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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.09.2010

Fundamentale Komödie über einen Fundamentalisten

Für die Berliner "Schaubühne” stellt Ivo van Hove Moliéres "Menschenfeind” auf sehr heutige Füße

Rezensiert von Michael Laages

Judith Rosmair, Lars Eidinger (Jan Versweyveld)
Judith Rosmair, Lars Eidinger (Jan Versweyveld)

An der Zeitgenossenschaft speziell dieses Stückes besteht ja kein Zweifel – Alceste wird zu jeder Zeit und überall verstanden, solange die wirklich beste aller Welten mit den besten aller Menschen drin noch nicht gezimmert ist. Moliéres Titelstifter ist ein Fundamentalist der Wahrheit und Aufrichtigkeit; mit allem, was er in Anschlag bringt gegen diesen Zustand von Dingen und Menschen, hat er prinzipiell recht.

Alceste ist im Prinzip ein entfernter Verwandter von - sagen wir mal - Ulrike Meinhof; allerdings hat er für die berühmte Schwarz-Weiß-Frage (ob jemand Teil des Problems sein will oder Teil der Lösung) eine dritte Antwort: aussteigen, weggehen, sich von nichts und niemand mehr behelligen lassen.

Schön wär's. Nur schafft Alceste gerade das ja nicht; auch nicht am Schluss. Und weil er im Bemühen, Recht zu haben, zum einen so maßlos übertreibt und andererseits so sklavisch hingegeben festhält an der geliebten Célimène, die nun tatsächlich das komplette Gegenteil seiner Haltung vertritt, allen gut und niemand wehe tut und das Leben genießt überall dort, wo es am glücklichen Ende zu packen ist, wird das Stück zur fundamentalen Komödie: zur Komödie des Fundamentalisten.

Ivo van Hove, einer der auch in Deutschlands Theatern schon wohlbekannten Regisseure aus niederländischer Nachbarschaft, hat bei der ersten Arbeit in Berlin diesen "Menschenfeind” mit sehr viel zeitgenössischen Details ausstaffiert – halbwegs noch junge Leute von heute agieren da mit der Moliére-Übersetzung von Hans Weigel (die, schon spürbar angestrengt, Moliéres Reim-Schemata beibehält); ihre Party besteht aus Prosecco, Negerküssen und Erdnussflips, und in sie herein stürzt als wütender Störer der Unterhaltungsfeind Alceste: übergießt sich mit Schoko- und Erdbeer-Soße, steckt sich Partywürstchen hinten rein, stülpt sich erst die Torte und dann eine halbe Melone über den Kopf. Lars Eidinger sudelt und zetert zum Gotterbarmen – als verzweifelt komische Figur.

Judith Rosmairs Célimène ist demgegenüber zunächst mal und vor allem (auch dank des wirklich sehr schmucken Knapp-und-knallrot-Kostüms von An d'Huys) ein veritabler Leckerbissen; und Alceste liebt wohl auch vor allem diesen verführerisch-schönen Körper, weniger den Geist, der darin lebt und immerhin ziemlich kämpferisch und offensiv die Libertinage propagiert, das Lust- und das Genuss-Prinzip, das freiere Leben im Kompromiss mit der Welt, wie sie ist. Im Dreiecksstreit mit Corinna Kirchhoff (furios als verlogene Matrone Arsinoé im schlichten Wilmersdorfer Galeristinnenlook!) entwickeln sich für das ungleiche Paar die schärfsten Herausforderungen; da sind Stück und Inszenierung ganz auf der Höhe der Zeit. Und gerade in diesen funkelnden Momenten wäre der Aufführung eine stärkere Moliére-Übersetzung zu wünschen; etwa die reimfreie von B.K. Tragelehn.

Zwei Videokameras rahmen Jan Versweyfeld sparsam moderne Bühne, hinter deren Rolltür im Hintergrund die Garderoben der Schauspieler vor dem Auftritt zu ahnen sind. Auch hier ist die Kamera; und immerzu zeigt uns der große Projektionsbildschirm an der Rückwand, dass es immer zwei, mindestens zwei Abbilder der Wirklichkeit gibt. Die macht sich besonders drastisch breit, als Célimène nach der Würgeattacke des schon ziemlich durchgedrehten Alceste ins Freie flüchtet, auf die Straße neben dem Theater, und schon ein Taxi ruft für die Flucht ... während Alceste Tüten mit Müll aus Containern zerrt, um damit drinnen die Bühne zu "verschönern”, nach seinem Geschmack. Darin wälzen sich dann die beiden Liebenden ein bisschen arg dekorativ – und natürlich ist van Hoves Inszenierung auch vollgepackt mit Äußerlichkeiten - etwa iPods neuerer Bauart, wo in früheren Zeiten noch Briefe verlesen wurden.

Aber die Aufführung verspielt sich nicht. Und in ihrer Modernität bildet sie einen produktiven Kontrast zum "Menschenfeind”, wie ihn Andreas Kriegenburg zur Zeit in Berlin am Deutschen Theater zeigt.


"Der Menschenfeind” von Moliére
Regie: Ivo van Hove
Schaubühne Berlin

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Alceste, der Berserker

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