf den der deutsche Sprach- und Denkraum stolz sein darf. Ein Naturwissenschaftler, ein Denker, ein Schriftsteller, bei dem "traditionelle Œuvre-Vorstellungen nicht greifen" (Ulrich Joost). Zum Glück.

Selbstironisch ist auch der Name der "Sudelbücher", die hierzulande vor allem mit seinem Namen verbunden werden. Wahrscheinlich hat er die Idee, das kaufmännische Prinzip der sauberen Drei-Phasen-Buchführung auf den eigenen literarischen und intellektuellen Umsatz zu übertragen, von seiner ersten England-Reise 1770 mitgebracht: Zunächst kommt jeder Vorgang unsortiert in ein "waste-book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im Deutschen)", von da ins systematische Journal "und endlich in den Leidger at double entrance". Diese eigene Erklärung steht eingangs der Auswahl, die Hannah und Heinz Ludwig Arnold jetzt zusammengestellt haben.

Herausgekommen ist ein im ganz altmodischen Sinn wohlfeiler kleiner Sckmöker. Ein portable Lichtenberg für Handtasche und Rucksack, U-Bahn, Bus und Badewanne. Und das ist gut so, denn Lichtenberg kann man gar nicht genug lesen. Ohne Schwellenangst und mit sofortigem Gewinn fürs eigene Leben. Wie tickt auch die heutige Pharmaindustrie?

"Die Arzneikunst machet künstliche Krankheiten, bloß um die natürlichen damit zu heilen."

Wie werden Preise kalkuliert?

"Ein Churfürst von Bayern mußte einmal in Holland für Speck und Eier 50 Dukaten bezahlen. Was Henker, fragte er den Wirt, sind denn hier die Eier so selten? Nein, antwortete er ganz trocken, die Eier nicht aber die Churfürsten."

Wie stellt man sein Weltbild durch Perspektivwechsel vom Kopf auf die Füße?

"Der Amerikaner, der Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung."

Man möchte pausenlos anstreichen: Dass "die Bibel ein Buch von Menschen geschrieben, wie alle Bücher" ist oder dass nicht erst Feministinnen im 20. Jahrhundert auf die Idee zu "Mutter unser, die du bist im Himmel" kamen und Kids im 21. Jahrhundert auf die sms-Kürzel mit Zahlen:

"Ich habe jemanden gekannt der schrieb sich in 8 nehmen und Hoch8tung, einen ver8en, und er br8e anstatt er brachte."

Als erste soll Rahel Varnhagen sie "Aphorismen" genannt haben, diese Lichtenbergsche Mischung aus eigenen Reflexionen und Beobachtungen und Gelesenem zu buchstäblich allen Themen des Lebens, aus Wortspielerei, Witz und Paradoxem. Heute gilt Lichtenberg als Begründer des modernen deutschen Aphorismus, und deutsch meint hier das Gegenteil von Tümelei.

Für den Lichtenberg-Forscher Ulrich Joost vereinen sich in den "Sudelbüchern" auch "der präzise Stil Lessings, die Nüchternheit Plutarchs, die Eleganz und der Witz Voltaires und die Sinnlichkeit Sternes". Hingesudelt ist da gar nichts, sie sind genauso klar und präzis geschrieben wie gedacht. Und gerade das scheinbar Unordentliche ist außerordentlich produktiv. Es macht nämlich auch Lust - auf eigenes Beobachten und Denken:

"Man soll öfters dasjenige untersuchen was von den Menschen meist vergessen wird, wo sie nicht hinsehen, und was so sehr als bekannt angenommen wird, daß es keiner Untersuchung mehr wert geachtet wird."

Rezensiert von Pieke Baumann

Georg Christoph Lichtenberg: Aus den Sudelbüchern 1765-99
Originalausgabe ausgewählt und zusammengestellt von Hannah Arnold und Heinz Ludwig Arnold
mit dem Werkbeitrag aus dem Neuen Kindlers Literatur Lexikon von Harald Landry
Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main November 2008
450 Seiten, 8,50 Euro

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