Frith: Plattenindustrie büßt ihre Rolle ein

Festivals befinden sich im Aufwind, sagt Simon Frith. © Stephan Flad/Melt-Festival
Simon Frith im Gespräch mit Joachim Scholl · 20.01.2010
Auf die Musikbranche kommen nach Ansicht des britischen Musikwissenschaftlers und Soziologen Simon Frith harte Zeiten zu. Die Tonträgerindustrie werde künftig nicht mehr die zentrale Rolle spielen, sagte er.
Joachim Scholl: 1,6 Millionen CDs verkaufte Madonna von ihrer CD "Confessions on a Dance Floor", für den Superstar ein eher mageres Ergebnis. Aber 200 Millionen Dollar spielte die Künstlerin allein auf ihrer darauffolgenden Welttournee ein. So sind die neuen Verhältnisse in der Popmusik: Die kommerzielle Bedeutung der CDs sinkt, weil kontinuierlich weniger verkauft werden, der Live-Auftritt wird immer wichtiger. Was dieser Umschwung für den Musiker und die Musik bedeutet, wollen wir mit dem britischen Musikkritiker und -soziologen Simon Frith diskutieren, er ist bei uns zu Gast und im Gespräch.

Am Ende landete Robbie Williams auf der Straße: Hunderttausende unverkaufte Exemplare seiner CD "Rudebox" wurden 2006 nach China geliefert, dort geschreddert und zu Straßenbelag recycelt. Diese Erfahrung von Superstar Williams ist symptomatisch für die gesamte Branche: Die Umsätze von CDs und anderer Tonträger sind dramatisch eingebrochen. Andererseits verzeichnet die Konzertbranche einen regelrechten Boom.

Hartwig Vens über den Niedergang der CD und den Aufschwung der Konzerte. Im Studio war bei uns Simon Frith. Er ist einer der bedeutendsten Musikkritiker der Welt, in vielen Medien präsent, an der Universität Edinburgh lehrt Simon Frith Musiksoziologie. Seit über 30 Jahren denkt er über Wesen und Entwicklung der Popmusik nach. Simon Frith war bei uns zu Gast und ich habe ihn dieses als Erstes gefragt: Als es noch keine Tonträger gab, weder Platte noch CD, mussten Musiker ja live auftreten, um zu überleben. 100 Jahre ist das her. Gleiten wir wieder in diese Zeit zurück?

Simon Frith: Ja, ich glaube, dass in der Tat ... Bis in die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts mussten Musiker auch stets live auftreten. Erst in der Zeit, die ich mal die Rockzeit nennen möchte, als das Album in Schwang kam, entwickelte sich eine neue Dynamik. Die Plattenfirmen produzierten, sie konnten sehr viel Geld zahlen. Jetzt aber, wo die Plattenfirmen einfach nicht mehr so viel Geld auszahlen können, müssen sich Künstler und auch das Publikum insgesamt zurückbesinnen auf den Live-Auftritt. Die ganze ökonomische Grundlage verändert sich, obwohl die Menschen natürlich immer auch live aufgetreten sind.

Scholl: Was bedeutet das für den Künstler, den Musiker, wenn er wieder vornehmlich auf der Bühne steht?

Frith: Ich glaube in der Tat, wir müssen genauer anschauen, wie die Karrieren heute verlaufen. Ich glaube, wir haben grundsätzlich zwei Arten von Künstlern, einerseits solche, die eben durch den Aufbau der Plattenindustrie, die ganz stark in diese Künstler investiert, nach und nach Ruhm aufbauen, letztlich so eine Fangemeinde sich schaffen und dann auch an Live-Auftritten sehr gut verdienen könnten. Die Rolling Stones zum Beispiel haben über 25 Jahre hinweg sicherlich mehr Geld dadurch verdient, dass sie auf Tour gingen, als dadurch, dass sie Platten verkauft haben. Aber das war eben nur dadurch möglich, dass die Plattenindustrie erst so viel in sie investiert hat. Es war eine ganz besondere Branche, diese Plattenindustrie. Sie haben damals so viel verdient, dass sie es sich leisten konnten, in eine ganze Fülle von Künstlern zu investieren, von denen eine große Zahl niemals wirklich Gewinn abwerfen würde. Heute hat sich die Situation verändert. Wie können die jetzt hochkommenden Künstler sich eine Fangemeinde schaffen? Nun, dazu müssen sie eben live auftreten. Viele, sehr viele dieser Musiker treten auf und verdienen nicht Geld, sie verlieren eher Geld durch einen Auftritt. Wir haben jetzt also diese sehr merkwürdige Situation, dass sehr viel Geld verdient wird durch Live-Auftritte, aber eben von einer sehr geringen Anzahl von Musikern, während die meisten eben so ihr Dasein fristen.

Scholl: Früher gab es sogenannte Studiobands, ein Beispiel ist Steely Dan, die in den 70er- und 80er-Jahren sieben Alben produzierten, Welterfolge allesamt, und nie gingen sie auf Tour, weil sie sagten: Wir sind einfach keine Live-Band, wir sind scheue Intellektuelle. In Deutschland könnte man die Band Kraftwerk als ähnliches Beispiel anführen. Haben solche Künstler heute überhaupt noch eine Chance?

Frith: Ja, es ist ja interessant zu sehen, dass Kraftwerk erst kürzlich eine sehr erfolgreiche und mit hohen Preisen versehene Tour durchgezogen hat, und dass andererseits die Beatles ihre größten Plattenerfolge hatten, nachdem ihre große Tourzeit schon abgeschlossen war, das heißt, wir haben so eine Art Übergang. Insgesamt ist meine Antwort wohl eher ja, aber mit einem gewissen düsteren Unterton. Es wird sicherlich noch Plattenverkäufe geben, Platten, Tonträger werden weiterhin benötigt werden, aber eben nicht mehr von den einzelnen Konsumenten nachgefragt werden, sondern zum Beispiel von der Filmbranche, von TV-Produzenten. Die brauchen halt irgendwelche Hintergrundmusik für ihren Soundtrack. Aber insgesamt wird es sich verändern wie zum Beispiel auch in der Band Steely Dan, die Sie erwähnt haben. Es werden andere Modelle nach vorne kommen.

Scholl: Was bedeutet dieser Wandel aber auch für die Musik selbst? Wird sie sich auch verändern, dass man etwa in Zukunft die Produktion einer CD hauptsächlich unter dem Aspekt von Live-Tauglichkeit gestaltet?

Frith: Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich glaube, Live-Musik wird immer auch eine Art bleiben, wie die Bands an ihr Publikum herantreten. Sie mussten sich immer auch darum kümmern, wie Live-Musik klingt. Nehmen Sie zum Beispiel Led Zeppelin, die mussten immer auch schauen, wie das auf der Bühne dann rüberkommt. Es gilt also stets, diese beiden Aspekte zu berücksichtigen. Eines ist wohl klar: Es wird sehr viel weniger Geld zur Verfügung stehen, damit diese großen Live-Auftritte auf die Bühne gebracht werden können, wie es zum Beispiel bei den Stones war. Die Durchschnittsband wird einfach nicht mehr genug Geld haben, um diese großen Shows in Szene zu setzen. Sie müssen dann sehr viel mehr gewissermaßen auf den Kernbestand des Musikalischen zurückgehen, etwa die Arctic Monkeys wären ein gutes Beispiel, sie müssen einfach Musik machen und kaum etwas noch dazu. Aber die Tatsache, dass Live-Auftritte so wichtig sind, bedeutet nicht, dass jetzt keine Tonträger mehr produziert werden, das wird sicherlich weitergehen. Es ist weiterhin eine Art, wie man seine Fans erreicht, und es ist nur eine andere Logik zwischen diesen beiden Formen dann entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Radiohead, die ja sehr sorgfältig auch ihre Aufnahmen vorbereiten, aber eben zugleich auch ganz hartnäckig an ihren Live-Auftritten arbeiten. Ich glaube also, diese beiden Formen müssen Hand in Hand gehen.

Scholl: Dann haben Sie vorhin schon darauf verwiesen, dass es eine Zweiklassengesellschaft gibt: die Großen, die Superstars, die Superreichen, die sich große Shows leisten können und für die das Publikum auch alles zahlt – jüngere Beispiele wären Madonna, U2, Police –, gigantische Umsätze durch Tourneen, aber auch exorbitante Preise für Eintrittskarten: bis zu 300 Euro. Die kleinen Bands werden es dagegen schwer haben. Aber, anders gefragt: Gibt es überhaupt genug Publikum für alle?

Frith: Ja, das ist eine sehr interessante Frage. Es hängt natürlich am Geld, ob genug Geld da ist, und ich glaube, eher nein. Das ist auch der Grund dafür, weshalb die Bands nicht mehr die ganze Zeit auf Tour gehen können. Da gibt es zwei mögliche Lösungen dafür. Die eine Lösung ist das Festival, dass man also sagt, die Zuschauer gehen einmal im Jahr für vier bis fünf Tage auf ein Festival und hören dann sehr viele verschiedene Bands – und diese vielen Bands erzeugen dann genug Umsatz, sodass die großen, die erfolgreichen auch die kleineren mitziehen können –, oder, wie etwa die Rolling Stones oder U2, die sehr selten auftreten, vielleicht einmal alle vier Jahre, um diese wirklich exorbitant hohen Preise aufrecht erhalten zu können. Ich glaube nicht, dass sich so hohe Preise anders noch halten lassen, sondern man muss dann vielleicht zu niedrigeren Preisen häufiger auftreten. Prince zum Beispiel, die sind dann sehr häufig hintereinander aufgetreten. Die ganz großen Acts werden mit wenigen Auftritten noch genug Geld verdienen können, aber schon die Klasse darunter wird das kaum mehr schaffen.

Scholl: Prince, das war seine letzte Tour, eine clevere Geschichte, 21 Konzerte hatte er in London hintereinander ausverkauft und vorher die CD kostenlos einer Zeitung beigelegt für Abonnenten. Simon Frith, die Musikindustrie hat sich schon eingestellt auf dieses Live-Geschäft, man spricht von einem umfassenden Modell, einem 360-Grad-Modell, das heißt, die Plattenindustrie macht alles, das ganze Merchandising, die Produktion der CDs, die Touren, also sozusagen einen Rundum-Service. Ist das Live-Geschäft in dieser Form die Zukunft, vielleicht auch die Rettung der Musikindustrie?

Frith: Das hängt ganz davon ab, was Sie unter Musikindustrie verstehen. Wenn Sie die Plattenindustrie meinen mit diesen 360 Grad, pauschal angeboten, da würde ich sagen: Die werden es auf Dauer nicht schaffen, weil sie einfach nicht genug Geld damit erzeugen werden, um das aufrechtzuerhalten. Andererseits werden wir immer stärker im Kommen sehen die Manager, die Agenturen, die zusammen mit Promotern dann bestimmte Bands unter Vertrag nehmen und dadurch ihr Geschäftsmodell aufbauen. Für die wird die Plattenindustrie einfach nur eine Art Zulieferer sein, der Produzent, der eben die Musik bereitstellt. Das ist eben der große Unterschied, den es da zu berücksichtigen gilt. Die Plattenindustrie konnte ja traditionell dem Künstler von einem CD-Verkauf kaum mehr als 50 Prozent zukommen lassen, während die großen Acts bei Live-Auftritten 90 Prozent einstreichen konnten und zugleich auch noch ihre Extraprovision für diesen Servicezuschlag bekamen. Also, die konnten davon ganz hübsch verdienen. Wir kommen wieder zu diesem Zweiklassenmodell zurück, von dem ich vorhin gesprochen habe. Aber meine Gesamtantwort auf Ihre Frage ist: Ja, sicherlich, die Musikindustrie wird sich anpassen an die neue Lage, aber die Tonträgerindustrie wird nicht mehr diese zentrale Rolle spielen.

Scholl: Wird es in 50 Jahren noch Plattenfirmen geben?

Frith: Es wird Plattenfirmen geben, die vor allem verzweifelt versuchen werden, das europäische Recht so zu ändern, dass sie mit einer Art Katalogsystem auch alte, vor 50 Jahren hergestellte Platten noch weiter zu vermarkten. Das wird dabei im Wesentlichen das Wesen der Plattenfirmen sein.

Scholl: CDs sind out, Konzerte sind in. Das war der Musiksoziologe und Kritiker Simon Frith. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!