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Buchkritik | Beitrag vom 12.08.2020

Garrett M. Graff: „Und auf einmal diese Stille“Packende Chronologie eines Terrortages

Von Susanne Billig

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Buchcover mit der Fotografie von grauen Rauch- und Staubwolken, vor einem Aquarell-Hintergrund. (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Buchcover "Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September" von Garrett M. Graff, (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Mehrere Jahre lang hat der US-Historiker Garrett M. Graff für dieses erschütternde Buch recherchiert. Auf 500 Seiten präsentiert er ein vielstimmiges Panorama der Augenzeugen. Wuchtig und bewegend, allerdings nicht immer differenziert.

Richard Eichen fuhr mit dem Zug zur Arbeit und plauderte mit einem Freund über das schlechte Essen im Golfclub. "Das war meine allergrößte Sorge an diesem Tag." Zur gleichen Zeit flog Verkehrsreporterin Melinda Murphy im Hubschrauber über das World Trade Center. Das Licht habe die Türme an diesem Morgen traumhaft schön aussehen lassen, erzählt sie. "So karmesinrot hatte man sie noch nicht gesehen."

Jahrelange Recherche

So beginnen zwei der vielen Erfahrungsberichte, die Garrett M. Graff für "Und auf einmal diese Stille" in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hat. Er präsentiert diese "Oral History des 11. Septembers" auf besondere Weise: Der Chronologie der Ereignisse folgend, geben die Berichtenden nach jeweils wenigen Sätzen das Staffelholz des Erzählens an die nächste Person weiter.

"08:00 morgens in New York City", "Aus dem Inneren der Flugsicherung", "Erste Reaktionen in D.C.", "Die Evakuierung des World Trade Center" oder "Gefangen in den Ruinen" lauten einige der 64 Kapitelüberschriften. Stimme folgt auf Stimme, Erfahrung auf Erfahrung, Schmerz auf Schmerz, sodass sich ein breites und erschütterndes Panorama der Erlebnisse und Perspektiven entfaltet.

Atemlose Lektüre

Der Autor lässt hohe Politiker und Militärs ebenso zu Wort kommen wie Feuerwehrleute, Behördenmitarbeiter, Flughafenangestellte, Menschen, die sich aus den verschiedensten Gründen in den Türmen aufhielten, und trauernde Familienangehörige. Atemlos folgt man ihren Berichten.

Computerexperte Richard Eichen fährt im Aufzug in den 90. Stock. Dass er den Schlüssel zum Büro vergessen hat, rettet sein Leben. Er wartet im Flur auf sein Team, als der erste Flugzeugaufprall das Gebäude trifft.

"Alles explodierte. Ein Feuerball schoss aus der Damentoilette und versengte die gegenüberliegende Wand." Richard Eichens Kopf ist so schwer verletzt, dass er mit den Fingern seine Schädeldecke ertasten kann. An diesem Tag wird ein Mann zwischen seine Beine taumeln und dort sterben. Abends wird Richard Eichen nur einer von fünf Menschen sein, die dem 90. Stockwerk lebend entkommen konnten.

Wucht eines Hollywoodfilms

"Und auf einmal diese Stille" rückt die Menschen in den Mittelpunkt, die an diesem Tag unwillentlich zu amerikanischen Alltagshelden wurden. Wie ein gut gemachter Hollywoodfilm, der das Zeug zum Blockbuster und vielleicht sogar zum Klassiker hat, könnte es die große zukünftige Referenzerzählung über 9/11 werden – packend, bewegend, randvoll mit großen Gefühlen.

Perspektiven, die nicht zum Topos des in der fremdverursachten Krise umso mutigeren amerikanischen Helden passen, haben in dieser Geschichte allerdings keinen Platz. An einer einzigen Stelle berichtet ein muslimischer Amerikaner, wie er den furchtbaren Tag erlebte, wenn Manar Hussein erzählt, wie er sich nach dem Anschlag plötzlich von allen angestarrt und fremd in seiner Schulklasse fühlte.

Diesen Faden, der vielleicht eine differenziertere – und schwerer verdauliche – Analyse des Terrortages und seiner Hintergründe hätte beisteuern oder zumindest andeuten können, greift Garrett M. Graff danach nie wieder auf.

Garrett M. Graff: "Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September"
Übersetzt aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp, Berlin 2020
543 Seiten, 20 Euro

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