Garagen-Gold

Von der Liebe zum Oldtimer

Mercedes 600, 1964
Jahrgang 1964: ein Mercedes 600 © picture alliance / Benjamin Beytekin
Von Elin Rosteck · 26.09.2015
Wer einmal Oldtimer-Blut geleckt hat, der braucht nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit zum Teile suchen. Doch das Geld ist nicht rausgeschmissen: Der Oldtimer-Markt gilt als florierendes Geschäft.
"Soooo ... das ist die Ursache, warum das ganze Auto - ok, sieht natürlich wirklich schlecht aus - völlig verrostet ist – ja... lassen wir mal eben das Auto runter."
Uli Lübke kennt kein Erbarmen, auch wenn die Wahrheit weh tut. Der alte Käfer, BJ 1974, ist von Rost zerfressen. Die Bodenplatte ist hin und unter den Kotflügeln gammelt es so stark, dass nur der Lack das Ganze noch zusammen zu halten scheint.
"Das Auto war überhaupt nicht mehr fest, also überhaupt nicht verkehrssicher, wie man so schön sagt – ok, ah ja ..."
Der Kunde zieht den Kopf ein wie ein Schuljunge; er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass es so schlecht steht um sein Schätzchen.
"Deswegen steht es auch seit fünf Jahren nur in der Garage, weil ich nicht wusste, ob es noch verkehrstüchtig war."
"Es ist so, als wenn man ein Pferd hat"
Er hat immer viel selbst gebastelt, erzählt er noch; und erntet einen anerkennenden Blick vom Arbeitsplatz nebenan. Dort steht ein Stammkunde an der Werkbank: so Anfang 60; im Blaumann; mit grauem Schnurrbart. Vor ihm liegt eine einzelne Scheibe, die er hingebungsvoll wienert. Das linke Vorderfenster seines alten Käfer-Cabrios.
Ulrich Luther, Inhaber eines renommierten Iserlohner Friseursalons, hilft regelmäßig bei der Restaurierung seiner Autos:
"Es ist ungefähr so, als wenn man ein Pferd hat und man hat nicht immer nur einen anderen, der striegelt, oder mit dem Garten, sondern man nimmt auch mal den Spaten selbst in die Hand oder striegelt den Gaul selbst, und dann hat man so eine ganz andere Beziehung zu so einer Sache. Ja."
Er greift noch mal zur Dose Politurpaste. Das ist Ulrich Lübkes Spezialität: Mithelfen lassen, die Kunden einbinden. Jeden Samstag ist Selbstschrauber-Tag in seiner Werkstatt, auch unter dem strengen Blick von Bronek, Lübkes bestem Mann, der gerade den frisch gefetteten mechanischen Fensterheber in die Käfertür einsetzt.
"Die meiste Arbeit muss ich selber machen. Naja, das ist schon ziemlich Fummel-Arbeit. Erstmal das – und muss man auch wissen wie ..."
"Der baut aus einem Stück Blech ein neues Auto"
Qualität geht vor Mitmachen, aber immer wieder zeigt der Pole - mit Lübke zusammen - einflussreichen Geschäftsleuten, Großgrundbesitzern oder auch Erbmillionären, wie Motoren ausgebaut und Zündkerzen erneuert werden. Friseurmeister Luther ist heute mit kleineren Dingen zufrieden und nimmt ein drittes Mal Paste für die Fenster-Luke.
"Ich habe in meinem Leben immer gesammelt. Modellautos; Tretautos; und auch Autos eins zu eins. Und hier darf ich mir dann immer Hilfe und Rat holen und das Beschaffen von Ersatzteilen oder von Dingen, die neu gemacht werden müssen. Und wir haben ja hier einen Super-Spezialisten, der macht aus einem Stück Blech - baut der ein neues Auto ... Der Rat ist unbezahlbar."
"Also hier hätte ich folgenden Vorschlag – die Elektrik müsste also, sach ich mal, wieder, die Sie so mühevoll hergestellt haben, auf Original. Das tun wir alles schön im Karton als Andenken für später mal ... für die vielen vielen Stunden ..."
Lübke begutachtet den wilden Kabelwust, den der Neukunde im Käferinnenraum hinterlassen hat. Und rechnet dem schon mal vor: 5400 Euro für die Teil-Restaurierung von Grund auf – und das wird wohl nur der Anfang sein, sagt der Friseurmeister vom Käfer nebenan. Er weiß es aus eigener Erfahrung; wer einmal Oldtimer-Blut geleckt hat, der braucht nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit zum Teile suchen. Trödelmärkte, Internet, Mund-zu-Mund und natürlich der Einbau vom oder zumindest mit dem Fachmann.
"Das Geld ist nicht weggeschmissen"
"Ich sage mal im Moment, das Geld ist nicht weggeschmissen. Wenn's jetzt ein Cabrio wäre, dann würde der Wert noch erheblich dadurch verbessert. Bei der Limousine, ne gute Limousine ist das Geld, was wir jetzt investieren, einfach geparkt. Der Kunde wird's also wiederbekommen, wenn er nen verkauft."
WENN er's denn jemals verkauft. Seit die Zinsen in den Keller gerutscht sind, wurden stetig mehr Fahrzeuge mit dem historischen H-Kennzeichen zugelassen. Ein Trend, der sich seit 2010 noch weiter verstärkt hat. Garagen-Gold ist sicheres Gold, sagt auch der Mann, der jetzt die Werkstatt betritt.
"Ich krieg' ja so ein Auto nie wieder! Das haben wir aus Kalifornien geholt, von Grund auf neu aufgearbeitet und das ist ja besser wie neu. Ich könnte jetzt zur Klassika nach Essen gehen und das Auto da hin stellen und sagen: 'Gib mir 25,000,- Euro' - und dann krieg ich die und dann isser weg. Und ich kriege ihn nie wieder!"
Zustimmendes Nicken von allen Seiten. Zwei Jahre sammeln und jagen für seinen Traum-MG, der bis in die letzte Schraube aus Original-Teilen besteht - aufgeben für Bargeld - und das bei 0,5 Prozent Zinsen? Kommt nicht in Frage.
Jede Schraube wurde dokumentiert von einem Sachverständigen, jedes Detail hinterlegt bei der Versicherung, so dass alle Investitionen haarklein nachvollziehbar sind. Der Oldtimer-Markt ist ein florierendes Geschäft. Uli Lübke würde gerne noch einen guten Mann einstellen, am besten aus Polen oder Jugoslawien; dort hat das Reparieren noch Vorfahrt vor'm Teile-Tauschen, sagt er, so wie damals in den 60er-Jahren, als Lübke selbst noch Lehrling war und schon an den Autos rumgeschraubt hat, die heute Oldtimer sind.
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