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Zeitfragen | Beitrag vom 04.11.2019

Geboren 1989Ein Leben ohne DDR und trotzdem "Ossi"

Von Josephine Schulz

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Eine Illustration zeigt vier verschiedenfarbige Figuren, die einen Pfeil tragen. (imago images / fStop Images / Malte Mueller)
Eine Himmelsrichtung als verbindendes Element: Vier 1989 Geborene erzählen. (imago images / fStop Images / Malte Mueller)

Ich bin wenige Tage vor dem Mauerfall in Ostberlin geboren, ähnlich wie viele meiner Freunde. Wir haben die DDR nicht erlebt, werden trotzdem bis heute als "Ossis" gesehen. Wir erfahren Abwertung und teilen ein Gruppengefühl. Wann endet das?

Janine wurde im August 1989 in Mecklenburg geboren und ist kurz nach der Wende nach Hamburg gezogen: "Da gab es einen in der Gruppe, da wusste man, dass der 'Ossi' war und der wurde extrem gehänselt. Und ich war ja auch 'Ossi' und habe sehr stark darauf geachtet, dass das niemand erfährt."

Martin ist 30 und kommt aus Magdeburg: "Meine Großmutter hat letztens gesagt: 'Martin, ich gehe seit Anfang der 90er nicht mehr wählen, weil die haben uns so verarscht.'"

Und Felix wurde im Winter 1989 in Ostberlin geboren, genauso wie ich. Uns vier eint die DDR-Vergangenheit unserer Eltern, die nun teilweise unsere Identität mitbestimmt. Das ist in letzter Zeit öfter Thema, wenn wir uns unterhalten.

Vier Wendekinder - vier Perspektiven

Janine: "In der 'Wessi'-Schule haben die Lehrer erzählt, in der DDR gab es nur eine Brotsorte. Es ging nur über die materielle Armut und als ich das meinen Eltern erzählt habe, waren die vollkommen entsetzt. Du fühlst dich abgewertet. Dir wird gespiegelt, ihr habt wie die Tiere gelebt."

Josephine: "Ich hatte immer das Gefühl, wenn man in Ostberlin aufwächst, wo ja nur 'Ossis' um einen rum sind, bis ich aus der Schule raus war und ins Ausland gegangen bin, hat kein einziger aus dem Westen in meinem Leben eine Rolle gespielt. Und da hatte ich schon das Gefühl unter Gleichaltrigen war das, wenn überhaupt, ein positives Thema."

Martin: "Ja, meist fühle ich mich auf eine bestimmte Art und Weise mit Leuten aus dem Osten mehr verbunden als aus dem Westen. Bei vielen Ossis ist das eine Mentalität, weil zumindest unseren Eltern in den 90er-Jahren alles versprochen wurde und nur wenig eingehalten wurde, dass man sehr skeptisch gegenüber irgendwelchen positiven Versprechungen ist oder positiven Zukunftsentwürfen."

Felix: "Wir sind an einem interessanten Zeitpunkt unserer Generation, wo wir 30 Jahre später genauso gut sagen können: Für mich spielt es eine Rolle und ich bin hier 'mein Ossi' - oder nicht."

Josephine: "Aber warum macht man diese Abwertungsgeschichte zu seiner eigenen? Ich habe das manchmal auch, dass ich in eine Verteidigungsrolle gehe und sage, die Ostdeutschen wurden verarscht und haben schlechtere Startbedingungen, aber wenn ich auf mein Leben gucke und auf das meiner Eltern, dann stimmt das gar nicht."

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