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Kompressor | Beitrag vom 13.09.2019

Galerie auf BestellungKunstausstellung im eigenen Wohnzimmer

Von Cora Knoblauch

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Ein Mann hält ein Schild vor sein Gesicht, dieses sieht aus wie von einem Verpixelungstool erzeugte Manipulation des Bildes. (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)
Wenn der Kunstkurier zweimal klingelt.... Dieser hier hat ein Kunstwerk von Elisa Giardina Papa mitgebracht: "Brush Stroke". (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)

Pizza, Bücher, Kleider - es gibt nichts, was man nicht online bestellen kann. In Berlin kann man jetzt auch eine Kunstausstellung ordern. Der Künstler Sebastian Schmieg hat sich den ungewöhnlichen Lieferservice ausgedacht.

Per Mausklick bestellt, vom Fahrradkurier geliefert - an diesem Vormittag schleppt ein Kurier seinen klobigen Würfelrucksack zu mir in den vierten Stock. In der schweren Tasche steckt allerdings keine warme Pizza, sondern eine Ausstellung:

"Da sind 13 Arbeiten drin, ich weiß eigentlich nicht warum, aber das ist ziemlich schwer. Ich bin angefahren von Gesundbrunnen, Wedding, und jetzt dieser vierte Stock", erklärt Quirein.

Anderthalb Stunden Aufbau im Wohnzimmer

Anderthalb Stunden wird der Kunstkurier in meinem Wohnzimmer verbringen, alle 13 Arbeiten zwischen Sofa, Bücherwand und Esstisch aufbauen und alles erklären. Quirein, Niederländer und sonst Lieferando-Kurier, stellt seine schwere Tasche in mein Wohnzimmer. Und packt aus.

"Diese Arbeit heißt 'We Yellow Will Win' von einer jungen Künstlerin Jing He. Sie ist Chinesin, glaube ich, und wohnt in den Niederlanden."

Das handliche Werk von Jing He ist in einen Frischhaltebeutel eingepackt. Es besteht aus zwei gelben Schwämmen, die zu einer kleinen Skulptur mit einem Foto von französischen Gelbwesten-Demonstranten zusammengebaut sind.

Der Kurier packt die Kunstwerke aus

Während ich die Schwamminstallation in den Händen drehe und wende, packt der Kurier weiter aus. Zwei digitale Drucke stellt Quirein in mein Bücherregal, an die Armlehne eines Sessels klemmt er eine Handyhalterung, auf den Esstisch legt er eine Art Computerkonsole aus Wachs und Fiberglas. Kaum in die Steckdose gesteckt, bekomme ich eine audiovisuelle Nachricht des Künstlerduos Lotte Meret Effinger und Marco Buetikofer.

AUf einem Tisch steht eine schmale, hohe orangene Pillendose. Darauf ist etwas mit Filzstift geschrieben. (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)Werk von Jaakko Pallasvuo: "Avocado Ibuprofen". (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)

Ausgewählt hat die 13 Arbeiten der Berliner Netzkünstler und Programmierer Sebastian Schmieg: "Die Künstler habe ich thematisch zusammengestellt", erzählt Schmieg. "Die Ausstellung heißt 'New Convenience'. Es um diese Bequemlichkeit, dass man von zuhause alles bestellen kann, alles über eine App erledigen kann. Ich hatte Künstlerinnen und Künstler gesucht, die sich damit auseinandersetzen."

An den Laptop gekettet

Die französische Künstlerin Lauren Huret hat ein goldfarbenes Bettelarmband mit kleinen Glücksbringern geliefert. Zwischen den Sammelanhängern baumelt ein Speicherstick. Mitsamt dem schmucken Armband kettet mich der Kunstkurier für eine Weile an meinen Computer und ich schaue ein Video der Künstlerin. Gezeigt wird die ästhetisch inszenierte Zerstörung eines Smartphones.

Eine Hand, um die eine Kette gelegt ist. Diese Kette ist mit einem Schlüsselbund verbunden, an diesem ist ein USB-Stick. (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)Arbeit von Lauren Huret: "The Lost Keychain of the Artist" (Cora Knoblauch / Deutschlandradio)

"Ich beschäftige mich schon länger in meiner künstlerischen Praxis mit Arbeit und wie sie durch Algorithmen oder durch Apps organisiert wird", erläutert Schmieg. Wir drücken auf dem Handy einen Knopf und plötzlich ist eine Pizza vor der Tür. Ich fand den Moment sehr interessant, wo plötzlich diese Fahrradlieferdienste aufkamen. Weil durch diese großen Würfelrucksäcke plötzlich Marker durch die Stadt gefahren sind. Man konnte sehen: Ah, so funktioniert das Ganze also!"

Die Galerie spart die Miete

Von Schmieg selbst ist keine Arbeit dabei. Sein Werk ist die mobile Ausstellung "Gallery Delivery" in meinem Wohnzimmer. Kurier Quirein ist Teil der anderhalbstündigen Performance und auch ich bin temporär ein Teil davon:

"Du, als Bestellerin, wir nehmen deine Wohnung in Beschlag. Du hast jetzt auch ein Zertifikat bekommen mit 'Gallery Delivery Host', dafür dass du gesagt hast, ja, ich wandele meine Wohnung temporär in eine Galerie um. Wir müssen also nicht mal irgendwo Miete bezahlen – das machst du."

Die Kunst ist käuflich

Apropos bezahlen. Kaufen kann man die Arbeiten selbstverständlich auch. Zwischen fünf und 5000 Euro kosten sie. Die Arbeit des finnischen Instagram-Künstlers Jaakko Pallasvuo behalte ich am Ende: eine Bildergeschichte gedruckt auf einer Bonrolle, versteckt in einer Pillendose.

Die anderthalb Stunden sind schnell um. Ich stelle fest, dass ich mich in einer Galerie selten so intensiv über Kunst unterhalten habe wie in meinem Wohnzimmer. Quirein verstaut alles in seinem Würfelrucksack und schwingt sich auf sein Rad. In Kreuzberg warten schon die nächsten Gallery-Delivery-Gastgeber.

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