Seit 04:00 Uhr Nachrichten
Sonntag, 25.07.2021
 
Seit 04:00 Uhr Nachrichten

Kompressor | Beitrag vom 14.12.2020

Game "Cyberpunk 2077"Cyber ohne Punk

Marcus Richter im Gespräch mit Gesa Ufer

Screenshot aus dem Rollenspiel "Cyberpunk 2077:Eine junge Frau mit vielen Tattoos und bunten, auf einer Seite abrasierten Haaren beugt sich zum Betrachter und blickt ihn ernst an. Hinter ihr befindet sich der Neon-Schriftzug "Lizzie's Bar"  (CD Project RED)
Screenshot aus dem Rollenspiel "Cyberpunk 2077: Das Spiel sei zwar unterhaltsam, aber die typische Metaebene des Genres fehle, findet Marcus Richter. (CD Project RED)

Das Open-Word-Rollenspiel "Cyberpunk 2077" wurde von Gamern sehnsüchtig erwartet. Doch zum Start macht es vor allem mit Macken von sich reden. Unseren Spielekritiker stört noch mehr: Wirklich "Cyberpunk" sei das Spiel trotz seines Namens nicht.

Konzerne herrschen über die Erde, Menschen leben in riesigen, anonymen Städten: Die Welt der Cyberpunks ist düster, dreckig, ausweglos. Das trifft auch auf das von vielen sehnsüchtig erwartete Game "Cyberpunk 2077" zu. Selbstbewusst trägt es das Genre, das durch die Neuromancer-Romane von William Gibson geprägt wurde, bereits im Namen und spielt in einer dystopischen Megastadt: In "Night City"* spiegelt sich nur das Licht greller Neonreklamen in den dunklen Straßen. Die Stadt scheint vor allem aus Wolkenkratzern, Autobahnen und Slums zu bestehen.

Screenshot aus dem Spiel: Nachts steht ein Auto auf einer regennassen, ansonsten leeren Straße, an den Häusern leuchten pinke Neonschriftzüge.  (CD Project RED)Eine anonyme Megastadt mit leuchtenden Neonreklamen: "Cyberpunkt 2077" spielt in einer genretypischen Welt. (CD Project RED)

"Das Spiel gibt sich Mühe, in Kulisse und geschichtlichem Rahmen quasi eine Quintessenz von Cyberpunk oberflächlich abzubilden", sagt der Gameskritiker Marcus Richter, der das Open-World-Rollenspiel bereits gespielt hat. Als Spieler sei man ein Söldner oder eine Söldnerin, die sich für alles Mögliche verdinge.

"Die Geschichte beginnt auch ganz klassisch mit dem Versuch, ein Stück Technologie zu stehlen, das die Welt verändern soll. Aber dabei passiert – natürlich! – etwas Unvorhergesehenes."

Gigantische Open World   

An dieser Stelle wird der Spieler Zeuge eines Mordes an dem Chef eines mächtigen Unternehmens. Der Diebstahl gelingt trotzdem: ein Biochip, den sich die eigene Figur im Eifer des Gefechts in den Kopf steckt und nun eine zweite, digitale Seele in sich trägt. Von diesem Ausgangssetting entwickelten sich die zwei zentralen Geschichten, beschreibt Marcus Richter. "Alles wird eine riesige Verschwörung." Gleichzeitig gebe es rundherum eine riesige Open World mit unendlich vielen Aufgaben. "Alleine für den Prolog des Spiels habe ich ungefähr fünf Stunden gebraucht."

Richter sieht hier ein klassisches Problem eines solchen Spiels: Die vielen Nebenaufträge führten nicht unbedingt zu einer dichten Welt, sondern zum Gefühl, eine To-do-Liste abzuarbeiten.

Mehr Actionfilm als Kapitalismuskritik

Wie "Cyperpunk" ist das Spiel "Cyberpunk 2077" tatsächlich? Es sei zwar ein unterhaltsames Actionspiel, sagt Richter. "Als Genre-Fan macht es großen Spaß, selbst durch die Straßen zu fahren". Aber "Cyberpunk 2077" sei eine reine Actionfilm-Machtfantasie, findet der Spielekritiker: Die Charaktere seien, sehr genreuntypisch, muskelbepackte Kämpfer – statt Underdogs, die sich gegen die Konzernwelt wenden.

Screenshot aus dem Spiel "Cyberpunk 2077": zwei bis an die Zähne bewaffnete, uniformierte Kämpfer  (CD Project RED)"Cyberpunk 2077" sei eine reine Actionfilm-Machtfantasie, findet unser Kritiker. (CD Project RED)

"Ich vermisse schon die Metaebene des Cyberpunks", sagt Marcus Richter. "Aus der subversiven, literarischen Kapitalismuskritik wird hier so ein formvollendetes, millionenschweres Produkt, das glänzt." Vielleicht sei das Spiel sogar das Ende des Cyberpunks als Genre.

Viel Druck, viele Fehler 

Im Vorfeld des Erscheinens gab es bereits eine kritische Debatte rund um das Spiel, unter anderem über die Arbeitsbedingungen der Entwicklerinnen und Entwickler. Es sei leider immer noch gang und gäbe, dass es in der Entwicklung von Computerspielen zu "Crunch" komme, also dass die Entwickler massiv Überstunden machen müssten, erklärt Richter. Das Studio "CD Projekt Red" habe eigentlich versprochen, dass das nicht passieren solle.

"Aber dann gab es doch Sechstagewochen, und das soll es sogar über mehrere Monate gegeben haben", so der Spielekritiker. Außerdem seien Bonuszahlungen für die Mitarbeitenden an die Bewertungen für das Spiel gekoppelt worden, was erst kürzlich aufgehoben worden sei.

Abonnieren Sie unseren Kultur-Newsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail.

"Und all das schlägt sich in dem Spiel nieder", stellt Richter fest: Es sei voller Fehler. "Noch nie ist meine PS4 so abgestürzt wie mit diesem Spiel." Die Ursache für diese Fehler sei schlechtes Management, betont er. "Und jetzt arbeiten die Entwickler an der Fehlerbeseitigung. Selbst nach der Veröffentlichung geht dieser Crunch also wahrscheinlich weiter."

(jfr)

* Redaktioneller Hinweis: Wir haben den Namen eines fiktiven Ortes korrigiert.

Mehr zum Thema

Zum Tod von Syd Mead - Blade-Runner-Designer und Cyberpunk-Visionär
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 02.01.2020)

Cyberpunk-Jahr 2019 - Leben wir in einer "Blade Runner"-Welt?
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 20.12.2019)

Technik-Polemik - Cyber-Zombies ohne Sinn und Verstand
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 30.07.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

75. Festival d’AvignonTriumph des Magisch-Weiblichen
Isabelle Huppert eröffnete das 75. Internationale Theaterfestival in Avignon. (picture alliance / abaca | Aventurier Patrick/ABACA)

Das Theaterfestival in Avignon war in diesem Jahr geprägt von starken Regisseurinnen und feministischen Manifesten. Es begann mit Stücken über kollektiv erlebte Katastrophen und endete mit stilleren Abenden voller individueller Frauenschicksale.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur