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Frühkritik | Beitrag vom 02.08.2019

Garry Disher: "Kaltes Licht"Ein Lob der Alterslässigkeit in Australien

Von Tobias Gohlis

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Das Buchcover von "Kaltes Licht" von Garry Disher. (Unionsverlag / Deutschlandradio)
Der ehemalige Polizist Alan Auhl gibt im Krimi "Kaltes Licht", was er geben kann - in fast allen Belangen. (Unionsverlag / Deutschlandradio)

Entspannt die Grenzen des Gesetzes überschreiten. In seinem fabelhaften Krimi "Kaltes Licht" lässt Garry Disher einen pensionierten Mordermittler seine ganze Erfahrung einsetzen, um der Spur einer gefälschten Rolex zu folgen.

Alan Auhl, Mitte 50, nimmt, was er noch kriegen kann: Wenn seine Exfrau bei ihm in der geerbten Villa in Melbourne übernachtet, kostet er den Sex aus, den sie ihm vorübergehend bietet. Und Alan Auhl, Senior Detective Sergeant für Cold Cases in Melbourne, gibt, was er geben kann: In seinem weitläufigen Haus wohnen Studenten zu günstigen Preisen, eine Mutter mit ihrer Tochter auf der Flucht vor einem Schläger von Ehemann findet bei ihm Unterschlupf. Jetzt ist er nach fünf Jahren Pensionierung in den Polizeidienst zurückgekehrt, wegen Langeweile.

Polizist im Pensionsalter

Dieser Alan Auhl ist der stille Held in Garry Dishers neuem Roman "Kaltes Licht", ein fabelhafter Kriminalroman – und ein Lobgesang auf die Alterslässigkeit. Disher, Jahrgang 1949, ist selbst weit über das Pensionsalter für Polizisten hinaus. In den vergangenen Jahrzehnten hat er seine Leser mit Kinder- und Jugendbüchern beglückt, vor allem aber mit zwei Serien.

Eine dieser Serien handelt vom Berufsverbrecher Wyatt; demnächst erscheint bei Pulp Master Band acht der Folge auf Deutsch. Die zweite Serie dreht sich um den skrupulösen Polizisten Hal Challis. Sie erscheint im Zürcher Unionsverlag.

Unter einer Betonplatte vergrabenes Skelett

Auhl agiert in "Kaltes Licht" lange so, als wäre er eine ältere Version von Hal Challis. Brav tut er, was von ihm verlangt wird. Er setzt etwa seine ganze Erfahrung als Mordermittler ein, um herauszubekommen, was es mit dem Skelett mit gefälschter Rolex am Arm auf sich hat, das unter einer Betonplatte im Garten einer jungen Spießerfamilie gefunden wird.

Aber alte Fälle, Cold Cases im Polizeijargon, können manchmal nicht mit gewöhnlichen Mitteln gelöst werden. Wohl aber von älteren Männern.

Ganz entspannt und ohne Beschränkung

"Kaltes Licht" ist ein toller Roman über das Zwiespältige, Uneindeutige, Schillernde, über die Verkleidungen und Gestalten, mit denen die menschliche Bosheit sich tarnt. Mit der Lässigkeit des erfahrenen Mannes, der weiß, wo genau die Grenzen des Gesetzes verlaufen, nimmt Auhl sich dieser Bosheit an. Er stellt den Vater, der Frau und Tochter zum eigenen Vergnügen quält.

Auhl stellt auch den Arzt, der eine Frau nach der anderen umbringt. Auhl – das ist der große Spaß dieses tollen Romans – überschreitet dabei die Grenzen des Gesetzes und seiner Befugnisse mit der Entspanntheit eines älteren Mannes, der sich seiner Möglichkeiten bewusst ist und die Beschränkungen einer ordentlichen Welt hinter sich lassen will. Das alles erzählt Garry Disher mit der Leichtigkeit des großen Erzählers, der Vipern unter Betonplatten versteckt – und genau weiß, wie er sie darunter wieder hervorholen kann.

Garry Disher: "Kaltes Licht"
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag, Zürich 2019
314 Seiten, 22 Euro

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