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Kompressor | Beitrag vom 27.06.2016

Fußball-EMPublic Viewing mit dem Orgel-Libero

Von Gerd Brendel

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In der Berliner Emmauskirche spielt Stummfilmbegleiter Stephan von Bothmer bei Spielen der Fußball-EM - an der Orgel.  (imago / epd)
In der Berliner Emmauskirche spielt Stummfilmbegleiter Stephan von Bothmer bei Spielen der Fußball-EM - an der Orgel. (imago / epd)

Wer sich über Béla Rethy oder Steffen Simon als Live-Kommentatoren der Fußball-Europameisterschaft ärgert, ist in der Berliner Emmauskirche richtig: Hier spielt Stummfilmbegleiter Stephan von Bothmer an der Orgel bei Spielen der EM.

Ein Geständnis vorne weg: Jede noch so runter geleierte Sonntagspredigt finde ich spannender, noch jeden noch so schütternen Gemeindegesang bewegender, als 22 Männern in kurzen Hosen bei der Jagd nach einem Ball zu zu schauen.  Und wenn mich irgendwas am Massensport Fußball interessiert, dann sind es die Cheerleader. Ach, die gibt’s da gar nicht? Ich hab wirklich keine Ahnung von Fußball. 

Dass ich trotzdem am Samstag in einer Berliner Kirche gebannt das EM-Achtelfinale zwischen Portugal und Kroatien verfolgte, hat nichts mit dem portugiesischen Superstar und Tom Cruise-Lookalike Christiano Ronaldo zu tun und auch nichts mit der patriotisch rot-weiß gefärbten Punkfrisur seines kroatischen Gegenspielers Ivan Perisic.

Nein, dass ich beim Fußballschauen fast die Zeit vergaß, liegt an einem dritten Spieler:

"Ich spiel' Orgel … und zwar bin ich Stephan von Bothmer."

Eigentlich begleitet Stephan von Bothmer Stummfilme. Aber zu Fußballgroßereignissen setzt er sich auch zu Länderspielen auf die Orgelbank.

Fußballer werden zu Stummfilmstars

Wenn Orgel-Libero Bothmer bei abgedrehtem Übertragungston die Register zieht, werden die Männer auf dem Rasen zu Stummfilmstars und Cheerleader überflüssig: Die Sportler tanzen selbst zu seinen Orgelakkorden, mal leichtfüßig tänzelnd, mal wuchtig schreitend, als Formation, als Solisten, als  dramatische Pas De Deux und in den Nahaufnahmen! Wie viel Leidenschaft, wie viel Verzweiflung.

Expressionistisches Affekttheater wie in den goldenen Tagen von Asta Nielsen und Paul Wegener. 

Die ganze Palette menschlicher Gefühle bietet Bothmer und seine beiden Teams auf dem Rasen und eine Reise durch die Musikgeschichte: 20er-Jahre-Schlager beim Disput mit dem Linienrichter, "Das Phantom der Oper" bei einer Aufnahme eines Fußballfunktionärs am Spielrand und - immerhin sind wir in einer Kirche - "Ein feste Burg ist unser Gott" als der Torwart den Ball in letzter Sekunde zu fassen bekommt.

"Ich muss mich da ja auf Metaphysik verlassen, ich weiß ja auch nicht, was gleich passiert, trotzdem muss ich ja irgendwie was vorausahnen, damit ich das überhaupt vertonen kann."

Das Orgel-Orakel

Dass er so musikalisch ein paar Mal schon Tore vorausahnte, hat Bothmer den Ruf eines Orgel-Orakels eingetragen.

"Das ist natürlich etwas übertrieben, aber es ist in der Tat so, dass ich gemerkt habe, wenn es ein bestimmtes Passspiel gibt, das genau zweitaktig ist. Dann fällt meistens ein Tor."

Bis es allerdings beim Länderspiel Kroatien gegen Portugal soweit ist, vergehen 117 Spielminuten und mehrere Dutzend Crescendo versanden ohne Höhepunkt. Aber dann: Schuss, gehalten, Kopfball, Tor: eins zu null. Für wen jetzt  eigentlich?  Na für wen wohl: den Spielmacher des Abends. Den Mann an der Orgel.

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