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Religionen | Beitrag vom 22.09.2019

Fünf Jahre Völkermord an den Jesiden"Da wirst du plötzlich religiös!"

Düzen Tekkal im Gespräch mit Christopher Ricke

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Düzen Tekkal, Journalistin und Dokumentarfilmerin, zu Gast bei Anne Will  im Ersten Deutschen Fernsehen 2017.  (imago images / Jürgen Heinrich)
"Auf brachiale Art und Weise mit den eigenen Wurzeln konfrontiert": Die Publizistin Düzen Tekkal kämpft für die Rechte jesidischer Frauen und Mädchen. (imago images / Jürgen Heinrich)

Die Religionsgemeinschaft der Jesiden lebt endogam, geheiratet wird nur innerhalb der Religion. Die Publizistin Düzen Tekkal spricht über alte Regeln, die Emanzipation der Frau und den Mord an ihrem Volk, der vor fünf Jahren begann.

Christopher Ricke: Die Mitgliedschaft bei der Religionsgemeinschaft der Jesiden ist klar gereegelt. Jeside oder Jesidin ist man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen Jesiden sein. Vor fünf Jahren begann der Völkermord an den Jesiden durch die Terrororganisation Islamischer Staat. Viele von ihnen fanden Zuflucht bei ihren Verwandten, die oder deren Eltern schon vor Jahren nach Deutschland ausgewandert waren. Zur deutsch-jesidischen Community gehört die Autorin und Journalistin Düzen Tekkal. Sie steht hinter dem Hilfswerk Hawar.help. Frau Tekkal, wie geschlossen ist diese Gruppe heute, wie sehr war sie es vor dem Völkermord?

Tekkal: Diese Frage habe ich mir eigentlich nicht so oft gestellt, denn ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen mit kurdisch-jesidischen Wurzeln. Ich wollte im Grunde genommen dasselbe wie alle anderen Kinder, habe dann aber gemerkt, dass ich teilweise an Grenzen gestoßen bin. Was mir natürlich aufgefallen ist: dass wir eine geschlossene Gemeinschaft sind, dass wir auch diese Endogamieregel haben.

Heiraten nur in der Gemeinschaft

Ricke: Endogamie heißt: heiraten innerhalb der Gemeinschaft.

Tekkal: Ganz genau, innerhalb der Gemeinschaft. Sichtbar wurde das mit dem Völkermord 2014 im Irak durch den IS. Dort hat sich das ereignet, warum diese Heiratsregel seinerzeit mal entstanden ist. Das heißt, wir Jesiden werden verfolgt, seitdem es uns gibt, und diese Heiratsregel wurde als Schutzmechanismus ins Leben gerufen, damit das Jesidentum erhalten bleibt. Die Bilder, die 2014 um die Welt gingen, die Bilder, mit denen die Jesiden eigentlich auch zu trauriger Berühmtheit gekommen sind, waren Bilder von Versklavung, von Vergewaltigung von jesidischen Frauen. Das ist das Schicksal dieser Religionsgemeinschaft, die verfolgt wurde, seitdem es sie gibt.

Und dass diese strenge Endogamieregel dann in der Diaspora natürlich auf heftige Widerstände stößt, das habe ich ja auch an meiner eigenen Person gemerkt bei meiner Emanzipation. Insofern ist das natürlich ein ganz breites Feld. "Geschlossene Gruppe" greift zu kurz. Das fasst aus meiner Sicht nicht das Jesidentum zusammen. Es ist ähnlich wie auch bei den Juden früher, dass nur die Juden sein konnten, deren Mutter und deren Vater Juden waren. Dann hat sich das im Laufe der Jahrhunderte gelockert, und spannenderweise über die jüdische Diaspora auch aus den USA.

Ich denke, dass auch die Jesiden angesichts des Völkermords und der Frage, wie es weitergeht mit dem Jesidentum – denn wir sind mittlerweile nur noch eine Million –, dass wir auch die Heiratsregel in Frage stellen müssen. Die ist alles andere als zeitgemäß.

Chronistin eines Völkermordes

Ricke: Vor fünf Jahren, als dieser Völkermord des IS an den Jesiden begann, waren Sie als Journalistin in der Region. Ihr Film "Hawar – meine Reise in den Genozid" dürfte damals die politische Debatte in Deutschland sehr beeinflusst haben. Die Bilder sind sehr stark. Wer sie sieht, erinnert sich, sie waren in den Nachrichten, sie haben uns wirklich allen Angst und Schrecken eingejagt. Wirkt dieser Film noch bis heute fort?

Tekkal: Dieser Film ist das Herzstück, und das meine ich nicht makaber, denn es geht um Völkermord. Es ist trotzdem das Herzstück unserer Vereinsarbeit, denn die Gründung unserer Menschenrechtsorganisation basiert auf der Asche eines Völkermords. Es ging um die Tatsache, dass ich zur unfreiwilligen Chronistin eines Völkermords wurde, dass ich diese Bilder mit der Weltgemeinschaft teilen wollte. Das war auch für mich ein Ansatz, der damals schwerer gewogen hat als die Angst, in diese Region zu gehen.

Junge Jesidinnen protestieren in Berlin gegen den Völkermord des Islamischen Staates an ihrer Glaubensgemeinschaft im Irak. (imago / Christian Mang)Demonstration in Berlin zum zweiten Jahrestages des Völkermords an den Jesiden im Jahr 2016. (imago / Christian Mang)

Dieser Film wirkt bis heute nach. Er wurde im Bundestag gezeigt, im Europäischen Parlament, bei den Vereinten Nationen. Er hat uns die Möglichkeit gegeben, auf Missstände hinzuweisen, und er hat auch erstmals damals die Frauen aus IS-Gefangenschaft zu Wort kommen lassen. Damit wurde natürlich ein Tabu gebrochen, aber es wurde auch eine Möglichkeit geschaffen, denn wir sind fest davon überzeugt, dass ein Unrecht, das verschwiegen wird, nur noch größer wird. Insofern ist dieser Film im positiven Sinne sozusagen eine Waffe, die wir sinnstiftend einsetzen.

Jetzt bin ich aber gerade fertig geworden mit meinem zweiten Dokumentarfilm, in dem es darum geht, dass wir eine IS-Überlebende zurückbegleiten in die IS-Hölle und ihren Weg beobachten – von einem Opfer zu einer Überlebenden zu einer Akteurin. Und diese Katharsis mitzuverfolgen, ist wirklich sehr, sehr spannend.

Die Muslime als Verfolger und Beschützer

Ricke: Aber ist das nicht unfassbar schwer? Die Jesiden sind damals im Stich gelassen worden. Die muslimischen Nachbarn haben weggeschaut, viele haben mit dem IS sogar kollaboriert, die irakisch-kurdischen Peschmerga haben die Jesiden erst mal nicht verteidigt. Hilfe kam dann durch nordsyrische, kurdische Milizen. Sie waren damals im Kriegsgebiet – wenn man da jetzt zurückgeht, lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen.

Tekkal: Nein, auf gar keinen Fall lässt sich die Zeit zurückdrehen, und all das, was Sie sagen, stimmt auch. Das wirklich Schlimme ist, dass sich nach fünf Jahren eigentlich wenig geändert hat. Und wenn Sie jetzt fragen zu dem Verhältnis zum Islam, dann finde ich es trotzdem ganz wichtig, auch zu sagen: Wir haben die Muslime als Verfolger erlebt, aber auch als Beschützer – es gibt immer zwei Seiten. Und es ist sozusagen einseitig, wenn wir sagen: Das sind die Täter, das sind die Opfer. Ich habe immer wieder festgestellt, auch bei meinen Einsätzen in den Kriegsregionen, dass das eben nicht schwarz oder weiß ist, und dass es immer korrumpierbare Menschen gab, auf allen Seiten.

Nichtsdestotrotz ist es so, dass das, was den Jesiden in Shingal passiert ist, an Grausamkeit eigentlich kaum zu überbieten ist. Da wurde wirklich ein Exempel statuiert im 21. Jahrhundert. Ein fortwährender Völkermord. Die Welt guckt dabei zu, und es ist ja immer noch keine Gerechtigkeit da. Menschen, die niemandem was getan hatten, Menschen, die einfach nur leben wollten, Menschen, die umgebracht worden sind, weil sie eine andere Religion hatten. Und das ist natürlich etwas, was wir auch im Sinne der Menschlichkeit und Zivilisation verurteilen müssen und verhindern müssen. Das war für mich eines der wichtigsten Motive, dort hinzufahren.

Unterdrückung und Anpassung

Ricke: Sie sind heute ins Studio gekommen, damit wir über religiöse Gruppen, über relativ geschlossene religiöse Gruppen sprechen. Was hat denn dieser Völkermord mit den Jesiden gemacht? Ist man noch enger zusammengerückt, noch fester zusammengestanden, oder hat man gesagt, wir müssen uns weiter öffnen, damit man uns als Gruppe nicht so identifizieren und verfolgen kann?

Tekkal: Eigentlich ist beides passiert. Man kann nicht sagen, dass die Jesiden eine geschlossene Gruppe sind, da würde ich wirklich widersprechen. Es ist sozusagen immer ambivalent. Es kommt drauf an, wie Sie geschlossen definieren. Die Endogamieregel ist ein Aspekt, der herausfordernd ist. Trotzdem haben die Jesiden einen Transformationsprozess durchlaufen, der beispiellos ist. Wenn ich an das Leben meiner Großmutter denke, die noch in den Bergen gelebt hat, weder lesen noch schreiben konnte, oder das meiner Mutter, und heute sehe, was ich für Möglichkeiten bekommen habe durch die Partizipation an Bildung, dann hat das nichts mit Geschlossenheit zu tun, sondern mit Offenheit.

Zwei jesidische Frauen im Flüchtlings-Zeltlager in der Kurdenregion Dohuk im Nordirak. Die Frauen waren zuvor vor dem IS geflüchtet. (picture alliance / Antonio Pampliega)Zwei Jesidinnen in einem Flüchtlingszeltlager im Nordirak. Sie waren 2014 vor dem Islamischen Staat aus dem Sindschar-Gebirge geflüchtet. (picture alliance / Antonio Pampliega)

Das heißt, wir Jesiden haben eigentlich durch die Unterdrückung gelernt, dass wir uns anpassen müssen und dass wir uns öffnen müssen. Das ist sozusagen ein Wert gewesen, auch in meiner Familie, mit dem ich erzogen worden bin, dass wir uns integriert haben mit einer Selbstverständlichkeit, ohne das Wort zu kennen, dass wir zu Hause waren in Deutschland, dass wir stolze deutsche Jesiden sind, mit allem, was dazugehört. Und dass ich eigentlich nie das Gefühl hatte, ich muss mich entscheiden zwischen dem eigenen und dem anderen.

Religiöse Zwänge stehen in Frage

Und trotzdem will ich es jetzt nicht schöner reden, als es ist. Denn natürlich gibt es die Komponente, dass es auch bei uns viele junge Mädchen gab, die natürlich, als Eltern dann eben vorgeschlagen haben, wen sie heiraten sollen, zu Recht vehement widersprochen haben. Das heißt, da findet eine immense Diskussion statt.

Wenn Sie jetzt nach dem Völkermord fragen, dann finde ich das eigentlich ganz spannend, was gerade passiert. Weil der Völkermord grausam ist und auf der anderen Seite eine Riesenchance – ohne dass es makaber klingen soll –, weil es uns als Religionsgemeinschaft dazu gezwungen hat, uns noch mehr zu öffnen und zu verstehen und zu realisieren, dass das Schweigen über die Unterdrückung uns nicht weiterbringt.

Wenn wir sagen, diese Religion ist vom Aussterben bedroht, dann hat das zum einen mit der Unterdrückung zu tun und mit der Zwangskonvertierung, die immer stattgefunden hat. Aber auch mit der Assimilierung auf der anderen Seite. Wenn wir es mal konkretisieren, reden wir von einer Million weltweit, davon lebt die Hälfte in der Diaspora und die andere ist auf der Flucht. Was heißt das für eine Religion? Und wenn es da keinen Zusammenhalt geben würde, wenn es da keine kollektivistischen Ansätze geben würde, dann wären die Jesiden schon längst nicht mehr da. Gerade die Frauen, die jesidischen Frauen sind zu "Agents of Change" geworden, zu Akteuren in Kriegsregionen.

Roter und weißer Völkermord

Es ist ganz klar, dass die jesidische Frage an der Frauenfrage verhandelt wird, und unser Thema die Emanzipation ist. Es ist natürlich die Spiritualität, die Religiosität und das Leben und Lebenlassen, aber es ist auch die Individualität. Und die wird gerade vehement diskutiert, oder, um es mit Jan Kizilhan vom Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung in Baden-Württemberg zu sagen: Es gibt den roten Völkermord, das ist die blutige Auseinandersetzung, wie wir es beim IS erlebt haben, es gibt den weißen, das war die Resettlement-Politik in anderen Regionen, wo die Jesiden gelebt haben, und es gibt den eigenen, wenn wir nicht in der Lage sind, auch die Fragen zu stellen, die weh tun, und über die ein oder andere Regel so diskutieren, dass auch ein Weiter-so möglich ist.

Das ist für mich ganz wichtig, weil ich ja auch bekannt bin als jemand, der den Finger in die Wunde legt, gerade auch bei religiös-extremistischen Entwicklungen. Aber da bin ich auch nicht blind in meiner eigenen Gemeinschaft, im Gegenteil. Ich habe viele Filme gemacht, die mir nicht nur Freude bereitet haben, da habe ich mir auch viel anhören müssen, Stichwort "Nestbeschmutzerin". Aber ich finde es eben ganz wichtig, dass die Menschen selber entscheiden können, was sie wollen, egal wo sie herkommen.

Ricke: Machen wir es doch mal konkret an Ihrer Person und an religiösen Verpflichtungen, die es gibt: Also die Jesiden sind auch verpflichtet, eine Pilgerfahrt nach Lalisch im Nordirak zu unternehmen. Haben Sie das getan, werden Sie das tun oder sagen Sie, das ist Unsinn, das macht man heute nicht mehr?

Tekkal: Ich hab das getan, aber nicht, weil mich jemand dazu gezwungen hat und das von mir erwartet wird, das können wir mal wegdenken. Es ist nicht so dogmatisch, wie getan wird von außen, das hab ich so nicht erlebt.

Religion und brachiale Gewalt

Ricke: Ich bin auch Angehöriger einer Religion, auch wir haben Regeln, auch ich versuche, mich daran zu halten, das gelingt nicht immer …

Tekkal: Überaus unterschiedlich.

Ricke: … aber man kann ja mal fragen: Wie wichtig ist Ihnen das?

Tekkal: Ich muss ganz ehrlich sagen, mir war das früher überhaupt nicht wichtig, da war ich eigentlich eher damit beschäftigt, anzukommen und genauso zu sein wie alle anderen und meine Chancen wahrzunehmen: Individualität, Freiheit, Selbstverwirklichung. Dann wurde ich durch den Völkermord auf brachiale Art und Weise mit meinen eigenen Wurzeln konfrontiert. In dem Moment, wo deine Religionsgemeinschaft mit Waffengewalt verteidigt werden muss und wo Menschen umgebracht werden, die aussehen wie deine Eltern, die dieselbe Sozialisation haben, da wirst du plötzlich religiös.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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