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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 04.05.2019

Gandhi, Greta, Youtube-StarsWer sind unsere Vorbilder und Helden?

Birgit Langebartels und Holger Zaborowski im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Porträts bekannter Persönlichkeiten auf bemalten Teilstücken der ehemaligen Berliner Mauer in Teltow, Brandenburg: Zu sehen sind Mutter Teresa, Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi, Mahatma Gandhi und der Dalai Lama.
Mutter Teresa, Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi, Mahatma Gandhi und der Dalai Lama wurden auf die ehemalige Berliner Mauer in Teltow gesprüht.

Nelson Mandela, Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi stehen für Menschlichkeit - vielen gelten sie als Vorbild. Jugendliche finden ihre Helden oft im Internet. Dort treffen sie auf Youtube-Stars oder die Klimaaktivistin Greta Thunberg.

"Wirkliche Heldenhaftigkeit hat etwas mit Menschlichkeit zu tun", sagt Prof. Dr. Holger Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. "Dass man für andere Menschen etwas tut, dass man wirklich das Beste im Menschen zeigt und somit zum Vorbild für andere Menschen wird."

So wie Mahatma Gandhi, Mutter Teresa oder auch Sophie Scholl: universelle Helden, die über Generationen hinweg Strahlkraft haben. Dabei seien sie keine entrückten Superstars; der Philosoph verweist auch auf die "Helden des Alltags": Feuerwehrleute, Seenotretter, Menschen, die andere pflegen. "Menschen, die still für andere da sind und das tun, was geboten ist."

Die Deutschen hätten – auch bedingt durch die Geschichte – ein gespaltenes Verhältnis zum Heldenbegriff. Oft sei die Rede von einer "postheroischen Gesellschaft", die keine Helden mehr brauche. Das sieht Holger Zaborowski anders. "Wir merken dabei auch, was uns an Werten wichtig ist, wenn wir über den Heldenbegriff reden. Greta geht kein Risiko ein. Da trifft eher der Begriff des Stars oder Sternchens zu. Es ist heute leicht, für kurze Zeit ein Star zu werden. Für wirkliche Helden ist Distanz nötig – und ein Leben in Ganzheit."   

Ein Puzzle voller digitaler Helden

"Die Helden der Kinder sind die, die digital unterwegs sind", sagt Birgit Langebartels. Die Diplompsychologin leitet die Kinder- und Familienforschung beim rheingold-Institut, einem Marktforschungsinstitut in Köln.

"Die Heranwachsenden bewegen sich in einer durch Soziale Netzwerke, Spiele und Serien permanent verwobenen Realität. In diesen neuen Räumen suchen und finden sie neue Helden und Vorbilder, die mit denen vorangegangener Generationen nur noch wenig gemeinsam haben."

Helden von heute seien YouTube-Stars und Influencer, die die Jugendlichen an ihrem ganz alltäglichen Leben teilhaben lassen. Aber sie seien auch Lebensbegleiter auf Zeit: "Die Helden von heute haben eine extrem kurze Halbwertzeit. Und sie sind auch ganz fragmentarisch. Das ist nicht mehr der große Held über ein Leben hinweg; das ist eher ein Puzzle, ein Mosaik, das man sich zusammenbastelt."

Wie erklärt sie sich als Psychologin das Phänomen Greta Thunberg? "Jugendliche von heute leben in Zeiten der Multioptionalität: Alles ist möglich", sagt sie. Gerade deshalb könnten sich viele Jugendliche aber nicht entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Die Klimaaktivistin fülle diese Lücke: "Sie haben in Greta eine Person, die ihresgleichen ist und mit der sie ein Ziel anstreben können."

Literaturhinweis:

Martin W. Ramp und Holger Zaborowski (Hrsg): "Helden und Legenden oder: Ob sie uns heute noch etwas zu sagen haben"
Wallstein Verlag, 2015, 14,90 Euro

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Goldene Kamera für Greta Thunberg - Ikone wider Willen, Rebellin mit Anliegen
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 30.03.2019)

Vorbilder von gestern und heute - Welche Helden braucht unsere Gesellschaft?
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