Für ein Wort getötet

Von Mirko Schwanitz · 07.08.2011
Nach dem Ende des Krieges und der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja hat sich ein Mantel des Schweigens über Tschetschenien ausgebreitet. Niemand möchte sein Leben riskieren. Auch viele Künstler nicht. Aber kann die Kunst in so einer Atmosphäre überhaupt überleben?
1999. Russische Einheiten dringen in ein Bergtal nahe der tschetschenischen Stadt Urus-Martan ein. Sie erobern Dorf für Dorf. Auch Goitschu, einen kleinen Weiler, aus dem der Dichter Aptil Bisultanov stammt. Zu jener Zeit war er Vize-Premier in Tschetschenien. Er flieht in die Berge und schreibt dort ein Gedicht.

"O dieser nackte Baum / als sähe ich mich selbst / das runde Nest im Geäst / Mein Herz / in Rippengestrüpp..."

"An mein tschetschenisches Heimatdorf Goitschu habe ich vor allem eine Erinnerung. Da ist dieser wilde Quittenbaum am Rande eines Abgrunds. Immer wenn ich mich inspirieren lassen wollte, verließ ich das Dorf und kletterte in diesen Quittenbaum."

Als Aptil Bisultanov vor Kurzem seinen Bruder bat, ein Foto von dem Baum zu machen, zeigte das Bild, was von Goitschu übrigblieb – ein Ruinenfeld, an dessen Rand sich über einem Baumstumpf ein russischer Kontrollposten erhebt.

"Für mich hat dieses Bild schon symbolische Bedeutung, wenn ich über Tschetschenien und seine Künstler nachdenke. Man kann sie vielleicht in zwei Gruppen einteilen. In jene, die die Freiheit gewählt haben. Und in jene, die die Unfreiheit gewählt haben. Die, die die Unfreiheit gewählt haben, haben heute einen gewissen Wohlstand erreicht. Für die Künstler, die die Freiheit wählten, bedeutete dies vor allem Vertreibung."

Bis heute verweigern Russland und der von Moskau in Tschetschenien eingesetzte Despot Ramsan Kadyrow dem Dichter Bisultanov die Rückkehr in seine Heimat. Wie er leben viele tschetschenische Schriftsteller im Exil, argwöhnisch beäugt auch von den Ländern, die ihnen Asyl gewährten. Das Klischee vom tschetschenischen Terroristen wirkt bis tief hinein in die europäischen Gesellschaften. Kultur und Tschetschenien, das geht für viele offenbar nicht zusammen. Und doch gab es eine solche Kultur.

"Für mich waren die Ilondschas sehr wichtig. Diese über die Dörfer reisenden Geschichtenerzähler waren ein wichtiger Teil unserer Kultur. Sie haben mich zum Dichter gemacht. Aber erst in der sowjetischen Zeit wurden diese Geschichten aufgeschrieben. So entstand eine tschetschenische Nationalliteratur. Bis dahin waren wir ein Volk ohne jede schriftliche Überlieferung."

Trotz der Verehrung jener alten Ilondschas blieben Dichter und Schriftsteller den Tschetschenen lange Zeit fremd.

"Weil diese schriftliche Literatur im Zusammenhang mit der sowjetischen Macht aufkam. Sie wurde als Teil einer Besatzungsmacht wahrgenommen, dazu bestimmt, ihr zu dienen. Meine Generation ist die erste, die diese Literatur dem eigenen Volk zuschrieb und für den Protest gegen die Unterdrückung nutzte, gegen die damals herrschende Macht."

1991 erregte Bisultanov den Unmut Moskaus, als er in seinem Buch "Tsekan Indare", "Schatten des Blitzes" die stalinschen Deportationen beschrieb, bei denen 1944 ein Drittel des tschetschenischen Volkes ums Leben kam. Es waren solche Bücher, die den Freiheitswillen der Tschetschenen Anfang der neunziger Jahre neu erwachen ließen. Auch deshalb steckte die russische Armee gleich zu Beginn des Krieges die Nationalbibliothek in Brand und ließ die Geschichten des tschetschenischen Volkes in Aschefetzen durch die Straßen der zerbombten Hauptstadt Grosny segeln.

"Was die Dichter heute für das Regime so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass sie erst durch die Verfolgung zu einer moralischen Instanz wurden, zu wirklich wichtigen Figuren für das ganze Volk."

Obwohl es in Tschetschenien heute keine einzige Schule mehr gibt, in der Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, die tschetschenische Sprache inzwischen vom Aussterben bedroht ist, geschieht derzeit etwas, womit weder die Machthaber noch Bisultanov selbst rechnen konnten.

"Die tschetschenische Literatur entwickelt sich in bisher nicht gekannter Geschwindigkeit. Nicht nur im Ausland. Auch in Tschetschenien selbst. Es wird ungeheuer viel geschrieben, und beide Literaturen, also die der Emigranten und die aus Tschetschenien selbst, entwickeln sich dank des Internets nicht getrennt, sondern als Einheit."

So sehr sich Bisultanov darüber freut, so sehr schmerzt es ihn, dass sich die tschetschenische Literatur fast ausschließlich der russischen Sprache bedient. Wer in seiner Muttersprache schreibt, habe kaum eine Chance wahrgenommen zu werden. Und diejenigen, die es wagen, sich mit ihrem Wort gegen die Macht aufzulehnen, müssen mit dem Schlimmsten rechnen.

"Viele talentierte und interessante Autoren sind in einer sehr schwierigen Situation. Um zu überleben, müssen sie sich anpassen. Sie leben ein komplett anderes Leben, als jenes, über das sie gerne schreiben möchten. Sich dem Regime zu ergeben und gleichzeitig eine unabhängige Literatur schaffen zu wollen – das geht aber nicht. Das ist der Widerspruch, das ist die Tragödie, an der viele von ihnen zugrunde gehen. Sie wissen, dass man heute in Tschetschenien für ein Wort getötet werden kann. Und das ist eine furchtbare Situation."
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