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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2013

Für Völkerverständigung bestraft

Morddrohungen gegen aserbaidschanischen Schriftsteller Akram Aylisli

Von Gesine Dornblüth

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Aserbaidschan und Armenien sind zutiefst verfeindete Nachbarn. Umso ungewöhnlicher war es, dass der aserbaidschanische Schriftsteller Akram Aylisli nun eine Novelle veröffentlichte, in der es um Gewalttaten der eigenen Seite, der Aserbaidschaner, an Armeniern geht. Dafür wird Aylisli mit dem Tode bedroht.

"Steinträume" heißt die Novelle von Akram Aylisli, und der Autor schildert darin unter anderem eine Szene während der Pogrome gegen Armenier in Aserbaidschan 1990. Der Held der Novelle, ein aserbaidschanischer Schauspieler, sieht mit an, wie seine Landsleute einen Armenier in ein Becken mit eiskaltem Wasser werfen und ihn zu Tode treten. Als der Schauspieler dem alten Armenier helfen will, wird er selbst krankenhausreif geschlagen. Insgesamt schildert Aylisli die Armenier und ihre Kultur in der Novelle positiv. Das gab es in den letzten Jahren in der aserbaidschanischen Literatur nicht, und auch für Aylisli war das Thema neu.

"Jedes Thema reift in mir wie ein Getreidekorn, das auf die Erde fällt. Es wächst sehr langsam. Das ist ein langer Prozess. Ich habe lange über dieses Thema nachgedacht. Und wann es schließlich reif war, hing nicht von mir ab."

Aylisli, 76 Jahre alt, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Aserbaidschans, er hat viele Preise bekommen. Doch seit dem Erscheinen der Novelle "Steinträume" gilt er in seiner Heimat als Verräter. Der Hass auf die Armenier ist in Aserbaidschan groß. Ein führender Politiker rief dazu auf, ihm das Ohr Aylislis zu bringen. Dem Schriftsteller wurde die Ehrenrente gestrichen, seine Bücher wurden aus Buchhandlungen entfernt und öffentlich verbrannt, er erhält Morddrohungen, Abgeordnete des Parlaments schlugen vor, Aylisli des Landes zu verweisen. Der Autor selbst trägt es gefasst.

"Ich glaube an Gott. Und ich denke, der Tod fragt nicht, wann er kommt. Ich habe keine Angst vor meinem Tod. Aber meine Familie wird auch unter Druck gesetzt. Das ist für mich das schlimmste."

Nur die wenigsten Aserbaidschaner dürften Aylislis Novelle überhaupt gelesen haben. In Aserbaidschan fand sich kein Verleger. Die Novelle erschien in russischer Übersetzung in einer traditionsreichen russischen Literaturzeitschrift, in der Aylisli auch früher schon veröffentlicht hatte. Der Titel der Zeitschrift passenderweise: Druschba Narodov, Völkerfreundschaft. Chefredakteur Aleksandr Ebanoidze:


"Die Novelle ist literarisch wertvoll und interessant verfasst. Uns schien, dass so ein Blick eines aserbaidschanischen Schriftstellers die Tür für eine Wiederaufnahme des Dialogs mit der armenischen Seite öffnet. Das Buch ist hochmoralisch. Es geht darum, Schmerz und Erinnerung zu überwinden, Reue zu empfinden, und darüber neue Wege zu finden, um ein Gespräch mit der anderen Seite wieder aufzunehmen."

Akram Aylisli erläutert:

"Mir ging es um Humanität. Ich wollte der Welt zeigen, dass es ein Volk gibt, das sich zu seinen Fehlern bekennt, das seine Schuld anerkennt. Und ich wollte die andere Seite aufrufen, gleichfalls ihre Fehler einzugestehen. Damit alle wieder friedlich zusammen leben, wie früher. Damit wir weiterleben können."

Die aserbaidschanische Behörden und Politiker haben offenbar ein anderes Verständnis von Humanität. Sie forderten Aylisli auf, sein Werk zu widerrufen. Und ein Spitzenbeamter der Präsidialverwaltung Aserbaidschans sagte Medienberichten zufolge über Aylisli, wer keinen Sinn für die Nation habe, der könne auch nichts von Humanität verstehen. Mittlerweile haben sich das US-State Department und die OSZE eingeschaltet, um Aylisli zu schützen. Der Redakteur der Zeitschrift "Völkerfreundschaft", Aleksandr Ebanoidze, will Unterschriften russischer Schriftsteller für Aylisli organisieren. Er selbst zweifelt inzwischen, ob es richtig war, die Erzählung zu drucken.

"Mir scheint mittlerweile, wir haben diesen Schritt vielleicht zu früh getan. Die Wunden müssen offenbar zuerst mal vernarben. Sie aufzureißen, ist menschlich wohl zu schmerzhaft und zudem politisch gefährlich."

Akram Aylisli lässt das nicht gelten.

"Gerade im Orient wurde bisher wohl jeder Schriftsteller für verfrühte Werke bestraft. Wir haben da sehr berühmte Beispiele. Der Begründer der modernen aserbaidschanischen Literatur, Mirza Fatali Akhundov, ein Zeitgenosse Puschkins, wurde Zeit seines Lebens bedroht. Später wurde er dann zum Gewissen der Nation."

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