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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2012

Ganz viele Stimmen im Kopf

In Frankfurt gehen "X Freunde" auf Selbstsuche

Von Michael Laages

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Weit entfernt von Work-Life-Balance: In "X Freunde" am Schauspiel Frankfurt lassen Dramatikerin Felicia Zeller und Regisseurin Bettina Bruinier ein paar Enddreißiger drauflos plappern. Leider fehlt es an Inhalt und Bewegung, findet Michael Laages.

Zwar sind nicht "X" Freunde versammelt im neuen Stück der sehr eigenwilligen Dramatikerin Felicia Zeller, sondern bloß drei – aber die reden und reden und reden, als seien sie in der Tat als Menge schier unüberschaubar.

Konkret ist mit "X Freunde" allerdings eine Serie von Stein-Skulpturen gemeint, um deren Fertigstellung der Bildhauer Peter Pilz knapp zwei Stunden lang pausenlos mit sich auf der Bühne ringt. Schließlich wird "Der letzte Freund" eine Ansammlung von Stein-Staub, weil der Künstler das Material komplett zu Bröseln gehauen hat, zur Erinnerung an den lebenslangen Freund Holger Holz, der sich aus Verzweiflung über Arbeitslosigkeit und Ehe-Desaster das Leben genommen hat.

Die Ebene der hehren Kunst ist aber nur das hochkulturelle Sahnehäubchen auf einer Theater-Fabel, die von sehr viel einfacheren, handfesteren Dingen erzählen will. Das Frankfurter Schauspiel, immer mit etwas Besonderem zur Hand, wenn gerade Buchmesse ist, hat eine der interessanten zeitgenössischen Theater-Autorinnen mit diesem Text beauftragt.

Felicia Zeller stellt ins Zentrum des Freundes-Trios die energische Anne. Sie ist das, was vor drei Jahrzehnten mal "Workaholic" genannt wurde. Heute trägt so ein Wesen, in diesem Fall weiblich, immer den Laptop unterm Arm und das Smartphone an der Halskette - immer erreichbar, immer im Dienst. Anne allerdings hat ihren Job gerade gekündigt, weil sie sich ausgenutzt und intellektuell beklaut fühlte: als der Vorgesetzte sich mit ihren Ideen zu schmücken begann. Nun wird sie höchstpersönlich zum "Start-up" – und erzählt davon ohne Punkt, Komma und Gedankenstrich.

Gatte Holger ist eigentlich Koch - Viktor Tremmel kocht dem Publikum sogar was vor zu Beginn der Vorstellung. Das von ihm betriebene Catering-Unternehmen geht aber pleite, was ihn auch menschlich zum Gegenentwurf zu Annes Aufbruchsstimmung werden lässt. Holger langweilt sich bald und wird sehr fett. Auch ein Inselurlaub gegen Ende hilft nichts mehr – mit dem Job geht auch die Gattin flöten, auch wenn sie ihn nur mit dem Computer, also mit Arbeit betrügt. Bildhauer Peter ist zu Beginn zum Essen eingeladen, betrachtet den Küchen-Krieg des Freundespaares aber eher von außen – und wird und wird derweil nicht fertig mit dem Finale der Serie "X Freunde". Da muss schon Holger den Kochlöffel abgeben, bis das klappt.

An dieser Konstellation ließe sich nun durchaus ein wenig philosophisch herum gründeln – aber darum geht’s eher nicht. Vielmehr entwirft die Autorin wieder mal eine der von ihr virtuos gepflegten Sprech-Partituren – Zellers Parlando- oder Palaver-Ton ist derart atemlos, dass sich die Sätze immer wieder zu überholen beginnen. Gedanken wirbeln völlig haltlos und ungebunden durch den Text, die Struktur der Worte bricht auf und scheint plötzlich gleich mehrere Ebenen auf einmal füllen zu wollen.

Wenn Anne im Stakkato durch das ungeordnet funktionierende Hirn rast, muss schon sehr genau aufpassen, wer irgendwann mal irgendwo und irgendwie dazwischen kommen will. Insofern ist ihre gereizte Augenblicksfrage "Was soll denn das hier werden? Ein Dialog?" Im Gespräch mit dem Ehemann völlig angemessen – Anne ist eine Monade. In ihr reden mindestens drei Kollegen miteinander und mit sich selbst. Eigentlich sind Zellers Texte letztlich Monologe, die auf beliebig viele Figuren, reale und virtuelle, verteilt werden können. Seit "Bier für Frauen", fast schon ein Klassiker dieser Methode, ist das der ureigene Zeller-Ton. Sie ist das zuweilen pfiffigere, in jedem Fall und immer ulkigere Pendant zu Rene Pollesch.

Leider aber erschöpft sich "X Freunde" recht bald schon in der Methode. Bewegung im Sinne von Handlung ist rar. Wenn nicht mittendrin mal Holger seiner lieben Anne - weil die natürlich nie zum Zahnarzt geht vor lauter Arbeit - einen Zahn zieht, mit reichlich blutiger Manscherei drum herum, und wenn nicht rechts und links Sportmatten wie aus der Schulsport-Gymnastik senkrecht an die Wände gehängt wären und ein Trampolin im Bühnenboden steckte, damit Holger oder Peter ab und an mal gegen die Wand hechten könnten vor lauter Frust. Gegen Ende wandelt sich der Bühnenboden vorn für den Inselurlaub sogar zum Planschbecken, mit Wasser drin in Form blauer Riesen-Schaumstoff-Pfropfen. Kurz: Die Inszenierung von Bettina Bruinier gibt sich in der Ausstattung von Justina Klimczyk redlich Mühe, den Eindruck von Inhaltsarmut zu verwischen.

Der macht sich dann aber doch breit. Auch schon in nur 100 Fernsehspielminuten. Aber Claude de Demo als Arbeitsbiene, Tremmel als trauriger Dicker und Christoph Pütthoff als schwätzender Kunst-Kopf bleiben dann doch recht lange in Erinnerung.

Schauspiel Frankfurt: X Freunde

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