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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.09.2009

"Fußnoten des Festlands"

Judith Schalansky: "Atlas der abgelegenen Inseln", Marebuch Verlag, Hamburg 2009, 144 Seiten

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Judith Schalansky widmet jeder Insel zwei Seiten. (Stock.XCHNG / Vivek Chugh)
Judith Schalansky widmet jeder Insel zwei Seiten. (Stock.XCHNG / Vivek Chugh)

Judith Schalansky stellt 50 Inseln vor - manche fernab der Zivilisation, andere Teil unserer angeblichen Weltkenntnis, als Orte der Sehnsucht und des Schreckens.

Nach ihrem "Matrosenroman" "Blau steht dir nicht", der kein wirklicher Roman ist, legt Judith Schalansky einen "Atlas der abgelegenen Inseln" vor, und der ist auch nicht wirklich ein Atlas. Er ist vielmehr ein wunderschönes Gesamtkunstwerk aus Text und Bild, Typographie und Layout, trockener Information und gedanklicher Abenteuerlust und eine jugendlich-kecke Variation auf das Thema: Artefakte sind viel spannender als "Natur" und "Realität". In diesem Fall – der Untertitel deutet es an – sind reale Inseln nicht halb so sexy wie ihre Karten.

Um 50 Inseln geht es, sortiert nach den fünf Weltmeeren – dem Arktischen, Antarktischen, Indischen, Pazifischen und Atlantischen Ozean. Manche liegen so fernab von all dem, was wir uns als Zivilisation zurechterobert haben, dass sie aus dem tradierten Weltgeschehen verschwunden sind, "Fußnoten des Festlands". Andere sind Teil unserer angeblichen Weltkenntnis, als Orte der Sehnsucht oder des Schreckens.

Jeder Insel sind zwei Seiten gewidmet. Die Karten-Seite rechts erinnert an das offene Meer selbst: ein eher blasses, grau getöntes Blau mit weißen Tupfern. Von Nahem betrachtet sind die weißen Flecken keine Schaumkronen, sondern das Fleckchen Erde, das auf der jeweiligen linken Seite im Text dargestellt ist: oben der Name, Längen- und Breitengrad, Größe und Einwohnerzahl, Skalen mit Entfernungen zu den nächsten größeren Orten und historischen Daten, eine kleine Erdkugel mit Markierungspunkt. Skalen und Erdkugel sind sonnengelb wie die Seitenzahl.

Auf den restlichen zwei Dritteln der linken Seite steht, was Judith Schalansky mit der Insel assoziiert. Iwo Jima zum Beispiel wird verdichtet zu dem berühmten Foto der sechs GIs, die dort im Februar 1945 die US-Flagge hissten, und zieht von da eine ikonographische Linie zu Ground Zero, wo drei Feuerwehrmänner diese "Pathosformel" imitierten. St. Helena bekommt kurze Fetzen Gedankenprosa des Kaisers Napoleon und Momentaufnahmen von der Heimholung seines Leichnams, Tristan da Cunha dagegen einen literarischen Katheter gelegt – über "Die Insel Felsenburg" und Arno Schmidt. Die Isla Robinsón Crusoe wurde direkt literarisch getauft, und die vertrackten Beziehungen der Kunstfigur von Daniel Defoe, des gestrandeten Seeräubers Selkirk und zweier echter Pazifik-Inseln untereinander sind eine herrliche Ironie der – ja, was? Geschichte? Kunst? Bei Robert Louis Stevenson ist die Sache übersichtlicher, er soll durch eine Karte zur "Schatzinsel" inspiriert worden sein.

Ein bisschen so wie Judith Schalansky zu ihrem Insel-Buch, darf man aus dem langen Vorwort schließen. Sie ist Jahrgang 1980, in der DDR aufgewachsen und noch ein "Atlas-Kind". Sie gehört zur vermutlich letzten Generation, die Weltreisen noch mit dem Finger im Atlas oder auf dem Globus gemacht hat, anstatt sich von Google Earth bis in Vorgärten beamen zu lassen. "Ich würde einen Atlas heute noch jedem Reiseführer vorziehen", schreibt sie und überlässt dem Leser, der gerade fröhlich zustimmen will, ein Dilemma, das sie kurz davor nonchalant in den Raum gestellt hat: "So ist jede Karte das Ergebnis und die Ausübung kolonialistischer Gewalt."

Besprochen von Pieke Biermann

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
Marebuch Verlag, Hamburg 2009
144 Seiten, 34 Euro

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