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Tonart | Beitrag vom 12.12.2018

G.Rag und Die Landlergschwister"Auch Volksmusik ist Rock'n'Roll“

Von Andi Hörmann

G.Rag & Die Landlergschwister am Chiemsee (Gutfeeling Records / Andreas Staebler)
G.Rag & Die Landlergschwister interpretieren traditionelle Lieder neu - und spielen auch an eher ungewöhnlichen Orten. (Gutfeeling Records / Andreas Staebler)

G.Rag & Die Landlergschwister wurden vor 15 Jahren gegründet, um die bayerische Blasmusik zu revolutionieren. Entstanden ist ein Mix aus Volksmusik, Punk, Hardcore, Elektro: Roh, unverstärkt und dreckig. Und garantiert ohne volkstümelnden Einschlag.

Sebastian Meier: "Volksmusik wird es immer geben. Ich bin der Meinung, dass ein Stück, das vor 100 Jahren funktioniert hat, heute noch genauso funktioniert. Weil die Ansprüche sich ja nicht geändert haben."

Freude am Tanzen, oder einfach nur bei Bier und guter Laune mitschunkeln und quatschen. Sonntagnachmittag gegen 14:30 Uhr, mitten im durch-gentrifizierten Münchner Glockenbachviertel: das Fraunhofer Wirtshaus. Frühschoppen mit den Landlergschwistern ist gerade zu Ende.

Sebastian Meier: "Es ist immer schön mit den Landlergschwister zu spielen. Weil es viele Menschen sind, nicht immer die gleichen, manchmal fehlt wer, manchmal kommt wer dazu. Das ist immer interessant. Man hört aufeinander. Es ist immer spannend, weil es so viele Leute sind. Man muss aufpassen aufeinander."

Alte Lieder neu interpretiert

Ein Dutzend Musiker der Landlergschwister packen gerade ihre Instrumente ein. Sebastian Meier wischt mit einem Tuch über seine Tuba, Nicola Schüpferling zerlegt ihre Klarinette. Nicola Schüpferling: "Wir schauen, dass wir natürlich viel bayerisches Liedgut mit reinbringen. Alte Wurzeln. Und nicht zu volkstümlich. Aber doch ein bisschen volkstümlich."

Eigentlich kein bisschen tümelnd ist die Musik der Landlergschwister. Sie greifen musikalische Traditionen der bayerischen Blas- und Volksmusik auf, interpretieren sie aber wie elektronische Tanzmusik. Volkstümlich klingt da zu sehr nach Patriotismus und Heimat.

Nicola Schüpferling: "Ich finde es gut, wieder diese Musik zu beleben und wieder auch einfach bayerisch zu sein - musikalisch gesehen."

Musik aus Bayern: ja. Aber der ganze schwarze, politische Rattenschwanz: nein danke. Ein Klischee möchte Sebastian Meier ein für alle Mal aus der Welt schaffen: "Dass nicht jeder von uns einen Trachtenanzug anhat, eine Lederhose anhat und CSU wählt."

Andreas Staebler: "Die Roots liegen in der Volksmusik und im Punk und im Hardcore. Wo wir halt herkommen." Andreas Staebler alias G.Rag ist der Bandleader der Landlergschwister, einem Kollektiv aus gut einem Dutzend Musikern.

Es darf auch mal schräg rumpeln

Sebastian Meier alias Tuba-Wastl findet noch konkretere Worte für dieses akustische Crossover: "Avantgardistische Traditionalisten, ich weiß es nicht. Ich finde, es ist Gebrauchsmusik und das merkt man bei den Landlergschwistern. Sie soll halt nicht konzertant wirken, die Volksmusik. Auch traditionelle Volksmusik ist Rock‘n‘Roll."

Und diese Rock’n‘Roll-Volksmusik funktioniert am besten an ausgelassenen Orten: im Bierzelt, im Wirtshaus, an einem Sommerabend an der Isar. Klar, ist ja alles unplugged.

Auf der Bühne mimt Staebler den Punk: Megaphon für den Gesang, trashig angezerrte Halbakustik-Gitarre und auf Kniehöhe ein Crash-Becken, das er gerne mal mit seinen Stiefeln malträtiert. Wie die letzten Jahre zum Oktoberfest auf der Oidn Wiesn - da darf es auch mal schräg rumpeln.

Mit dem Titel ihres fünften und ganz aktuellen Studioalbums "Neue Stadt" spielen die Landlergschwister auf eine Nummer der NDW-Urgesteine Palais Schaumburg an: Wir bauen eine neue Stadt. Sie covern diesen Klassiker wie eine Volksweise.

Andreas Staebler: "Das ist eine Nummer von Palais Schaumburg von 1981. Du hörst dir die an und das ist genauso aktuell wie damals. Da kannst du die Flüchtlingspolitik, da kannst du alles rein stecken. 'Neue Stadt' ist schon ein Politikum, obwohl wir keine politische Band sind."

Sebastian Meier: "Gerade auch wenn man Volksmusik macht, will man nicht immer in eine politische Ecke gesteckt werden. Deswegen glaube ich, ist es auch ganz wichtig, dass man mal ein Statement macht. Was natürlich bei den Landlergschwistern selbstverständlich ist."

Markenzeichen: das Megafon

Schon allein das Markenzeichen von G.Rag als Bandleader der Landlergschwister ist ein Relikt von Revolte und Revolution: das Megafon. Megafon: "Check. One. Two. Hallo, hallo. Es hat eigentlich einen ganz guten Sound. Sehr bassig auch. Man kann auch noch lauter machen, dann verzerrt es noch mehr."

Man muss sie einfach live erlebt haben, G.Rag & Die Landlergschwister aus München. Ein Blasmusik-Kollektiv mit dem richtigen Begleitrauschen zum geselligen Bier, tief verwurzelt in bayerischer Musik-Tradition und zugleich weltumarmend verästelnd mit coolen Coverversionen: Kraftwerk und Caribou waren es auf den letzten Platten, dazwischen immer mal wieder eine Hank-Williams-Nummer.

Und nun auf dem aktuellen Album: Der Disco-Punk-Kracher von LCD Soundsystem "You Wanted A Hit" als Blasmusik-Stampfer. Auch das ist Politik, aber im Kleinen - direkt fürs Herz oder das Tanzbein. Sebastian Meier: "Man muss die Leute erwischen, überraschen und mitnehmen. Und das funktioniert bei den Landlergschwistern wunderbar."

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