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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 29.12.2019

Fußball-Trainerin Imke Wübbenhorst"Ich bin Profi, ich stelle nach Schwanzlänge auf"

Moderation: Thomas Wheeler

Fußballtrainerin Imke Wübbenhorst auf dem Fußballrasen (imago images / Picture Point LE)
Imke Wübbenhorst: "Man braucht eine Persönlichkeitsstruktur, die es einem erlaubt, gut zu führen." (imago images / Picture Point LE)

Imke Wübbenhorst trainierte als erste Frau eine Oberligamannschaft der Männer und konterte eine chauvinistische Frage so schlagfertig, dass sie dafür einen Preis bekam. Sie fordert, dass man im Fußball "nach Qualität einstellt, nicht nach Geschlecht".

Thomas Wheeler: Neue Fußballtrainer gibt es bei uns schon seit einigen Jahren: Moderne und selbstbewusste Männer mit eigenen Ideen und Konzepten. Allerdings gibt es kaum Frauen, die Männermannschaften trainieren. Imke Wübbenhorst weiß, wie es geht. Sie war mal ein paar Monate die Chefin des "BV Cloppenburg" aus Niedersachsen. Damals machte sie auch diesen Spruch: `Ich bin Profi, ich stelle nach Schwanzlänge auf.`

Eine Antwort auf die Frage, ob sie eine Sirene auf dem Kopf trage, wenn sie die Männerkabine betritt. Die Akademie für Fußballkultur fand den Spruch so klasse, dass sie ihn bei der jährlichen Gala zur Abstimmung stellte. Imke Wübbenhorst gewann und bekam dafür den mit 5000 Euro dotierten deutschen Fußball-Kulturpreis für den besten Spruch. Auch für Arno Orzessek, unser Experte für Fußball-Kultur, ein absolutes Meisterstück:

"Laut dem Fußball-Fachmagazin ‚Brigitte‘ war das eine der schlagfertigsten und absolut geilsten Antworten in der Geschichte des Fußballs – und ich denke: Sexistische Frage noch sexistischere Antwort, diese aber als ultimativer Konter gegen männlichen Fußball-Chauvinismus. Historisch gesehen übrigens auch als Entgegnung auf Lothar Matthäus zu verstehen. Der hatte einst – den Stürmerkollegen Adolfo Valencia im Sinn – Frauen entgegengerufen: Hey, Mädels, unser Schwarzer hat einen so ‚Langen‘. Wübbenhorsts aufgeklärter Feminismus, der rechnet mit all diesem souverän ab."
 
So kann man es auch sehen. Arno Orzessek über den Fußballspruch des Jahres von Imke Wübbenhorst. 

Imke Wübbenhorst erhielt am 25. Oktober 2019 den deutschen Fußball-Kulturpreis in Nürnberg. Drei Frauen stehen auf einer Bühne. (imago images/Sportfoto Zink/Daniel Marr )Ehrung für ihre Schlagfertigkeit: Imke Wübbenhorst (m) während der Verleihung des deutschen Fußball-Kulturpreises am 25. Oktober in Nürnberg. (imago images/Sportfoto Zink/Daniel Marr )

Guten Tag, Frau Wübbenhorst. Was haben Sie denn mit dem Geld seinerzeit gemacht? Oder haben Sie es noch?

Imke Wübbenhorst: Nein, ich hab es gespendet, an einen Teilnehmer, der gerade mit mir die Ausbildung zum Fußballlehrer absolviert. Der trainiert die Nationalmannschaft der Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen und die konnten das Geld gut gebrauchen.

Fußball ist das Wichtigste in ihrem Leben

Wheeler: Sie haben ja in der Bundesliga, in der Frauenbundesliga für Cloppenburg gespielt und auch in Spanien. In der letzten Saison haben Sie, wenn ich das richtig verfolgt habe, Ihre aktive Spielerinnenkarriere beendet und konzentrieren sich seitdem voll auf die Laufbahn als Trainerin. Warum haben Sie sich für diesen Job entschieden?

Wübbenhorst: Ja, in meinem ganzen Leben wollte ich eigentlich nichts anderes außer was mit Fußball machen. Und nachdem ich wusste, dass man nicht immer Fußball spielen kann, hab ich mir gedacht: Okay, ich muss Sport, Bio studieren. Ich will einfach die beste Trainerin werden, die es gibt. Und da hab ich schon ziemlich früh die Weichen dahin gestellt, dass ich mein Leben lang mit dem Fußball verbunden bleiben kann.

Wheeler: Wo kommt dieser Ehrgeiz her, wenn Sie sagen, Sie müssen das machen?

Imke Wübbenhorst: Ich glaube schon, Fußball ist eine Herzensangelegenheit. Da steht so viel Idealismus hinter – gerade wenn man im Frauenfußball lange gespielt hat, das macht man ja nicht wegen des Geldes, sondern: Das macht man wirklich jedes Wochenende, jeden Abend opfern, obwohl man noch einen Job nebenbei hat oder studiert. Das ist wirklich eine Herzensangelegenheit und dafür brennt man halt einfach.

Führungsqualitäten und Empathie

Wheeler: Sie selbst haben, wenn ich richtig informiert bin, Ende Mai eine Ausbildung als Fußballlehrerin an der Hennes-Weisweiler- Akademie in Hennef begonnen. Wie weit sind Sie denn da?

Wübbenhorst: Ja genau. Im April sind die Abschlussprüfungen und jetzt bin ich gerade quasi mitten noch in der Ausbildung.

Thomas Wheeler: Das Selbstverständnis der Trainer hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Was sollten denn aus Ihrer Sicht Frau oder Mann vor allem mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Wübbenhorst: Ich glaube, als Trainer ist das mehr als nur die fachliche Ebene. Sondern: Man braucht eine Persönlichkeitsstruktur, die es einem erlaubt, gut zu führen. Viele Dinge spielen da eine Rolle. Vermittlungskompetenz, aber auch empathisch zu sein, weil: Man muss halt wissen, wie man jeden einzelnen Spieler anfassen muss, damit er halt zu 100 Prozent seine Leistung abrufen kann. Und ich glaube, gerade das ist total schwierig, weil; Man hat ja nicht selten auch mit wirklich schon gestandenen Profis zu tun, die natürlich auch wirklich schwer zu ‚handlen‘ sind. Und ich glaube, das ist eine große Kunst, eine Mannschaft zu formen, die zusammen funktioniert.

Dem Spieler Freiheit lassen

Wheeler: Wobei: Das ja nicht immer so leicht herauszufinden, wie die Spieler ticken, wenn man jetzt das Beispiel von Jadon Sancho von Borussia Dortmund nimmt. Er nimmt sich Freiheiten heraus, als junger Spieler: Kommt mal eben zu spät zum Training. Braucht einen Coach generell auch Antennen, ein spezielles Gespür für seine Spieler?

Wübbenhorst: Ja, ich glaube schon, dass es ein Trugschluss ist, wenn man glaubt, man muss jeden gleich behandeln. Man muss jeden Spieler angemessen behandeln, einige brauchen mehr Zuckerbrot und andere brauchen mehr Peitsche. Ich glaube, dafür braucht man halt ja diese Empathie, um ein Gespür dafür zu entwickeln, was jeder Spieler braucht. Aber ich bin immer noch der Meinung, dass der Trainer den Erziehungsauftrag nicht voll und ganz übernehmen kann. Und ich glaube, wenn das aus der Mannschaft kommt, wenn Sancho angeguckt werden würde von Mitspielern, warum er zu spät kommt, weil alle anderen doch pünktlich sind; wenn da ein gewisser Druck von der Gruppe auch aufgebaut wird, dass das das ist, was letztendlich die Spieler auch dazu bewegt, sich an diese Gruppennormen zu halten, und dass man das nicht von außen so vorschreiben kann. Wobei natürlich, eine gewisse Freiheit muss man den Spielern auch lassen.

Imke Wübbenhorst während ihrer Trainer A-Lizenz Ausbildung bei RB Leipzig im Juli 2019. Eine Frau steht mit anderen auf einem Fußballfeld. (imago images / Picture Point LE / Roger Petzsche)Imke Wübbenhorst während ihrer Trainer A-Lizenz Ausbildung bei RB Leipzig im Juli 2019. (imago images / Picture Point LE / Roger Petzsche)
Wheeler: Würden Sie denn da sagen oder mitgehen, dass Frauen an dieser Stelle einfühlsamer sind?

Wübbenhorst: Ich glaube auch, dass das komplett von der Persönlichkeit abhängig ist, inwieweit ein Trainer zu so etwas in der Lage ist, auch angemessene Entscheidungen zu treffen, auch: Wie bestrafe ich so einen Spieler, was ist überhaupt Strafe? Ist Geld überhaupt für solche Spieler eine Strafe? Oder wie packe ich den an der Ehre? Ich würde es nicht vom Geschlecht abhängig machen. Ich glaube, da gibt es auch sehr viele Männer, die sehr empathisch sind, und bestimmt auch Frauen, die es nicht können. Ich glaube, da sollten Vereine auch langsam mal dahin kommen, dass sie wirklich, wenn sie wissen, dass sie eine Mannschaft haben mit vielen Stars, dass sie dann auch einen Menschen brauchen, der ganz viel Rückgrat hat, der irgendwie auch auf ganz anderen Ebenen geschult ist oder gut mit Menschen umgehen kann.

Die Entscheidungen treffen noch immer ältere Männer

Wheeler: Nun ist ja ein Trainer heutzutage nicht nur ein Trainer. Er hat einen ganzen Stab an seiner Seite, der ihn unterstützt. Ist das aus Ihrer Sicht ein Beleg dafür, wie aufgeblasen das Profifußballgeschäft inzwischen ist?

Wübbenhorst: Ja, ich glaube überall, wo Geld, wo viel Geld ist, da kommen viele Leute; Ob es Berater sind, irgendwelche Agenten, die auch Trainer vertreten, oder eben auch Videoanalysten und Athletiktrainer, Ärzte, Physiotherapeuten. Das ist natürlich ein breites Spektrum, wo viele Geld verdienen wollen. Aber ich glaube auch, dass man mit Manpower, ich habe das ja selber beim Praktikum bei Julian Nagelsmann in Leipzig erlebt, dass, wenn jeder für seinen Bereich zuständig ist und dafür sich auch wirklich verantwortlich fühlt und auch die Zeit hat, sich damit wirklich auseinanderzusetzen, dass das auch schon Qualität ist, dass die Jungs, wenn sie individuelle Trainingsanalysen von den Co-Trainern kriegen können, weil sie dafür halt eben Kapazitäten haben, dann ist doch gerade die Entwicklung bei so einer jungen Mannschaft wie Leipzig sie hat, schnell zu sehen. Desto professioneller du arbeiten kannst, desto mehr Erfolg wirst du auch auf Dauer haben

Corinne Diacre,Trainerin der französischen Frauen-Nationalmannschaft, bei Spiel Frankreich gegen Island im Oktober 2019. Eine Frau steht am Spielfeldrand. (imago images/PanoramiC/Philippe LECOEUR)Corinne Diacre, Trainerin der französischen Frauen-Nationalmannschaft, beim Spiel Frankreich gegen Island im Oktober 2019 in Nîmes. (imago images/PanoramiC/Philippe LECOEUR)
Wheeler: Bis auf die ehemalige Nationalspielerin Sissy Raith und Sie, sowie in Frankreich die aktuelle Nationaltrainerin Corinne Diacre – die hat ja mal längere Zeit einen französischen Männer-Zweitligisten trainiert – sind mir ja keine Frauen bekannt, die weltweit eine Männermannschaft auf der professionellen Ebene trainieren. Warum ist das so, immer noch?

Wübbenhorst: Inka Grings trainiert gerade eine Oberligamannschaft in Westfalen, also Straelen trainiert sie, und ist somit ja auch eine Frau, die jetzt in Deutschland tätig ist. Ich glaube einfach, dass gerade so, wie wir es schon gesagt hatten, diese handelnden Personen, die die Entscheidungen treffen, das sind meist, so kann ich es mir, glaube ich, nur erklären, ältere Männer, die halt vielleicht auch im Fußball sozialisiert wurden.

Jeder weiß, welche Attribute im Fußball zählen. Und das ist nämlich: Man muss stark sein, man muss hart sein, man muss sich durchsetzen können. Und klassischerweise werden solche Attribute eigentlich ja eher den Männern zugesprochen. Obwohl ich auch glaube, dass das ein Trugschluss ist, dass man sich endlich mal davon lösen muss, weil: Ich würde mich als sehr zielstrebig und durchsetzungsstark selber beschreiben. Und ich glaube, dass ich auch sehr taff bin. Im Gegensatz zu vielen anderen Männern vielleicht.

Ich glaube, wenn die Leute sich ändern, die die Entscheidungen treffen, weil ich denke, dass Spieler und auch Fans mittlerweile dazu bereit sind. Ich habe auf jeden Fall sehr positive Erfahrungen gemacht und habe immer noch ein sehr gutes Verhältnis zu meinen damaligen Spielern, die damit gar kein Problem hatten – und dass da ein Umdenken stattfinden muss, dass man nach Qualität einstellt und nicht nach Geschlecht.

Sich mit dem Verein identifizieren können

Wheeler: Machen wir es mal konkret, etwas griffiger zum Abschluss: Wollen Sie lieber, wenn Sie jetzt Profifußballtrainerin sind, eines Tages möglicherweise einen arrivierten Verein wie den FC Bayern trainieren oder so einen Emporkömmling wie beispielsweise den Bundesligaaufsteiger SC Paderborn.

Wübbenhorst: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass so ein Traditionsverein wie Bayern München, der schon so etabliert ist, dass die vielleicht ein bisschen ruhiger bleiben. Aber sie haben ja auch gezeigt, dass sie es mit Niko Kovac vielleicht nicht sind. Von daher…

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Verein, der müsste zu mir passen. Und die Leute müssten hinter mir stehen. Ich müsste mich mit dem, wie dort gelebt wird, auch außerhalb des Platzes, identifizieren können, weil das für mich eine große Rolle spielt, um auch erfolgreich in einem Verein arbeiten zu können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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