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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2012

Furchterregendes Panorama

Kerstin Holm: "Moskaus Macht und Musen", Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 324 Seiten

Nicht nur russische Künstler hoffen, dass das Putin-Zeitalter bald vorbei ist.  (picture alliance / dpa / Sergei Ilnitsky)
Nicht nur russische Künstler hoffen, dass das Putin-Zeitalter bald vorbei ist. (picture alliance / dpa / Sergei Ilnitsky)

Die Journalistin Kerstin Holm beschreibt in "Moskaus Macht und Musen" die bedrohliche Wirklichkeit in Putins Russland. Anhand von vier Protagonisten der Kulturszene zeigt sie, wie Gewalt und Korruption blühen - und wie Künstler auf die Verhältnisse reagieren.

Dass die Freiheit der Kunst dem Kreml wenig gilt, hat das Verfahren gegen die Band "Pussy Riot" gerade erst bewiesen. Die drei Musikerinnen wurden zu zwei Jahren Straflager verurteilt, weil sie im Februar 2012 den Altarraum der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau gestürmt hatten. Ein Urteil, wie es die Kirche gefordert hatte. Dass russische Gerichte nicht unabhängig urteilen, dass Korruption und Gewalt in der zweiten Putin-Präsidentschaft mehr denn je blühen, es aber auch künstlerische Gegenwehr gibt, das alles beweist Kerstin Holm in ihrem neuen, sehr lesenswerten Buch.

Holm, Kulturkorrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Moskau, hat sich vier Künstler und Künstlerinnen ausgesucht, in deren Leben und Werk sich die russische Wirklichkeit sehr unterschiedlich spiegelt: Es sind die Schriftsteller Alina Wituchnowskaja und Wladimir Sorokin, sowie die Komponisten Wladimir Martynow und Wladimir Tarnopolski.

Die Autorin verbindet deren Biografie und Arbeit mit einem Abriss russischer Geschichte von Breschnew bis Putin. Sie erläutert, was die Russen an Putin zunächst so faszinierte: seine – wie sie sagt – Unmenschlichkeit und Effizienz. Kalt hat der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter die Macht organisiert, sich die Medien unterworfen, Gegner auch mit Gewalt ausgeschaltet und den Staat zum verlängerten Arm des Geheimdienstes gemacht.

Vor allem aber ist das Land durchsetzt von Gewalt. Die Mafia bekämpfte der Staat mit Mafiamethoden durch die Geheimpolizei. Staatliche Gewalt ist allgegenwärtig – in Strafanstalten oder bei der Polizei, wie die Dichtern Alina Wituchnowskaja am eigenen Leib erfuhr. Holm berichtet genau und sachlich, fast schon unterkühlt, Schreckliches: Von Gewaltexzessen unter Kindergartenkindern und in der Armee, und auch davon, wie selbstverständlich das Recht des Stärkeren ausgeübt wird. So schlägt der Besitzer einer Luxuslimousine den Fahrer eines alten Moskwitsch, der ihm die Ausfahrt versperrte, einfach zusammen. Affektlos, als wäre es das Normalste von der Welt.

Alltagsbrutalität, die sich beispielsweise in den oft sadistischen Horrorvisionen Wladimir Sorokins widerspiegelt oder auch im Welt- und Menschenekel von Alina Wituchnowskaja, der die Lyrikerin in gefährliche Nähe zu totalitären, neofaschistischen Ansichten bringt.

Der Komponist Waldimir Martynow beklagt vor allem den Verlust an Gottesglauben – die sakrale Energie der Gesellschaft sei aufgezehrt und daher könne man keine bedeutenden Kunstwerke mehr schaffen. Seine Konsequenz: Er verabschiedete sich von der Komposition und schafft nun bewusst handwerklich simple Ritualmusik.

Anders Wladimir Tarnopolski, der wohl bekannteste russische Gegenwartskomponist. Er schreibt vielschichtige Kompositionen, oft zerrissene Klangkunstwerke, die aber auch sinnlichen Genuss bieten.

So bietet Holm ein fesselndes, furchterregendes Panorama russischer Wirklichkeit – des Alltags und der Kunst. Die reagiert unterschiedlich: zornig, trotzig, durch Innerlichkeit und Verweigerung. Und manchmal auch optimistisch: dass das Putin-Zeitalter bald vorbei ist.

Besprochen von Günther Wessel

Kerstin Holm: Moskaus Macht und Musen. Hinter russischen Fassaden
Die Andere Bibliothek, Berlin 2012
324 Seiten, 32 Euro

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