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Studio 9 | Beitrag vom 14.12.2015

Front National an der Sciences PoRechtsextreme rekrutieren von Elite-Uni

Von Margrit Hillmann

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Marine le Pen, Spitzenkandidatin des rechtsextremen "Front National" bei einer Wahlkampfveranstaltung für die französischen Regionalwahlen. (picture alliance / dpa / Pierre Le Masson)
Marine le Pen, Spitzenkandidatin des rechtsextremen "Front National" bei einer Wahlkampfveranstaltung für die französischen Regionalwahlen. (picture alliance / dpa / Pierre Le Masson)

Der Front National ist derzeit die erfolgreichste französische Partei, sie überzeugt auch die meisten Jungwähler. Der Front National versucht auch bei Studenten zu punkten. Sie sollen die Reihen der Partei stärken und Führungsposten übernehmen - da freuen sich rechte Studentenbünde.

Mehrere Dutzend Studenten – überwiegend junge Männer – sitzen am frühen Abend im Hörsaal 3 der juristischen Fakultät Assas. Teilnehmer einer Konferenz über den Ausstieg aus dem Euro, organisiert von Assas-Patriote, ein rechtsextremer Studentenverein aus dem Dunstkreis des Front National.

Auf dem Podium sitzen zwei prominente Gastredner: Ökonom Jacques Sapir von der EHESS, der renommierten Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften; daneben Charles Gave, Anfang siebzig – ein alter Haudegen der internationalen Finanzbranche.

Abwechselnd dreschen die beiden rechtslastigen Experten auf die EU und den Euro ein, werfen Brüssel und Deutschland vor, Frankreich in den Ruin zu treiben. Sie wollen den guten alten Franc zurück – für ein souveränes Vaterland.

Zwei Stunden lauschen die Studenten im Saal konzentriert den nationalistischen Diskursen, dann steigt ein Mittzwanziger - klassischer dunkelblauer Anzug, graue Krawatte – aufs Podium.

Er bedankt sich höflich bei den Gastrednern, dann drängt er die Studenten im Saal: Wer noch kein Mitglied der Assas-Patrioten ist, möge am besten gleich den Antrag ausfüllen. Der Front National interessiert sich für jeden Studenten. Die Partei sucht händeringend gut ausgebildete Führungskräfte.

Fünfzig aktive Mitglieder, darunter zwei gewählte Studentenvertreter zähle der Verein schon, Tendenz steigend, versichert der Sprecher der Assas-Patrioten. Wie ist gleich sein Name? Er rückt seine aschgraue Krawatte zurecht.

Sympathien für Pegida

Journalisten gäbe er nie seinen Namen, stammelt der rechtsextreme Jurastudent, wegen eventueller Nachteile später bei der Jobsuche. Dann spricht er von politischer Aufklärungsarbeit, die Assas-Patriote an der Fakultät leiste. Sein forscher Ton ist wieder da.

"Wir wollen die Studenten darauf aufmerksam machen, dass Frankreich seine Staatshoheit verliert. Dass nicht – wie wir in der Schule lernen – das Volk unser Land regiert, sondern die EU-Kommission." 

Die Assas-Patrioten wollen die Identität des französischen Volkes verteidigen, verehren den alten Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen als einen Helden des Widerstands. Und natürlich hegen sie große Sympathien für die deutsche Pegida-Bewegung, sagt ihr Sprecher, lächelt, als mache er ein willkommenes Kompliment.

"Wir verteufeln Pegida nicht. Europa hat das Recht, seine Identität zu verteidigen, gegen die Islamisierung zu kämpfen. Wir unterstützen den Kampf gegen die Islamisierung!" 

Draußen vor dem Uni-Eingang verabreden sich Assas-Patrioten zu einem Glas Bier. Ilan - dunkler Lockenkopf, tiefhängende Jeans - ist erst seit einigen Wochen bei den Patrioten, aber schon länger Front-National-Parteimitglied.

"Ich teile ihre Ansichten über den Euro, Immigration, einen souveränen Nationalstaat, die wachsende Kriminalität und die Islamisierung Frankreichs."

Der 19-jährige Jurastudent will Notar werden und nebenbei Politik machen. Front-National-Politik. Die Zeiten sind günstig wie nie, ist er überzeugt. Selbst an den Unis. Auch wenn sie dort noch hin und wieder drangsaliert würden. Zum Beispiel an der Sciences Po, der Pariser Elitehochschule für Politikwissenschaften, sagt Ilan.

Die Sciences-Po ist nur 500 Meter von der juristischen Fakultät entfernt. Im Oktober haben dort die Studenten nach einem komplizierten Abstimmungsverfahren grünes Licht für eine FN-Gruppe an der traditionell eher linken Elitehochschule gegeben.

Bloß ein schlechter Witz?

Gegen Mittag wimmelt es in der Eingangshalle: Studenten auf dem Weg zur Mensa, auf den gepolsterten Bänken, ihren Laptop auf dem Schoss. Andere diskutieren vor der großen Stellwand. Die hängt voll mit Zetteln und Plakaten, die meisten politisch: Werbung für die Sozialistische Jugend, ökologische Botschaften, Termine für politische Debatten der konservativen Studentengruppe. - Nur vom Front National ist keine Spur.

Front-National-Plakate werden sofort wieder abgerissen und landen im Papierkorb, erzählt ein Student, der gerade einen Termin an die Stellwand pinnt. Er ist Mitglied der konservativen Republikaner-Studentengruppe. Dass der Front-National jetzt auch mit einer Gruppe in Sciences-Po vertreten ist – das findet er richtig.

"Ich glaube, wenn man sie stigmatisiert, schlagen sie daraus Kapital. Das hilft ihnen nur. Man muss sie behandeln, wie eine normale Partei, sie widerlegen. Nur so kann man etwas gegen sie erreichen, ist meine Meinung." 

Zwei Studenten, die vor einem Kaffeeautomat stehen, sehen das anders. Dass der Front National sogar an der französischen Vorzeige-Uni für Politikwissenschaften Fuß fasst – das macht ihnen Angst.

Der rechtsextremen Studentengruppe die Türen öffnen - sei nicht ohne Risiko, sagt der Student, rührt langsam seinen Kaffee. Es gäbe immer mehr Studenten, die ganz offen Front-National-Postionen vertreten. Die Studentin neben ihm nickt. Das hat auch sie schon festgestellt.

"Hier, in der Sciences-Po, gehört der politische Dialog zur Kultur, das Äußern politischer Meinungen zum Studium. Und ich habe bemerkt, dass Leute mit manchmal sehr rechtsradikalen Ideen überhaupt keine Scham mehr haben, sie zu äußern." 

Dass sich der rechtsextreme Front National in der angesehensten Hochschule für Politik Frankreichs etabliert – das hätte noch vor wenigen Jahren jeder für einen schlechten Witz gehalten.

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