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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2011

Frisches Ermittlerduo im Einsatz

Joachim Król und Nina Kunzendorf im neuen Frankfurt-"Tatort"

Von Stefan Keim

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Nina Kunzendorf und Joachim Król sind die neuen Frankfurter "Tatort"-Kommissare. (dapd)
Nina Kunzendorf und Joachim Król sind die neuen Frankfurter "Tatort"-Kommissare. (dapd)

Der neue "Tatort" aus Frankfurt bricht gleich mit einer zentralen Regel des Genres: Es geschieht kein Mord. Vielmehr muss das neue Ermittlerduo aus Nina Kunzendorf und Joachim Król eine Gewalttat verhindern. "Eine bessere Welt" heißt der Film, mit dem die beiden Schauspieler ihr gelungenes Debüt geben.

"Darf ich Sie fragen, wer Sie sind?"
"Ist das Ihr Ernst? Die Conny Mey vom Mord 3. Aber wir kennen uns doch."
"Wenn wir uns kennen würden, wüssten Sie, dass ich nicht Steiger heiße."
"Hab ich Steiger gesagt? Tschuldigung."

Steier heißt er, Frank Steier, und daran muss man sich erst mal gewöhnen. Denn der Schauspieler Joachim Król spielt nicht zum ersten Mal einen Fernsehkommissar. Vor zehn Jahren hieß er Brunetti und ermittelte in beschaulichen Donna-Leon-Verfilmungen. Dann wechselte er nach Essen und jagte unter dem Namen Lutter im Ruhrgebiet Verbrecher. Doch so richtig schien das ZDF dieser Serie nicht zu vertrauen. Nach jeder Folge gab es Diskussionen, ob die nächste überhaupt gedreht würde.

So landete Joachim Król nun beim Tatort, denn da wird immer produziert. Fast jeden Monat gibt es drei Erstausstrahlungen. Króls Rolle ist eine klassische Figur für einen Schauspieler über 50. Frank Steier war mal eine große Nummer, aber irgendwas hat seine Karriere zum Stillstand gebracht. Nun sitzt er am liebsten in einem dunklen Büro, ist verbittert und schiebt Dienst nach Vorschrift. Solche Figuren kennt man aus dem Kino, fast immer werden sie von jüngeren Kollegen auf Trab gebracht. So geschieht es auch beim neuen Tatort-Paar. Frank Steier trifft auf Conny Mey, Joachim Król auf Nina Kunzendorf. Sie ist noch unter 40 und nimmt es sehr ernst, als ein Mann mit psychopathischen Zügen im Kommissariat auftaucht und in düsteren Andeutungen eine Gewalttat ankündigt.

"Niedliche junge Mörderin macht Party, und meinem Sohn stirbt das Gehirn ab. Aber vielleicht passiert ja auch mal was. – Was wollen Sie damit sagen? – Es ist ne freie Meinungsäußerung im Sinne des Grundgesetzes. Haben Sie das anders aufgefasst?"

Fast alle Tatort-Drehbücher gehorchen einer eisernen Regel: Am Anfang steht ein Mord. Doch der der erste Fall von Król und Kunzendorf ist ein Tatort ohne Tatort. Denn es ist noch nichts passiert. Bei den beiden Hauptkommissaren führt das zu einer Grundsatzdiskussion, ob sie überhaupt ermitteln sollen.

"Sie wissen doch, dass wir nichts machen können, solange er nicht tätig geworden ist. Das wissen Sie doch, oder? Was Sie in Ihrer Freizeit machen, ist mir natürlich wurscht."
"Hab ja jetzt Freizeit. Und Sie? Kommen Sie mit? Nee, Sie nich, ne? Haben auch einen langen Tag hinter sich. Jetzt ein schönes Feierabendbierchen, nicht wahr, Herr Steier?"

Nina Kunzendorf nuschelt ein bisschen. Ihre Stimme klingt oft so als würde sie flirten. Sie trägt enge Hosen und eine weit aufgeknöpfte Bluse wie Julia Roberts im Hollywoodfilm "Erin Brockovich". Nina Kunzendorf ist eine Tatortkommissarin neuen Typs, sexy, direkt, flapsig. Sie ist ein ganz anderes Kaliber als die mütterlich-nachdenkliche Eva Mattes oder die spröde Ulrike Folkerts, die erst nach 20 Tatort-Dienstjahren als Lena Odenthal eine Liebesgeschichte geschrieben bekam. Kunzendorf knutscht gleich in der ersten Folge mit dem Polizeipsychologen, der allerdings nicht zu den populären Nebenfiguren avancieren dürfte, die diese Serie immer wieder hervor bringt. Denn er bleibt das pure Klischeebild eines schwafelnden Weicheis.

Doch sonst überzeugt das neue Personal. Im Laufe des Falles kommen sich Król und Kunzendorf schnell näher, was dramaturgisch nicht überrascht aber schauspielerisch zwischentonreich erzählt wird. Sie sind wieder mehr der Wirklichkeit verhaftet als ihre Vorgänger beim Hessischen Rundfunk. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf litten in ihren letzten Fällen unter immer abstruseren Drehbüchern. Und im Kreis der zumeist fröhlichen Ermittlerpaare wie Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär in Köln oder Axel Prahl und Jan Josef Liefers in Münster bilden Król und Kunzendorf einen ernsthaften Gegenpol. Denn beide Kommissare sind einsam, haben keine Familie aber bei aller Gegensätzlichkeit der Temperamente ein gemeinsames Ziel, das der Titel ihres ersten Falles beschreibt: "Eine bessere Welt".

"In amerikanischen Filmen würden die so jemanden einfach so erschießen."
"Was?"
"Ja, Bruce Willis, Vin Diesel, einer von denen halt."
"Und das finden Sie gut."
"Nee. Ich glaube an ne bessere Welt."
"Da haben wir ja doch was gemeinsam."

Der Tatort braucht neue Impulse. Die Themen sind auch heute aktuell. Anfang des Jahres gab es zum Beispiel einen Tatort über traumatisierte Kriegsheimkehrer aus Afghanistan. Aber die Drehbücher bleiben zu oft in der Konvention stecken. Inhaltlich spannend und ästhetisch innovativ geraten bisher die Krimis mit Mehmet Kurtulus, dem ersten türkischstämmigen Kommissar. Aber die Quoten blieben mäßig. Zu anspruchsvoll darf ein Tatort anscheinend nicht sein, um zur besten Sendezeit Erfolg zu haben.

Kurtulus jedenfalls hat seinen Vertrag nicht verlängert und hört 2012 auf. Qualität und Popularität zu vereinen ist schwierig. Um originelle Geschichten und Charaktere zu verkaufen, braucht die Serie Stars. Wie nun Kunzendorf und Król. Jetzt müssen nur noch die Quoten stimmen, dann könnte das neue Ermittlerteam eine Bereicherung für den Tatort werden.

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