Seit 01:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 28.07.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview | Beitrag vom 04.05.2021

Gangsta-RapDer Antisemitismus wird oft nicht erkannt

Jan Kawelke im Gespräch mit Julius Stucke

Die Rapper Kollegah und Farid Bang posieren vor einer Werbepartnerwand bei der Echo-Verleihung 2018. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Der Skandal um die Echo-Vergabe an Kollegah und Farid Bang im Jahr 2018 verdeutlichte, wie antisemitisch Texte im Gangsta-Rap mitunter sind. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Eine Studie mit jungen Hörern von Gangsta-Rap zeigt, dass viele von ihnen judenfeindliche Stereotype in den Texten nicht wahrnehmen. Der Musikjournalist Jan Kawelke plädiert dafür, Jugendliche zu unterstützen, die antisemitischen Codes zu erkennen.

Wie hängen antisemitische Texte im Gangsta-Rap mit antisemitischen Einstellungen bei jungen Hörerinnen und Hörern von Gagsta-Rap zusammen? An diesem Dienstag haben die Antisemitismus-Beauftragte von Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Wisssenschaftler der Universität Bielefeld dazu eine Studie vorgestellt: Eine repräsentative Gruppe von 500 jungen Menschen zwischen 12 und 24 Jahren wurde in Gruppen- und Einzelinterviews befragt.

Warum das Ganze? "Tatsächlich ist, nach den Geschehnissen rund um den Echo Musikpreises 2018, der Antisemitismus im Rap beziehungsweise gerade auch im Gangsta-Rap ein Thema", erklärte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Damals wurden die Rapper Farid Bang und Kollegah für ein Album ausgezeichnet, auf dem sie antisemitische Zeilen rappen, unter anderem auch einen Auschwitz-Vergleich. 

Gangsta-Rapper gelten als authentisch

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Jugendliche antisemitische Themen im Rap kaum bemerken: Bestimmte Klischees, Stereotype oder Verschwörungstheorien, die mit Jüdinnen und Juden verknüpft sind, werden wenig erkannt oder wahrgenommen.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Ein Grund dafür ist die schnelle Sprache des Rap. Zudem haben die Jugendlichen eher das Gefühl, dass im Gangsta-Rap sozialkritische Themen verhandelt werden. Sie schreiben Rappern eine starke Authentizität zu. Hier könnte man ein Problem sehen, da Gangsta-Rapper sich oft als Kunstfigur verstehen oder zumindest so verstanden werden wollen.

"Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch"

Misst man die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen in der untersuchten Gruppe, dann sind 26 Prozent sehr und 37 Prozent etwas antisemitisch eingestellt. Ob diese Hörerinnen und Hörer zu Antisemitismus neigen, weil sie Gagsta-Rap hören oder ob sich umgekehrt Jugendliche mit dieser Neigung vom Genre angezogen fühlen, darüber konnten die Fachleute noch keine finale Aussage treffen.

"Es ist ein sehr beliebtes Mittel, auf Jugendkulturen generell zu schimpfen oder da die Verantwortung für bestimmte gesellschaftliche Vorgänge zu suchen", sagt der Musikjournalist Jan Kawelke, der auch Gastgeber des Podcasts "Machiavelli – Rap & Politik" ist. "Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch, also es ist kein reines Rap-Phänomen oder Gangsta-Rap-Problem", so Kawelke.

Jugendliche beim Decodieren unterstützen

Ein Problem sieht Kawelke darin, dass in Raptexten der Antisemitimsus oft in Codes vorkommt, also "wenn Haftbefehl von der Rothschild-Theorie rappt, das aber total im Unklaren und im Diffusen lässt und es überhaupt nicht klar ist, was er damit meint."

Diese vermeintliche "Theorie" sei "übelstes antisemitisches Verschwörungsgeschwurbel", erklärt der Musikjournalist. Wenn dann aber ein interessierter, ambitionierter Rap-Fan daraufhin danach bei Youtube suche, bestehe die Gefahr, dass er in Verschwörungsvideos abrutsche und sich daraus ein Weltbild forme. 

Wichtig sei daher, Jugendlichen das Werkzeug an die Hand zu geben, diese Texte richtig zu decodieren, sodass sie eigenverantwortlich mit dem Genre Gangsta-Rap umgehen können. Denn Jugendliche seien "kluge, mündige Bürger, die das selber auch einschätzen können – wenn sie denn wissen wie", sagt Jan Kawelke.

Der Rapper, Singer/Songwriter, YouTuber und Buchautor Ben Salomo beim Besuch einer Talkshow vor Publikum sitzend. (imago images/Eventpress MP)Der Rapper, Singer/Songwriter, YouTuber und Buchautor Ben Salomo (imago images/Eventpress MP)

Für Ben Salomo liegt das Problem hingegen viel tiefer in der Rap-Szene verankert, als nur bei Farid Bang und Kollegah, sagte der aus Israel stammende, in Berlin lebende Rapper Ben Salomo in unserer Sendung "Fazit" [AUDIO]: Es sei egal, ob die Jugendlichen die antisemitischen Passagen in den Texten verstünden oder als solche wahrnehmen. Bestimmte Denkmuster würden sich dennoch verfestigen.

(bt/jfr/kpa)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Juristische StandardwerkeKeine Nazis als Namensgeber
Nahaufnahme des "Palandt": ein juristisches Standadwerk zum Bürgerlichen Gesetzbuch. Das Buch ist sehr dick und hat einen weißen Umschlag, die Schrift darauf ist rot und schwarz.  (picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann)

Der C.H. Beck Verlag hat erklärt, juristische Standardwerke nicht länger nach Juristen aus der NS-Zeit benennen zu wollen. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich hält den Schritt für notwendig: Namensgeber müssten "integere Persönlichkeiten" sein.Mehr

Klimawandel in SüdamerikaWarum Kaffee teurer wird
Ein offener Sack mit Kaffeebohnen und einer Schaufel aus Metall darin steht auf dem Boden.  (picture alliance / dpa Themendienst / Mascha Brichta)

Kaffee werde künftig teurer und qualitativ schlechter - der Grund dafür liege zu einem großen Teil im Klimawandel, sagt Agrarökonom Christian Bunn. Aktuell sind die Kaffeepreise in Brasilien enorm gestiegen. Aber auch Tee und Kakao sind betroffen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur