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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.04.2020

Gebärdendolmetscherin in der PandemieVerlässliche Informationen für Gehörlose

Von Uschi Götz

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Eine Gebärdendolmetscherin übersetz Winfried Kretschmann in Gebärdensprache. (Screenshot / Staatsministerium Baden-Württemberg)
Schnell und aktuell: Franziska Paschek übersetzt die Worte von Ministerpräsident Kretschmer simultan in Gebärdensprache. (Screenshot / Staatsministerium Baden-Württemberg)

In Krisenzeiten sind wir auf aktuelle Informationen angewiesen. Auch für rund 80.000 Gehörlose in Deutschland ist das wichtig. Daher sind Gebärdendolmetscherinnen wie Franziska Paschek derzeit sehr gefragt.

13. März 2020. Franziska Paschek sitzt gerade mit einer Klientin im Einzelgespräch. Noch ahnt die Gebärdendolmetscherin nicht, dass sie an diesem Tag für Tausende übersetzen wird. "Wir hatten Zeit, ein bisschen zu plaudern", erinnert sich Paschek, "und ich habe gesagt: Du, heute ist eine ganz wichtige Pressekonferenz von der Regierung."

In diesem Moment vibriert ihr Handy, ein Vertreter der Landesregierung ist dran: "Wir brauchen ganz dringend jetzt einen Dolmetscher in einer Stunde! Können Sie kommen?" Nach kurzem Zögern stimmt Paschek zu: "Für mich war wichtig, die Gehörlosen brauchen jetzt die Information."

Auf die Mimik kommt es an

Was für Journalisten ein funktionierender Kugelschreiber ist, ist für Gebärdendolmetscher ein freies Gesicht. Doch an diesem Tag ist Pascheks Haarpony einen Tick zu lang. Bis zum Dolmetschen sind es mittlerweile nur noch 40 Minuten. Zum Kürzen ist keine Zeit mehr, so bleibt die Frisur eben, wie sie ist. Es geht Franziska Paschek dabei keinesfalls um gutes Aussehen, vielmehr sei beim Gebärdendolmetschen die Mimik entscheidend.

Coronavirus-Newsletter"Da gucke ich auch schon mal übertrieben böse oder übertrieben freudig", sagt Paschek. "Auch wenn ich neben Politikerinnen und Politikern stehe. Das mache ich einfach so, weil das Inhalt der Gebärdensprache ist, und da werde ich nicht zurückfahren."

Erstmals trifft die Gebärdendolmetscherin an diesem Tag auf Baden-Württembergs grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Mit ihm sind weitere Ministerinnen und Minister aus dem Kabinett anwesend. Sonst bereitet sie sich akribisch vor, prägt sich etwa die Biografien der Teilnehmer ein und liest viel über das anstehende Thema. Doch dazu fehlt an diesem Tag die Zeit.

Unverhofft im Rampenlicht

"Ich habe dann noch gefragt: Wie viele Leute sprechen denn", erinnert sich Paschek. "Dann hieß es erst, ja das ist wohl nur der Herr Kretschmann. Und letztendlich waren es vier oder fünf."

Der Stream beginnt, Scheinwerfer richten sich auf Kretschmann, ganz in seiner Nähe ist Franziska Paschek, auch sie wird jetzt von allen gesehen. "Man hat schon immer so einen Funken Nervosität dabei", sagt sie, "das ist klar. Da waren fünf Kameras auf mich gerichtet, das macht schon etwas aus."

Die große, schlanke Frau mit langen blonden Haaren verdolmetscht - so heißt das in ihrem Beruf, wenn das Gesagte in einer visuellen Sprache dargestellt wird. Gebärden, Mimik, Gestik und Zeichen gehören dazu. Auch hörende Zuschauer sind von der ruhigen, sympathischen Art der Gebärdendolmetscherin regelrecht begeistert. Später wird sie viel Post vorfinden, Lob für eine souveräne Arbeit in Krisenzeiten.

Erstkontakt im Freiwilligen Sozialen Jahr

Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr bei Hörgeschädigten studierte die heute 30-Jährige Gebärdensprachdolmetschen in ihrer Heimat Zwickau. 2013 kam sie als Berufsanfängerin nach Stuttgart, wo sie heute mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern lebt.

"Die Gehörlosen waren sofort offen und haben mich bestellt", erzählt Paschek. "Haben gesagt: ‚Ach, ein neues Gesicht, gucken wir mal, wie ist die so?‘ Und lassen einen da relativ nah heran in ihrem Leben."

Und so war Franziska Paschek auch in diesem März schnell gefunden, als Ministerpräsident Kretschmann aufgrund des Coronavirus weitreichende gesellschaftliche Veränderungen ankündigen musste. Es folgten weitere Pressekonferenzen und Statements, doch für Gehörlose gab es keine Übersetzung mehr.

Gehörlose in der Krise schnell informieren

Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg wandte sich daraufhin an die Landesregierung. Gerade in Krisenzeiten sei die Gebärdensprache existenziell wichtig für gehörlose Menschen, appellierte der Verband.

Andreas Frucht vom Vorstand erklärt bei einem Interview die Gründe: "Weil die Hörenden uns da voraus sind, durch die ständigen Infos. Die Regeln, die man beachten muss, und wir als Gehörlose sitzen davor, bekommen nichts mit, sehen aber, dass es eine Krise gibt, dass etwas auf uns zukommt und wir können nichts machen."

Andreas Fruchts Antworten in unserem Interview wurden von Katrin Eggerman verdolmetscht. Auch sie arbeitet schon lange als Gebärdendolmetscherin in Baden-Württemberg. Der Landesverband der Gehörlosen bittet die Landesregierung darum, künftig alle Pressekonferenzen und Statements während der Coronakrise von Gebärdendolmetschern begleiten zu lassen.

Dolmetschen ist Hochleistunssport

Untertitel seien zwar nicht schlecht, reichten aber nicht aus, sagt Frucht: "Wir Gehörlose sind nicht gleich, wir haben unterschiedliche Niveaus, wenn ich das einmal so beschreiben darf. Einige lesen tatsächlich sehr gern, also ich zum Beispiel lese sehr gerne, andere Gehörlose lesen überhaupt nicht."

Die Landesregierung reagiert prompt. Seit dem Brief des Vorstands wird wieder verdolmetscht und zwar von Franziska Paschek. Sie verlässt in diesen Zeiten Stuttgart nicht, schließlich weiß sie nie, wann das Staatsministerium ruft. Jeder Auftrag ist dabei auch eine physische Herausforderung und kann mit Hochleistungssport verglichen werden.

Zu Hause in Zwickau schauen die Eltern regelmäßig zu, wenn ihre Tochter unten im Bild bei Übertragungen neben Kretschmann und seinen Ministerinnen und Ministern zu sehen ist. Viele Hörende lernen nebenbei auch erste Worte in Gebärdensprache.

"Coronavirus": eine Faust mit Zacken

Franziska Paschek legt ihre Hände an die Wangen, symbolisiert dicke Backen, und dann macht sie mit ihren Armen schaufelartige Bewegungen: "Hamsterkäufe" bedeutet das.

"Es gab Zuschriften von Hörenden", erzählt sie, "die gesagt haben: Wir können jetzt ein paar Gebärden, wir hatten vorher noch nie Berührung mit Gebärdensprache, aber wir finden das gut und wir konnten 'Ostern' oder 'Ferien', das sind jetzt neue Lieblingsgebärden. Und das konnte man alles super ablesen."

Hoffentlich ist die geballte Faust mit den Zacken bald nicht mehr zu sehen. Man ahnt es: Das ist das Zeichen für das Coronavirus.

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