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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.11.2012

Für immer im Wasser

Leanne Shapton: "Bahnen ziehen", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 328 Seiten

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Schwimmbecken (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Schwimmbecken (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Leanne Shapton war Schwimmerin, Leistungssportlerin in Kanada. Sie wuchs auf in Hallenbädern und erzählt vom Leben im und um das Wasser. In "Bahnen ziehen" schreibt sie über die Last und die Befreiung durch frühe Prägung.

Es gibt Schwimmer, "die gut sind, weil sie den Sport lieben, und andere, die gut sind, weil sie Talent haben". Leanne Shapton, die in Deutschland bekannt wurde mit dem ungewöhnlichen Liebeserinnerungsbuch "Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck" hatte wohl viel Talent, aber nicht die unbedingte Leidenschaft für ihren Sport.

Als Kind beginnt sie mit dem Schwimmen, wird morgens in unsäglicher Frühe von ihrer Mutter zum Training gefahren, verbringt die meiste Zeit ihres Jugendlichen-Lebens im Wasser, übersteht die Zucker-Heißhungerattacken und folgt vorbehaltlos ihren Trainern. Sie lernt die Schwimmbäder vieler Orte kennen und teilt mit den Teamkolleginnen stickige Hotelzimmer, sie gewinnt Medaillen und tritt zweimal - 1988 und 1992 - bei den kanadischen Olympia-Qualifikationsmeisterschaften an.

In diesem assoziations- und bilderreichen, den Leser verzaubernden Schwimmbuch beschreibt die kanadische Autorin und Illustratorin das harte Training und das Verhältnis der Sportler untereinander, sie schaut regelrecht hinein in die Köpfe und Körper der jungen Mädchen, die auf dem Startblock stehen. Sie spürt vor allem aber der eigenen Biografie als Schwimmerin nach, einer biografischen Prägung, die nicht zu Ende ist mit der Entscheidung der 18-Jährigen gegen den Leistungssport.

Die Wahl der Freunde etwa wird lange bestimmt durch das selbstverständliche Abhängigkeitsverhältnis von den Trainern, ihre Sammelleidenschaft erstreckt sich nicht zuletzt auf Badeanzüge (die hier mit genauen Kauf- und Modellangaben abgedruckt sind), in jedem Ort, den sie bereist, besucht sie die Badeanstalten - und hält die Erinnerungen daran in abstrakten Bildern fest (In Berlin ist es zum Beispiel ein Jugendstilschwimmbad, in der Schweiz die Therme in Vals, in Hollywood und auf Jamaica sind es Hotelpools).

Ehrgeiz und Lebenspläne, die Liebeswahl: Alles in diesem Leben scheint von ihrer Erfahrung als Schwimmerin geprägt, denn "Schwimmen ist das Einzige, was ich richtig gelernt habe." Wenn sie eine Ausstellung über den Untergang der Titanic besucht, dann schaut sie mit den Augen der Schwimmerin auf die Schreckenslage.

Allerdings ist das Meer sowieso eine unheimliche Angelegenheit für richtige Schwimmer. Die brauchen einen klaren Untergrund und gerade Bahnen. Leanne Shapton hat Angst vor dem Meer und vor Haien. Mühelos stellt sie eine Verbindung zwischen den Ess-Szenen in Filmen von Steven Spielberg und konventionellen Illustrationen her, und sie widmet den Haien ein ganzes Kapitel. Schwimmer müssen das Baden im Meer erst lernen. Auch das ist eine Station der Emanzipation.

Aus den Erinnerungen und Bildern, die die Autorin wachruft (sie erzählt auch von ihrer Begegnung mit Lucien Freud oder von den Autos ihres Vaters), entsteht eine ganze Lebensgeschichte - und geschärft wird der Blick auf die Realität einer sportlichen Disziplin, die sich gar nicht so sehr von der einer Künstlerin unterscheidet. Inzwischen ist Leanne Shapton offenbar glücklich verheiratet mit einem Mann, der sie nie antreibt. Die Trainerphase scheint damit für immer überwunden. Daraus können auch Nicht-Schwimmerinnen lernen.

Besprochen von Manuela Reichart

Leanne Shapton: Bahnen ziehen
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
328 Seiten, 18 Euro

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