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Sein und Streit | Beitrag vom 10.06.2018

FußballDie Faszination des Unmöglichen

Wolfram Eilenberger und Jürgen Kaube im Gespräch mit Joachim Scholl

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Fallrückzieher von Christiano Ronaldo beim Champions-League-Finale Juventus Turin gegen Real Madrid am 3. Juni 2017 (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)
Fallrückzieher von Christiano Ronaldo beim Champions-League-Finale Juventus Turin gegen Real Madrid am 3. Juni 2017 (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)

Der fußballspielende Mensch soll etwas tun, wofür er nicht gemacht ist, sagt der Philosoph Wolfram Eilenberger. Vor allem der Fallrückzieher sei in der Natur nicht vorgesehen, meint FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. Ein Gespräch über den Fußball als Spiel des "Unvermögens".

Beim Champions-League-Finale gab es mal wieder so einen magischen Fußball-Moment: Gareth Bayle haute das Leder per Fallrückzieher ins Tor des FC Liverpool. Hier war die Faszination am Fußball in wenigen außergewöhnlichen Sekunden konzentriert. Denn, so der Philosoph und Hobby-Kicker Wolfram Eilenberger, Fußball sei eigentlich gerade ein Spiel des "Unvermögens", das geradezu auf dem Scheitern beruht:

"Im Fußball klappt das meiste nicht: Das Tor ist selten. Und deswegen sind die Gelingensmomente im Fußball, gerade wenn sie mit Bewegungsentwürfen, die unheimlich schwierig sind, verbunden sind, besonders ausgezeichnet."

Gerade diese "Verknappung des entscheidenden Ereignisses" zeichne den Fußball vor anderen Sportarten aus: Wenn dann doch etwas wie ein Fallrückzieher gelingt, sei das umso besonderer. Der fußballspielende Mensch befinde sich in einer paradoxen Situation: Er soll etwas tun, wofür er nicht gemacht ist, mit dem Fuß einen Ball manövrieren – und dann womöglich noch im Fallen. "Niemand hat dieses Spiel im Griff und genau das macht es faszinierend."

Jürgen Kaube, Herausgeber der FAZ und zugleich praktizierender Experte für Fußballkultur, betont in seinem jüngsten Buch: Der Fallrückzieher sei in der Evolution nicht vorgesehen. Der Fußball verlangt Fertigkeiten, die außerhalb des Spiels kaum Verwendung finden. Daraus folgt aber auch, so Kaube, dass es keine "Modellathleten" gibt: Unter Fußballspielern gebe es eine "unglaubliche Variationsbreite", von sehr kleinen zu großen schmalen Spielern, bis hin zu "Typen, die wie aus einem Marvel-Comic entsprungen scheinen".

Ein "Spiel der Menschlichkeit"

Vor diesem Hintergrund sieht Eilenberger im Fußball geradezu ein "Spiel der Menschlichkeit, weil es niemanden ausschließt." Und zugleich ein "Zukunftslabor" des menschlichen Körpers: Besonders die Weltmeisterschaft sei eine Entdeckungsreise, bei der man "andere Bewegungsentwürfe, Spielverständnisse und andere Weisen ein Team aufzustellen" zu Gesicht bekomme – mit möglichen Effekten auch für die Gesellschaft.

Aber am Ende zeichnet sich der Fußball dann doch vor allem durch das Unvorhersehbare, ja geradezu Unmögliche aus, wie Kaube unterstreicht: Etwa wenn in den letzten Spielminuten drei Tore Rückstand aufgeholt werden. Und gerade hierin liegt seine besondere Anziehung: Er führe uns an die Grenzen des Fassbaren und sprenge unsere Vorstellungskraft. "Fußball", so Eilenberger, "ist besonders geeignet, bleibende Lücken in das Netz unserer Erklärungen zu reißen". Das Unerklärliche wird zum gefeierten Ereignis. Und an die Stelle von Erklärungen treten langlebige Legenden, die man noch den Enkeln erzählt. In den Worten Kaubes: "Fußball ist ein Geschichtengenerator erster Klasse."

Jürgen Kaube: "Lob des Fußballs"
C.H. Beck, 2018
126 Seiten, 14,95 Euro

Wolfram Eilenberger: "Lob des Tores: 40 Flanken in Fussballphilosophie"
Berlin Verlag, 2006
208 Seiten, 8,90 Euro

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