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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.01.2008

Gar nicht nette Sonette

Luís de Camões: "Sämtliche Gedichte". Elfenbein Verlag, Berlin 2008, 1142 S.

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Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)
Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)

Luís de Camões (1524-1580) gilt dank seiner "Lusiaden" als portugiesischer Nationaldichter, dessen Todestag am 10. Juni als Nationalfeiertag begangen wird. Der Elfenbein Verlag hat nun die Gedichte des Renaissance-Dichters in einer zweisprachigen Ausgabe veröffentlicht, die sich stark an sein Vorbild Petrarca anlehnen, mit Ironie und Sprachwitz diesen aber auch parodieren.

Ein kleiner Verlag, Elfenbein, nimmt sich Großes vor und hat sich damit schon große Verdienste erworben. Eines der Meisterwerke der Weltliteratur, die "Luisiaden"" des Portugiesen Camões (1524-1580), hat er bereits vor einigen Jahren in einer vorbildlichen zweisprachigen Ausgabe auf den Markt gebracht. Auf dieses gewaltige Epos folgten 2006 die "Amoren für Cassandra", ein sehr hübsches Bändchen mit der ersten deutschen Übersetzung der Liebeslyrik des wohl berühmtesten französischen Renaissance-Dichters und Camões-Zeitgenossen, Pierre de Ronsard (1524-1585).

Nun hat der hervorragende Übersetzer der "Luisiaden", Hans-Joachim Schaeffer, auch Camões' äußerst umfangreiches lyrisches Werk ins Deutsche übertragen, und diese Ausgabe präsentiert Elfenbein wie die vorangegangenen zweisprachig, mit einem exzellenten Kommentar von Rafael Arnold versehen, der eben auch den Lesern, die mit dieser älteren Literatur wenig vertraut sind, den Zugang zu ihr erleichtert, wenn nicht sogar eröffnet.

Wie Ronsard und die meisten Lyriker seiner Zeit war Camões stark durch die Gedichte Petrarcas (1304-1374) beeinflusst, dessen "Canzoniere" die europäische Dichtung für Jahrhunderte prägte. So ist auch eines der berühmtesten Sonette des Portugiesen die Variation eines Stückes seines Vorbilds, in der er seinen Schmerz aber schlichter und persönlicher darstellt:

Du, liebe Seele, musstest so früh gehen
Und unglücklich aus diesem kurzen Leben,
Bleib dort, der Himmelsruhe nun ergeben,
Und ich will hier die Erdenqual bestehen.
Wenn die Erinnerungen nicht vergehen
Im Himmelsraum, wohin du dich begeben,
Vergiss doch nicht das heiße Liebesstreben,
Das du so rein in meinem Blick gesehen.
Und war's verdienstvoll, dass ich so gelitten,
Dass ich mich so den Schmerzen anbefohlen,
Was den Verlust nicht hinderte, gewiss,
So bitte Gott, der deine Zeit durchschnitten,
Er soll, um dich zu sehn, alsbald mich holen,
Wie er so bald von meinem Blick dich riss.


Die ältere Sekundärliteratur wollte in der verstorbenen Geliebten eine Chinesin erkennen, die Camões auf der Rückkehr aus Macao kennen lernte. Zu dem Wenigen, das wir über sein wechselhaftes Leben wissen, gehört nämlich, dass es ihm in der Kolonie gelungen war, endlich materiellen Wohlstand zu erlangen, doch erlitt das Schiff, auf dem er heimkehrte, Schiffbruch, bei dem er nur mühsam das nackte Leben retten konnte, die schöne Chinesin indes ertrunken sein soll.

In einem anderen Sonett greift er die klassische petrarkistische Schönheitsbeschreibung auf, in der die Geliebte aus edelsten Stoffen zusammengesetzt ist, allerdings parodiert er dieses Muster in ausgesprochen origineller Manier: Zwar hat auch sie Haare wie Gold, Zähne wie Perlen, "Doch staune ich am meisten, jedenfalls,/Dass ihr, damit ihr völlig seid aus Stein,/Über ein Herz verfügt aus Diamant." Also nicht ihre Schönheit wird hier wie üblich gelobt, sondern ihre Hartherzigkeit getadelt. Damit weicht Camões erheblich von den durch Petrarca geprägten Vorbildern ab, die zuvor bereits Juan Boscán und Garcilaso de la Vega auf der iberischen Halbinsel eingeführt hatten.

Neben den zu seiner Zeit modernen Sonetten finden wir auch eine Vielzahl einfacher, volkstümlicherer Stücke, in denen Camões mittelalterliche Formen aufgreift und seinen Sprachwitz zum vollen Ausdruck bringt, indem er sich der verschiedensten sprachlichen Register bedient. Damit bietet der umfangreiche Band nicht nur die ausführliche Gelegenheit, die Gedichte dieses Meisters kennen zu lernen, sondern gleichzeitig ein breites Spektrum vom elegischen Pessimismus der "Saudade" bis hin zu beinahe karikaturesken Versen.

Rezensiert von Carolin Fischer

Luís de Camões: "Sämtliche Gedichte"
Portugiesisch - Deutsch. Übersetzt von Hans-Joachim Schaeffer. Herausgegeben, bearbeitet und kommentiert von Rafael Arnold.
Elfenbein Verlag, Berlin 2008
1142 S., Euro 75

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